Hürtgenwald/Essen: Volksbund Kriegsgräberfürsorge: Kreuze, die zum Frieden mahnen

Hürtgenwald/Essen: Volksbund Kriegsgräberfürsorge: Kreuze, die zum Frieden mahnen

„Der Friedhof ist mir”. Ein Satz, der erst einmal erstaunt. Doch hört man die Erklärung von Manfred Bonn, lässt sich die Bedeutung gut nachvollziehen. Er arbeitet als Friedhofswärter auf dem Ehrenfriedhof Hürtgen im Kreis Düren, einem der größten Soldatenfriedhöfe in Deutschland.

Dort haben 3000 Gefallene des zweiten Weltkrieges ihre letzte Ruhe gefunden. „Seit 20 Jahren sorge ich dafür, dass hier alles seine Ordnung hat. Da entwickelt sich dann schon eine besondere Bindung zu diesem Ort”, erklärt der 50-Jährige.

Vor fast 70 Jahren tobte dort die letzte Abwehrschlacht der deutschen Wehrmacht. Jetzt liegt Frieden über dem Dorf, den Feldern und dem Hürtgener Wald. Wenn die matte Herbstsonne durch die kahlen Äste scheint, das eine oder andere rote Laubblatt auf eines der schlichten Steinkreuze segelt, entsteht ein berührender Moment. Die Gedanken sind beim Leid und dem Schrecken der Toten.

Der Ehrenfriedhof Hürtgen zählt zu den 12.000 Kriegsgräberstätten in Deutschland, die auf mehr als 7600 Städte und Gemeinden verteilt sind. Damit diese Gräber nicht nur Orte bleiben, die in die Vergangenheit weisen, leistet der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge unermüdlich politische und gesellschaftliche Lobbyarbeit. Doch er bangt um seine Zukunft.

„Heute hat man eine andere Sicht auf die Vergangenheit als noch vor 20 Jahren”, sagt Peter Bütler, Landesgeschäftsführer des Volksbundes NRW. Trauer und Erinnerung haben sich geändert. Oft waren es Überlebende und Betroffene, die berichteten und sich auch um die Soldatengräber kümmerten. „In vielen Familien ist das nicht mehr möglich, weil die Erlebnisgeneration verstorben ist”, fügt er hinzu.

Gegründet wurde der Volksbund 1919. Eine Reihe bekannter Persönlichkeiten und großer Verbände hatte damals erkannt, dass die Mittel der deutschen Republik bei weitem nicht ausreichten, um die Gräber der gefallenen Soldaten in Frankreich, Belgien, Polen und Russland zu pflegen. Also gründeten sie eine private Fürsorge. Noch immer ist der Volksbund eine private Vereinigung, die sich - neben einem Zuschuss durch den Bund - durch Mitgliedsbeiträge und Spenden finanziert.

Um die Arbeit des Volksbundes zu sichern, wurde 2001 die Stiftung „Gedenken und Frieden” gegründet. Während im Inland Pflege und Unterhalt an die jeweiligen Friedhofsträger vor Ort delegiert ist, kümmert sich der Volksbund im Auftrag der Bundesrepublik mit eigenem Personal um die Stätten im Ausland. Weltweit sind es mehr als 800 Friedhofsanlagen in 45 Ländern.

An diesen Kernaufgaben wird sich noch lange nichts ändern, denn für Kriegsgräber gilt ein dauerhaftes Ruherecht. Außerdem ist die Suche nach Kriegstoten nicht endgültig abgeschlossen. Vor allem in Osteuropa will der Volksbund noch bis zu 400.000 Gefallene bergen und ihnen eine würdige Grabstätte geben. Zwischen 35.000 und 40.000 Umbettungen finden jährlich statt. In Hürtgenwald sind in diesem Jahr zwei Grabstätten hinzugekommen.

Weil schon immer politische und gesellschaftliche Lobbyarbeit zu seinen wichtigen Aufgaben zählte, sorgte der Volksbund bereits 1920 für eine offizielle Feierstunde zum Gedenken der gefallenen Soldaten. Damit war der Volkstrauertag eingeführt. Heute ist der Volkstrauertag in jedem offiziellen Kalender eingetragen, aber er wird kaum noch wahrgenommen.

Früher hatte Manfred Bonn in den Wochen vor dem Volkstrauertag besonders viel zu tun. Da kamen um die 30 bis 40 Pakete mit kleinen Kränzen oder Blumenbouquets. Angehörige, die weiter weg wohnten, baten ihn, den Kranz auf dem Grab des Vaters, des Bruders oder des Onkels niederzulegen. Das hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. „Jetzt kommen nur noch fünf oder sechs Pakete”, fügt er hinzu.

Für eine 90-jährige Frau aus Braunschweig kauft er jedes Jahr ein Blumenbouquet für das Grab des Bruders. Den Geldbetrag erhält er zuvor, dann macht er ein Foto von dem Grab mit den Blumen und sendet es nach Braunschweig. Die wenigen Blumenbouquets wirken wie kleine Schmuckstücke, denn das Areal ist eine einzig große Rasenfläche, aufgelockert durch die Steinkreuze, ein paar Laubbäume und einem Hauptweg. Früher dagegen waren die Gräber mit kleinen Steinen umrandet und mit Heidekraut bepflanzt.

Nicht nur die Blumenkränze auf den Gräbern werden weniger, auch die Mitgliederzahl geht zurück. Waren es 1972 bundesweit noch um die 660.000 Mitglieder, 1992 dann 287.000, so wurden 2011 nur noch 152.000 Mitglieder gezählt.

Bei den Straßensammlungen ist die Entwicklung nicht ganz so ex­trem. In NRW wurde bis 2008 noch mehr als eine Million Euro eingenommen, 2011 waren es 775.000 Euro. Diese Veränderungen, aber auch stetig steigende Kosten in der Verwaltung führen dazu, dass der Landesverband NRW Personal einsparen und die Zahl der Mitarbeiter in der Zentrale in Essen von 19 auf 14 reduzieren wird.

Das ist ein düsteres Bild vom Volksbund. So düster wie all das, was mit seinem Entstehen zusammenhängt. Krieg, Soldaten, Schicksal, Tod und Trauer - Themen, die man gerne vergisst. Doch für Geschäftsführer Peter Bülter steckt dahinter eine klare Aufgabe. Auch wenn Traditionen veraltet sind, so sollen doch die Inschriften auf den Grabsteinen nicht verblassen. „Wir wollen für eine zeitgemäße Erinnerungskultur sorgen”, betont er.

Seit Jahren bemüht sich der Volksbund im großen Stil um die Jugend, und das mit Erfolg. Um die 16.000 junge Menschen zwischen 15 und 25 Jahren aus verschiedenen Ländern haben im vergangenen Jahr Workcamps und die Jugendbildungsstätten besucht, die europaweit verstreut sind. Für die jungen Menschen ist dies oftmals eine preisgünstige Variante, ein anderes Land und die Leute dort kennenzulernen. Aber nicht nur das zählt. Durch die gemeinsamen Pflegearbeiten an den Gräbern lernen die Jugendlichen auch andere Kulturen kennen. Das Verstehen untereinander soll dadurch gefördert werden. „Es ist uns wichtig, hier einen Beitrag zur Versöhnungsarbeit zu leisten”, betont Peter Bülter.

Mehr Beachtung wünscht er sich von den Lehrern und Schulen. Oftmals lehnen diese mit dem Argument, „was sollen wir mit dem Thema Kriegsgräberfürsorge anfangen?” das Angebot des Volksbundes ab. Oftmals wissen Lehrer aber nichts von der Existenz der Schulreferentin des Landesverbandes NRW, die beispielsweise hilft, eine Klassenfahrt zu einer Kriegsgräberstätte zu organisieren oder die Lehrer bei der thematischen Unterrichtsvorbereitung unterstützt. Die Projektarbeit „Lebensläufe von gefallenen Soldaten erforschen” kommt besonders gut an. Schüler erhalten hierfür Unterlagen wie Feldpostbriefe und Erkennungsmarken. „Haben die Lehrer einmal von unserem Angebot Gebrauch gemacht, dann kommen sie auch mit der nächsten Klasse wieder”, sagt Peter Bülter.

Mit diesem Engagement bemüht sich der Volksbund, die Kriegsgräberstätten als authentische Orte zu vermitteln, an denen Geschichte und Einzelschicksale für eine Generation sichtbar werden, die über keine direkte Betroffenheit mehr verfügt. Obwohl die Workcamps regelmäßig ausgebucht sind und die eine oder andere Aktion der Jugendarbeit ein großer Erfolg ist, kommt der Volksbund nicht umhin, mit allen Kräften um noch mehr Aufmerksamkeit und Fördermittel zu kämpfen. Verbände und Bildungsstätten wie Dokumentationszentren sind eine große Konkurrenz. Deshalb soll die Jugend- und Bildungsarbeit weiter ausgebaut werden. „Das Angebot muss konkreter und erkennbarer werden”, stellt Peter Bülter klar, der sich dafür noch professionelle Beratungshilfe holen wird.

Manchmal, wenn Manfred Bonn vor einem Soldatengrab steht, sinniert er schon einmal darüber, wie die Zukunft und die Pflege des Ehrenfriedhofs Hürtgen in 20 Jahren aussehen wird. Das hängt dann sicher auch davon ab, wie es dem Volksbund gelingen wird, für eine zeitgemäße Erinnerungskultur zu sorgen.

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