Was wurde aus dem "Star" des Dokumentarfilms "Happy"?

Hausbesuch bei Dieter Genreith : „Happy“ in der harten Realität

Dieter Genreith aus Steckenborn hat eine Thailänderin geheiratet, die 30 Jahre jünger ist als er. Seine Tochter hat die beiden begleitet und 2016 den preisgekrönten Dokumentarfilm „Happy“ gedreht. Wir wollten wissen, wie diese Geschichte ausgegangen ist. Hat Genreith sein Glück gefunden?

Ist er das? Nein! Oder doch? Die Frau auf dem Beifahrersitz schielt zu dem Fahrer des Taxis herüber. Als sich ihre Blicke treffen, wendet sie sich ab und schaut auf die Straße. Der Fahrer grinst und gibt Gas. Es ist weit nach Mitternacht. Das Taxi fährt durch einen menschenleer wirkenden Vorort Aachens. Die Frau gibt sich einen Ruck. „Kenne ich Sie nicht auf dem Fernsehen?“ Dieter Genreith lacht. Er genießt diese Momente am Steuer seines Wagens.

Die beiden plaudern ein bisschen über Tukta, Genreiths thailändische Ehefrau, und den Film „Happy“. Wie ist die Geschichte ausgegangen? Sind die beiden noch zusammen? Warum fährt er nachts in Aachen Taxi? Wäre es in Thailand jetzt nicht viel schöner? Rupft er immer noch Hühner in seiner Küche? Und wann erscheint eine Fortsetzung des Dokumentarfilms? Gesprächsstoff für die verbleibenden Kilometer gibt es genug. Am Ende steckt ihm die Frau ein gutes Trinkgeld zu, verabschiedet sich und verschwindet in einem Hauseingang. Genreith grinst wieder. „Wenn du jemanden ins Südviertel fährst, runden die Herrschaften meist noch nicht einmal um zehn Cent auf. Je weniger die Menschen haben, desto großzügiger sind sie.“

Dieter Genreith weiß viel über die Menschen. Er ist 67 Jahre alt, hat über 20 Jahre als Sozialarbeiter gearbeitet und war später in führender Position in der Stadtverwaltung Stolbergs tätig, unter anderem als Geschäftsführer des Integrationsrates. Er lebt seit 30 Jahren in Steckenborn in der Eifel, wo er Ende der 1980er Jahre einen alten Bauernhof gekauft hat. Genreith ist aber vor allem eines: Protagonist des preisgekrönten Dokumentarfilms „Happy“ und Hauptdarsteller seines eigenen Lebens. Ein Leben, das er seit neun Jahren mit der Thailänderin Tukta (36) teilt. Am 30. Oktober feiern die beiden ihren vierten Hochzeitstag.

Dieter Genreith mit seiner Frau und seiner Tochter Carolin bei den Dreharbeiten in Thailand. Foto: Zorro/-

Genreiths Tochter Carolin begleitete das ungleiche Paar im Jahr 2016 über mehrere Monate mit ihrer Kamera. Ihr Film beschreibt die Geschichte ihres Vaters schonungslos, offen und gleichsam sehr berührend. Was ist Liebe? Kann man Liebe kaufen? Warum verbindet sich eine junge Thailänderin mit einem mehr als 30 Jahre älteren Mann aus der Eifel? Ist mein Vater womöglich nur ein Sextourist? Diesen Fragen geht die inzwischen in Hamburg lebende Dokumentarfilmerin in „Happy“ nüchtern und sehr präzise nach. Das Filmende ist allerdings wie das Leben: offen. Erlebt der Rentner mit seiner jungen Ehefrau wirklich einen zweiten Frühling? Der Zuschauer zweifelt, auch wenn man den beiden am Ende alles Glück dieser Welt wünschen mag. Der Streifen läuft erfolgreich in vielen kleineren Kinos – nicht nur in Deutschland. Dieter und seine Tukta reisen sogar zur Premiere in die georgische Hauptstadt Tiflis, wo beide vom Publikum wie Filmstars gefeiert werden.

Das ist nun zwei Jahre her. In Steckenborn ist Alltag eingekehrt. In dem alten Bauernhaus scheint bisweilen die Zeit still zu stehen. Es duftet ein bisschen nach Stall, wenn man die gute Stube mit ihren niedrigen Decken betritt. Das ist auch kein Wunder, denn die Tiere leben direkt nebenan. Schweine, Puten, Hühner, Gänse und mehrere Bienenvölker nennen die Genreiths ihr eigen. Tukta setzt Kaffee auf. Sie ist gerade von ihrem Job aus der „Biker Ranch“ zurückgekehrt. In der Eifel werden die Tage kürzer, draußen stürmt und regnet es.

Tukta chattet sonst täglich mit ihrem 16-jährigen Sohn, der nach wie vor in Thailand lebt. Sie ist etwas niedergeschlagen, weil ihr Mobiltelefon defekt ist. Im Januar wird sie wieder für vier Wochen in ihre Heimat fliegen und ihren Sohn in die Arme schließen können. Bis dahin vergeht noch viel Zeit. „Manche Träume haben sich zerschlagen, aber wir sind happy“, sagt Genreith lachend, während er an einem chinesischen Keks knabbert. Er lacht viel und gerne.

Mit der Neugier seiner Mitmenschen kann der Rentner gut leben. „Wenn der Film gerade wieder irgendwo im Fernsehen lief, werden mir viele Fragen gestellt. Das ist schon in Ordnung.“ Er könne sich schon denken, dass sich manche „das Maul über mich zerreißen“. Die meisten Reaktionen seien aber ausgesprochen positiv gewesen. „Der Film hat viele Menschen berührt. Deshalb kann ich damit gut leben.“

Von den großen Plänen, die das Paar bei der Hochzeit schmiedete, konnten die Genreiths einige nicht umsetzen. Ein Haus in Thailand zu bauen. Oder dort die Hälfte des Jahres zu leben. „Dafür reicht das Geld einfach nicht. Ich müsste mein Leben hier aufgeben und ganz nach Thailand ziehen. Das kann ich mir aber nicht vorstellen.“ Thailand gefalle ihm seit dem jüngsten Militärputsch nicht mehr sonderlich. „Ich könnte nicht in einem Land leben, in dem es keine Demokratie gibt.“ Außerdem sei das Leben dort deutlich teurer geworden. So lebt Tukta, die sich mit der deutschen Sprache nach wie vor schwer tut, zwei bis drei Monate im Jahr bei ihrer Familie in Thailand. Im Winter verbringt das Paar meist einen gemeinsamen Urlaub dort. Im Sommer kann Genreith seine Tiere hingegen nicht länger als eine Woche allein lassen. Vor allem die Bienen bereiten ihm sonst Sorgen.

Tukta fällt die Trennung von ihrem Sohn sichtlich schwer. Doch der soll weiterhin in Thailand bleiben. „Ich hätte sonst das Gefühl, ihn dort aus seinem Leben herausgerissen zu haben“, sagt Genreith und schaut lange und intensiv zu seiner Frau. „Er ist gut in der Schule und ein toller Fußballspieler. Wir hoffen, dass aus ihm später einmal mehr wird als ein Handwerker.“

Hat Dieter Genreith die Liebe für sein Leben gefunden? „Ich habe Glück gehabt“, sagt er und lächelt. Tukta sei nun in Steckenborn angekommen, was eine Weile gedauert habe. „Wir beide sind in der Realität gelandet. Sie arbeitet hart – und ich auch.“ Manchmal hänge halt auch der Haussegen schief. Doch das sei schließlich ganz normal. „Mit einer deutschen Frau hätte ich mir mein Leben hier nicht mehr vorstellen können. Ich habe mir mit Tukta nicht nur ‚was fürs Bett geholt‘, wie hinter meinem Rücken gelästert wurde.“

Drei bis vier Nächte in der Woche fährt Genreith nun in Aachen Taxi, um dieses Leben zu finanzieren und seine Rente aufzubessern. Dabei schwelgen die beiden nicht gerade im Luxus. Die Reisen gehen ins Geld, und auch der kleine Hof will unterhalten werden. „Ich muss das machen, was den Generationen nach mir erst recht blüht“, sagt der Rentner über seinen Nebenerwerb. Bitter sei dies nach mehr als 45 Berufsjahren, davon nicht wenige in führender Position. „Als Rentner lässt man dich oft spüren, dass du nicht mehr den Stellenwert hast wie ein junger Mann.“ Deshalb fährt Genreith lieber Taxi, zum Mindestlohn. Im Auto ist er allein mit sich und seinen Fahrgästen und muss sich nichts sagen lassen. „Sind Sie glücklich?“, fragen ihn dann manche. Ja, antwortet er darauf. „Happy.“

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