Kalterherberg: „Unser Dorf hat Zukunft“: Kalterherberg fährt ab auf Fahrräder

Kalterherberg: „Unser Dorf hat Zukunft“: Kalterherberg fährt ab auf Fahrräder

Warum ist an der Monschauer Straße in Kalterherberg ein Fahrrad an einem Baum aufgeknüpft und warum stehen an diesem Mittwoch überhaupt so unwahrscheinlich viele Fahrräder am Straßenrand? Diese Frage stellte sich auch die städteregionale Bereisungskommission des Wettbewerbs 2017 „Unser Dorf hat Zukunft“, als die sechs Juroren in ihrem Kleinbus am Eifeldom vorfuhren.

Der Jury war aber schnell klar, wo es in Kalterherberg in Zukunft lang gehen soll. Das Dorf fährt ab auf Fahrräder. Als „Wander- und Fahrraddorf“ wolle sich der 2000-Einwohner-Ort für die Zukunft aufstellen, sagte der örtliche Wettbewerbsleiter Aarne Kreuzinger-Janik, der anlässlich der Bereisung die Aktion „1000 Fahrräder für Kalterherberg“ ins Leben gerufen hatte. Die meisten Bürger zogen mit und der Ideengeber zeigte sich mit dem Versuchsballon zufrieden: „Das sollte auch ein Test sein, wie intensiv man die Rad-Idee im Ort platzieren kann.“

Die Kommission, der Ortskartellvorsitzender Rainer Mertens zuvor ein „spannendes und ausdrucksstarkes Programm“ versprochen hatte, sollte in dem eng getakteten und strategisch gezielt ausgearbeiteten Bereisungsplan in den folgenden beiden Stunden in der Tat noch weitere Überraschungen erleben. Da gerieten sogar einige Einheimische ins Staunen, was ihr Heimatort so alles im Verborgenen zu bieten hat.

Die Dorfgemeinschaft hatte sich viel vorgenommen für diesen Tag und das Programm im Minutentakt war von langer Hand vorbereitet worden. Man wollte die Aufbruchstimmung im Ort nutzen, um sich als starkes und für die Zukunft gerüstetes Dorf zu zeigen, das nicht auf bessere Zeiten wartet, sondern sich selbst hilft.

Roter Faden Dorfentwicklung

Nach einem Kurzbesuch im Kindergarten „Bärenhöhle“ und der Vorstellung der örtlichen Fachgebietsreferenten folgte ein kurzer Dorfrundgang, der sich, wie die weiteren Station auch, ganz an den Impulsen aus der Zukunftswerkstatt und dem Dorfinnenentwicklungskonzept als rotem Faden orientierte. Neben dem Ausbau der Kompetenzen im Bereich Radtourismus gehört dazu auch der Dorfmittelpunkt, dessen Aufenthaltsqualität verbessert werden soll. Für die besonders im Ortskern störenden Leerstände, versicherte man der Kommission, seien aber Lösungen in Sicht. Ein anderes Problem ist noch nicht gelöst: In so manch riesigem Wohnhaus lebt nur noch ein altes Mütterchen.

Punkten konnte der Ort auf jeden Fall mit seiner verbesserten Willkommenskultur. 40 Flüchtlinge leben derzeit in Kalterherberg. Sie sind dezentral untergebracht und gut integriert. Wie alle anderen Neubürger auch, werden sie traditionell vom Ortsvorsteher mit Brot und Salz im Geschenkkorb willkommen geheißen.

Der Jury war es dann vorbehalten, begleitet von einem Saxofonquartett der Musikvereinigung Kalterherberg der inoffiziellen Eröffnung des neuen Clara-Viebig-Parks am Friedhof beizuwohnen. An Fläche mangelt es hier nicht, denn bei inzwischen 75 Prozent Urnenbestattungen wird die Hälfte der ausgewiesenen Friedhofsfläche in Zukunft nicht mehr benötigt. An die Eifelschriftstellerin, die zeitweise in Kalterherberg lebte und dem Ort in ihrem Roman „Das Kreuz im Venn“ den Namen Heckenbroich verlieh, soll hier erinnert werden. Eine Büste und ein „Heckenbroich-Labyrinth“ sollen folgen.

Dann ging es Schlag auf Schlag: Das Gelände für einen Pump-Track (Geschicklichkeitsparcours) als weiterer Baustein für das Raddorf Kalterherberg wurde präsentiert, die Jury staunte über 500 Arbeitsplätze und 100 Traktoren im Ort und hätte wohl auch nicht einen hochmodernen Betrieb zur Folienverarbeitung (MK Plast) am Ortsrand auf der grünen Wiese vermutet. Auch das ausgeprägte Gewerbe ist ein wesentlicher Charakterzug des Ortes. Im Gegensatz dazu lernte die Jury die Straße Kleinfrankreich als Kontrapunkt zum demografischen Wandel kennen, einen sympathischen Bio-Bauernhof, Kaltblutpferde als Taxi, Ferienwohnungen mit Bauernhof-Romantik und schließlich die internationale Note Kalterherbergs mit den belgischen Ortsteilen Leykaul und Küchelscheid.

„Hier endet nun die Präsentation“, sagte Aarne Kreuzinger-Janik dann nach einem tempogeladenen Durchmarsch im Innenhof von Detlef und Gabi Palm und strahlte höchste Zufriedenheit aus. Wie einer Punktlandung würdig, schlug die Turmuhr des Eifeldoms 11 Uhr. Alles hatte geklappt. Entspannen. Einfach perfekt.

Jetzt schaut die Dorfgemeinschaft voller Spannung und Hoffnung der Siegerehrung am 7. Oktober entgegen. Komissionsleiterin Andres Drossard nahm jedenfalls schon einmal einen hervorragenden Eindruck aus Kalterherberg mit: „Das war eine ganzheitliche, hervorragende und herzerfrischende Präsentation. Man spürt deutlich, wie stark das Gemeinschaftsgefühl den Ort prägt.“

(P. St.)
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