Nordeifel: Verwüstete Wiesen: Wildschweine bereiten Landwirten massiven Ärger

Nordeifel : Verwüstete Wiesen: Wildschweine bereiten Landwirten massiven Ärger

Wildschweine sind intelligent, anpassungsfähig und schwer zu bejagen. Außerdem vermehren sie sich schnell. Bis die aktuellen Abschusszahlen durch die Untere Jagdbehörde der Städteregion Aachen vollständig erfasst sind, wird es zwar noch ein wenig dauern, doch schon jetzt wird deutlich, dass die hohe Wildschweinpopulation ein Problem bleiben wird.

Milde Winter, ein gutes Futterangebot und intensiver Maisanbau bieten den Tieren gute Lebensbedingungen. Die Folge ist, dass sie schneller geschlechtsreif werden und statt einmal im Jahr zwei- bis dreimal Junge zur Welt bringen. Inzwischen tauchen Wildschweine immer häufiger in bewohnten Gebieten auf und bereiten Landwirten und Privatleuten Ärger, indem sie auf der Suche nach tierischem Protein in Form von Würmern und Käfern die Grünflächen durchwühlen. Hinzu kommt die Angst vor der afrikanischen Schweinepest (ASP). Die Sorge ist, dass Wildschweine die Seuche von Osteuropa einschleppen und auf Hausschweine übertragen könnten. Deshalb wurde im Januar die Schonzeit für Wildschweine bereits aufgehoben — mit Ausnahme von Bachen mit Frischlingen.

Sie suchen nach Würmern und Insekten und hinterlassen großflächig durchwühlte Wiesen wie hier in Einrugr am Hof Rösberg: Die vielen Wildschweine bereiten Landwirten und Privatleuten zum Teil massiven Ärger. Foto: P. Stollenwerk

Bereits im Herbst hatte der Vorsitzende der Kreisbauernschaft, Wilfried Jansen aus Lammersdorf gefordert, den Wildschweinbestand dringend zu reduzieren, weil die Tiere immer näher an die Wohngebiete heranrücken, Gärten und Ackerflächen verwüsten und zum Risiko für Autofahrer würden (wir berichteten). Auch aktuell gebe es wieder massive Schäden, die aber aufgrund der Witterung noch nicht repariert werden konnten. „Es hat sich gar nichts entspannt. Durch die Ernteausfälle wird es für uns vorausschauend schwierig werden, das Futter für den Winter zu gewinnen“, sagt Jansen.

Im Januar wurde die Schonzeit für Wildschweine aufgehoben, das gilt aber nicht für Bachen mit Frischlingen. Foto: Andreas Gabbert

Selbst wenn man als Landwirt eine Entschädigung erhalte, bringe das nicht viel. „Dann liegt das Geld da, aber man kann nichts davon kaufen“, erklärt Jansen. In einem konventionellen Landwirtschaftsbetrieb sei das vielleicht noch möglich, aber nicht in einem Biobetrieb. Jansen fordert daher eine noch intensivere Bejagung der Wildschweine. „Sonst haben wir jedes Jahr das Problem.“

Frühling und Sommerzeit ziehen Rehe wieder näher an Siedlungen und Straßen. Foto: P. Stollenwerk

Schäden in fast jedem Revier

Der deutliche Anstieg der Wildschweinpopulation sei auch an den bereits entstandenen Schäden zu erkennen, erläutert Bernd Roggenkamp, vereidigter Jagdaufseher bei der Kreisjägerschaft Aachen. „Es gibt kaum ein Revier, in dem keine massiven Wildschäden auf Feldern und Wiesen zu verzeichnen sind“, sagt er. So schlimm sei es schon seit vielen Jahren nicht mehr gewesen. „Da kommt einiges auf die Revierinhaber, die dafür haften müssen, zu“, hält Roggenkamp fest. Durch die Lockerung des Jagdgesetzes rechne er zwar mit einer deutlich höheren Abschussquote, wahrscheinlich um circa 30 Prozent, aber nicht mit weniger Wildschweinen „Die Jagd mit legitimen Mitteln führt nicht zu einer signifikanten Reduktion der Bestände“, sagt Roggenkamp.

Der Leiter des Forstamtes Rureifel-Jülicher Börde, Konrad Hecker, hält die Forderung nach einer stärkeren Bejagung für populistisch. Auch er glaubt nicht, dass eine stärkere Bejagung zum Erfolg führen wird. Andererseits sei die Forderung der Landwirte mit Blick auf die verursachten Schäden aber auch verständlich. In seinem Verantwortungsbereich sei die Strecke der erlegten Wildschweine im vergangenen Halbjahr verdoppelt worden.

Damit sei das Problem aber nicht gelöst. Die Bestände seien nach wie vor sehr hoch und die Ursachen dafür vielfältig. Die Wildschweine würden das ganze Jahr über genügend Nahrung finden. Die Abstände zwischen den Jahren, in denen Eichen und Buchen Samen produzieren, würden kürzer, und in diesen Jahren gebe es mehr Frischlinge als in normalen Jahren. Aber auch die Landwirtschaft leiste, insbesondere durch den intensiven Maisanbau, einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur Vergrößerung der Wildschweinpopulation.

Kritik an „Dauerbejagung“

Hecker kritisiert außerdem „falsches und dauerndes Kirren“ sowie den damit verbundenen dauernden Jagddruck, insbesondere in der Nacht. Beim Kirren wird das Wild mit Futter an einen bestimmten Platz gelockt, um es leichter zu erlegen. Dabei würden die Tiere aber oftmals mehr gefüttert als angelockt, kritisiert Hecker. Letztendlich würde falsches und dauerndes Kirren nur dazu führen, dass die Wildschweine nach einem Abschuss zu anderen Zeiten zu der Futterstelle kämen und nicht mehr richtig zur Ruhe kommen würden, was die Bejagung schließlich nur noch schwieriger mache. „Durch die Dauerbejagung der Wildschweine rund um die Uhr sind auch andere Arten wie das empfindliche Rotwild betroffen“, sagt Hecker. Das sei dann auch schwerer zu bejagen, und am Ende führe dies zu weiteren Wildschäden. Eine Möglichkeit, die Wildschweinpopulation zumindest etwas zu senken, sieht Hecker in der stärkeren Kooperation der Jäger und der professionellen Organisation von Treibjagden.

Auch aus der Sicht von Dr. Eicke Lang, dem Vorsitzenden des Nabu-Kreisverbandes Aachen, hat sich im vergangenen Halbjahr trotz der Lockerung des Jagdgesetztes nichts geändert. „Ich glaube nicht, dass das zu mehr Erfolg führt. Die Jäger können doch nichts machen“, sagt er. Dies liege auch an den Mais- und Rapsfeldern, die den Tieren beste Deckung bieten würden. Das sei entscheidender als das zusätzliche Nahrungsangebot. Auf die Frage, was man denn tun könne, antwortet Lang leicht ironisch: „Wir warten dringend auf den Wolf.“

Durch den großen Bestand an Wildschweinen steige auch das Risiko, dass die „Afrikanische Schweinepest“ verbreitet werde, hatte die Kreisbauernschaft schon im Oktober in ihrer Mitteilung geschrieben. „Es wäre eine Katastrophe, wenn die Schweinepest in den Hausschweinbestand übertragen wird. Mit einer kleineren Wildschweinpopulation kann man das Risiko senken“, hatte Jansen betont. Falls die Schweinepest auch die Nordeifel erreiche, sei eine niedrige Population zwar wünschenswert, in erster Linie werde das Virus aber durch die Menschen verbreitet, sagt Hecker.

Die Hauptursache für die Verbreitung des Virus seien nicht die Wildschweine. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Virus zum Beispiel durch Viehtransporte verbreitet werde, sei viel höher. „Das ist ein von Menschen gemachtes Problem“, betont er. Roggenkamp sieht das ähnlich. Die afrikanische Schweinepest löse zwar große Befürchtungen aus, die Wildschweine seien aber nicht die Hauptüberträger. „Die Menschen bringen den Virus mit und verbreiten ihn schneller als die Wildschweine“, sagt er.

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