Roetgen: Vom Ortskern an die Bundesstraße: Herausforderungen für den Handel

Roetgen : Vom Ortskern an die Bundesstraße: Herausforderungen für den Handel

Auf den ersten Blick scheint die Gemeinde Roetgen in Sachen Einzelhandel gut aufgestellt zu sein. Entlang der Bundesstraße finden sich Discounter, Supermärkte und einige andere Geschäfte. Im Ortskern gibt es noch eine Metzgerei, eine Buchhandlung, eine Apotheke, ein Schreibwarengeschäft, einen Obstladen, einen Blumenladen, einen Getränkehandel, ein TV-Geschäft und einen Laden für Haushaltswaren, Geschenkartikel, Gartenzubehör, Elektrogeräte und vieles mehr.

Im nahen Belgien ist der Einkauf auch sonntags möglich, und im Ortsteil Rott gibt es außerdem noch den Dorfladen. In der Vergangenheit war die Existenz des Dorfladens immer wieder bedroht, nicht zuletzt auch wegen der starken Konkurrenz durch die Discounter. Von einer drohenden Schließung sei inzwischen aber keine Rede. „Das ist überhaupt kein Thema mehr“, sagt Ludwig Siebertz, der Vorsitzende der Konsumgenossenschaft Eicherscheid e.G, die die beiden Dorfläden in Rott und Eicherscheid betreibt.

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Die Läden seien in den Orten gut integriert und würden von den Bürgern angenommen. Man habe neue Werbepartner gefunden, und in den vergangenen Jahren habe man es geschafft, die Kosten stark zu reduzieren. Zum Beispiel sei es gelungen, die Energiekosten um fast die Hälfte zu verringern. Nicht gespart würde allerdings bei den Lohnkosten. Die Genossenschaft bezahle deutlich über dem Mindestlohn. Insgesamt sei die Geschäftsentwicklung inzwischen sehr erfreulich.

Die Geschäftsinhaber im Ortskern von Roetgen haben jeweils ihre eigene Sichtweise auf die Situation des Handels: Obsthändler Rainer Niessen überlegt, seinen Laden zu schließen. Für Ute Kessel ist das hingegen kein Thema. Die Metzger Marco und Michael Wilms wollen an der Bundesstraße einen Verkaufsautomaten aufstellen, um auch dort präsent zu sein. Andreas Klubert ist gespannt, wie sich die Situation im Ortskern entwickeln wird. Foto: A. Gabbert

Oftmals weite Wege

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Auf den zweiten Blick sieht die Lage in der Gemeinde Roetgen aber nicht ganz so rosig aus. Insbesondere für ältere Menschen, die nicht mehr so mobil sind, ist der Einkauf oft eine Herausforderung, denn die Wege zu den Geschäften sind in der Gemeinde Roetgen je nach Wohnlage oftmals weit. Der Umzug der Sparkassen-Filiale von der Hauptstraße im Ortskern an die Bundesstraße könnte das Gewicht weiter dorthin verlagern.

Das ist auch Bürgermeister Jorma Klauss bewusst. „Wir haben da durchaus ein Problem, an dem man arbeiten muss“, sagt er. Auch vor dem Hintergrund des Umzugs der Sparkassen-Filiale gelte es ein Entwicklungskonzept für den Ortskern (siehe Box) zu entwickeln. Hier sei auch eine Förderung durch das Land NRW zu erwarten. Die Frage sei, wie mehr Aufenthaltsqualität im Ortskern geschaffen werden könne, denn im Vordergrund müsse das Miteinander der Bürger stehen. Über die Entwicklung solle ergebnisoffen diskutiert werden. „Wir wollen hinhören, was die Bürger zu sagen haben“, erklärt der Bürgermeister. Auch bauliche Maßnahmen könnten ein Ergebnis sein, müssten es aber nicht.

Mit Blick auf die weiten Einkaufswege sei auch der Ortsbus eine gute Sache, „auch wenn einige Dinge noch nicht rundlaufen“, sagt Klauss.

Die Inhaber der Geschäfte an der Hauptstraße blicken recht unterschiedlich auf die Situation. Norbert Huppertz, der Inhaber der Hubertus Apotheke, findet es schade, dass die Sparkassen-Filiale umzieht. „Das war bislang von Vorteil, und auch die Bevölkerung findet den Umzug nicht toll“, sagt er. Er geht davon aus, dass durch den Bau des neuen Edeka-Marktes auch der Ortskern gestärkt wird. Mit Blick in die Zukunft sieht er das größte Problem für den Handel in der zunehmenden Digitalisierung in allen Bereichen und die Verlagerung des Handels in das Internet.

Rainer Niessen betreibt seinen Obstladen schon seit 35 Jahren im Ortskern. „Jeder, der geht, ist eine Schwächung“, sagt er. Durch den Umzug der Sparkasse befürchtet er aber keine großen Konsequenzen. Viel wichtiger sei die Metzgerei gleich nebenan. „Wir profitieren voneinander“, hält er fest. Ein neuer Edeka-Markt wäre aus seiner Sicht eine große Konkurrenz für jeden Einzelhändler. Er plant schon länger, seinen Laden zu schließen, wenn der Supermarkt eröffnet. „Solange das aber nicht der Fall ist, wollte ich das meiner Kundschaft noch nicht antun. Wenn ich 20 Jahre jünger wäre, würde ich auch den Kampf gegen Edeka aufnehmen“, sagt der 64-Jährige.

„Der Einzelhandel im Ortskern stirbt aus. Immer mehr ziehen an die Bundesstraße. Da ist das Geschäft einfacher“, meint Michael Wilms, der mit seinem Bruder Marco die Metzgerei betreibt. Sie würden an der Bundesstraße bald einen Verkaufsautomaten aufstellen, um dort präsent zu sein. Wovon die Metzgerei im Ortskern noch profitiere, seien die Grundschule und die Kindergärten in der Nähe. „Die Frage ist, wie man den Ortskern am Leben erhalten will und Leute anziehen möchte. Für die, die noch da sind, wird es immer schwieriger“, betont er.

Andreas Klubert und sein Bruder sind die Juniorchefs eines Geschäfts für Haushaltswaren, Geschenkartikel, Gartenzubehör, Elektrogeräte und vieles mehr. „Noch ist die Lage gut. Das sind hier alles Familienbetriebe, die hoffentlich noch länger bleiben“, sagt er. Der Internethandel mache es aber nicht einfacher, und auch der Umzug der Sparkassen-Filiale sei nicht ideal. „Ich bin gespannt, wie sich die Situation im Ortskern in Zukunft entwickeln wird“, sagt er. Dabei ist er noch guten Mutes, denn Roetgen wachse und ziehe viele junge Familien an. Viele Kunden würden auch die Beratung und den Service schätzen. Außerdem verfüge man mit einem Sanitär- und Heizungsbetrieb über ein weiteres Standbein. „Das macht die Lage entspannter als bei anderen Einzelhändlern.“

Seit über 40 Jahren betreibt Ute Kessel das Geschäft für Spiel- und Schreibwaren sowie für Kunstgewerbe, das sie von ihren Eltern übernommen hat und das auch über eine Lotto-Annahmestelle verfügt. Mit 14 Jahren hat die heute 74-Jährige schon in dem Laden gearbeitet. „Dass die Sparkasse wegzieht, ist traurig für den Ortskern. Viele ältere Menschen kommen zum Friedhof, zum Metzger oder zum Obstladen. Die müssen jetzt den weiten Weg bis zur Bundesstraße zurücklegen, um ihre Bankgeschäfte zu erledigen“, sagt sie.

Auch sie sieht im Internethandel eines der größten Probleme. „Die großen Sachen bestellen die Leute meist da, statt sie hier im Laden zu kaufen. Wenn ich zumache, kann man in Roetgen keinen Bleistift mehr kaufen“, sagt Kessel. Ans Zumachen denkt sie aber noch nicht: „Was mich beflügelt, sind die Kunden aus den neuen Wohngebieten, die einen Laden wie diesen zu schätzen wissen.“

Wiedereröffnung Edeka

Viele Bürger fragen schon seit längerem, wann der Edeka-Markt an der Rosentalstraße wieder eröffnet. Nach dem Abriss des alten Gebäudes kam es immer wieder zu Verzögerungen. Termine wurden immer wieder aufs Neue verschoben.

Im Februar hatte ein Vertreter der Eigentümerin des Grundstücks auf Nachfrage erklärt, dass auf dem Gelände gefundene Schadstoffe inzwischen abtransportiert und entsorgt seien. Nach der Frostperiode solle es mit den Arbeiten weitergehen. Mit der Fertigstellung des Marktes sei „auf jeden Fall“ in diesem Jahr zu rechnen.

Auf Anfrage teilt die Presseabteilung des Edeka-Konzerns nun mit: „Wir freuen uns, trotz aller unerwarteten Umstände an dem Objekt in Roetgen nun in der Bauphase gute Fortschritte zu machen und die Verzögerungen aufzuholen.“ Die Projektentwicklung in Roetgen habe vor großen Herausforderungen für alle Beteiligten gestanden, so dass Änderungen des Zeitplans notwendig gewesen seien. „Wir arbeiten derzeit intensiv daran, den ursprünglichen Zeitplan mit einer Eröffnung in 2018 einzuhalten und versuchen, dazu möglichst viele Bauabläufe zu beschleunigen“, schreibt die Edeka-Presseabteilung.

Treffen Sie die Lokalredaktion Nordeifel am Tag der Lokalpresse: Wohin soll sich Roetgen in Zukunft entwickeln, damit sich möglichst viele Menschen, die dort leben, auch wohlfühlen? Diskutieren Sie dieses Thema mit der Lokalredaktion Eifel am 6. September ab 19.30 Uhr im Bürgersaal Roetgen. Wir freuen uns auf Sie!

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