Lammersdorf: Walderlebnistage: Unterwegs mit Förster Jörg Melchior

Lammersdorf: Walderlebnistage: Unterwegs mit Förster Jörg Melchior

„Eine der blödesten Erfindungen der Menschen ist der Laubsauger und gleich danach kommt der Fadenmäher“, schimpft Förster Jörg Melchior, und seine Zuhörer stimmen ihm uneingeschränkt zu, denn der Förster hat soeben schlüssig erklärt, dass es nicht die nervige Lautstärke der beiden Geräte ist, die ihn ärgert, sondern der damit angerichtete Schaden für die Natur: Der Laubsauger verschluckt nicht nur Blätter, sondern auch viele nützliche Insekten, und der Fadenmäher, mit dem die Menschen gerne Heckenränder säubern, hat schon so manchen Igel böse erwischt.

Wenn die Walderlebnistage in der Gemeinde Simmerath in den Sommerferien anstehen, dann sind spannende und ungewöhnliche Geschichten immer garantiert oder wie viele Teilnehmer es ausdrücken: „Hier kann man wirklich etwas lernen.“ Das bestätigen große und kleine Naturfreunde gleichermaßen, und deshalb werden die Walderlebnistage ja auch von Jahr zu Jahr beliebter.

Seit 15 Jahren bietet Forstamtsmann Jörg Melchior vom Landesbetrieb Wald und Holz diese „Wald-Safaris“ im Simmerather Gemeindewald an, die geprägt sind von seiner individuellen Art, den oft verlorenen Bezug zur Natur wieder herzustellen. Melchior ist kein Oberlehrer, sondern lässt sein Wissen geradezu beiläufig einfließen. Geduldig beantwortet er die Fragen von Jung und Alt und lenkt den Blick auf die Alltäglichkeit in der Natur, die der Wahrnehmung der Meisten längst entrückt sind.

„Schon lange war das Interesse an den Walderlebnistagen nicht mehr so groß wie in diesem Jahr“, staunt Melchior. Fast 550 Teilnehmer kamen zu den 18 Veranstaltungen in der Woche zu Beginn und der zweiten Woche am Ende der Sommerferien. Mehrfach mussten Zusatztermine am Nachmittag nachgeschoben werden, um der großen Nachfrage gerecht zu werden.

Einen regelrechten Ansturm gab es auf das Angebot „Schnitzen für Groß und Klein“. 81 Teilnehmer meldeten sich an, und auch für die heutige Ganztagsveranstaltung mit dem Einstieg in die Mauer der Kalltalsperre ist das Interesse riesig. Noch bis Sonntagnachmittag läuft das Angebot.

Schützen allein reicht nicht

Die von Jörg Melchior vermittelte Form der Waldpädagogik ist weder ideologisch geprägt, noch wird die Natur als unberührbares Schutzgut verklärt. In seiner Betrachtung hat der Wirtschaftswald eine ebenso bedeutende Funktion wie die Naturschutzgebiete. „Man darf auch mal den Weg verlassen“, ermuntert Jörg Melchior seine Teilnehmer zur direkten Kontaktaufnahme, denn sonst könne man die Natur überhaupt nicht richtig kennenlernen. Sein Ziel sei es sehr wohl, „die Menschen für die Natur zu sensibilisieren“, aber nicht allein durch striktes Beschützen könne dieses Ziel erreicht werden. Bei den Walderlebnistagen dürfen die Kinder im Bach spielen und sich auch einen dafür geeigneten Ast zum Schnitzen abbrechen. An einem Tag wurden Wildkräuter gesammelt und zum Abschluss in der Pfanne zubereitet.

Der Förster versucht ein natürliches Miteinander zwischen Menschen und Natur zu vermitteln, das von Respekt geprägt sein müsse, aber auch die Möglichkeit einräume, den Wald zu nutzen. Melchior: „Der Wald ist auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, und Bäume zu fällen, ist nicht grundsätzlich verkehrt. Auch das ist intakte Natur.“

„Tiere des Waldes“ lautet das Thema des Vormittags, als Jörg Melchior die Gruppe aus Kindern und Erwachsenen in der Pausenhalle der Kalltalschule Lammersdorf um sich versammelt. Aus der Eifel, aber auch von weiter her kommen die Teilnehmer, und auch einige Urlauber lernen die Eifel gerne mit Hilfe der Walderlebnistage besser kennen. Die Mundpropaganda ist die beste Werbung für die Walderlebnistage, auch wenn das Team um Brigitte Jansen bei der Gemeinde Simmerath lange vor den Sommerferien in Schulen und Kindergärten der Region das Angebot publik macht und bei der Organisation behilflich ist.

Der Einstieg in die „Wald-Safari“ findet am Naturschaukasten in der Grundschule statt. Hier gibt es erste interessante und spannende Informationen über das Sozialleben im Ameisenhügel, die Nachtaktivitäten des Regenwurms, die Jagdmethoden des Mauswiesels, die Höchstgeschwindigkeit des Wildschweins und die Wirkung von Blattlaus-Pippi.

Lebhaft und anschaulich erläutert Jörg Melchior die kleinen und großen Zusammenhänge in der Natur, und schon bald stürzen die Fragen der Kinder und Erwachsenen auf ihn ein.

Dass die Füchse sich so nahe an die Häuser trauen und Wildschweine sich in den Städten breit machen, findet Jörg Melchior überhaupt nicht lustig oder romantisch. „Man muss den Tieren des Waldes wieder ihre Grenzen aufzeigen und deutlich machen, wo das Revier des Menschen beginnt“, fordert der Förster eine klare Trennung. Auch die inzwischen verbreitete Begeisterung für die Wiederansiedlung des Wolfs kann Melchior nicht teilen. „Der Wolf ist für den Menschen zwar recht ungefährlich, aber wenn er die ersten Schafe reißt, dann wird es mit der Begeisterung schnell vorbei sein.“

Bevor es dann hinaus geht, beantwortet der Förster noch wahrheitsgetreu die Frage, ob der Aufenthalt im Wald denn eigentlich gefährlich sei. Jörg Melchior: „Das Gefährlichste, was mir bisher im Wald passiert ist, war, dass ich mit meinem Auto in einen Graben gerutscht bin.“

Der Weg führt die Teilnehmer dann über den historischen Karrenweg hinunter ins Keltzerbachtal, wo es dann um das Thema des Tages, die „Tiere des Waldes“ geht. Diese Tiere seien nicht immer groß und auch nicht immer auf den ersten Blick sichtbar, erläutert der Förster. Beim Umdrehen der Steine im Bachbett erkennen die Kinder dann, was Jörg Melchior damit gemeint hat.

Auch für den Förster war jede der bisherigen Exkursionen ein Gewinn, „weil ich absolut motivierte Gruppen hatte“. Und manchmal kann sogar auch der Förster etwas lernen, so zum Beispiel, dass der Extrakt aus Löwenzahnblättern oder deren Blüten ein wirksames Mittel gegen Warzen ist.

(P. St.)
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