Simmerath: Unmut über Kita-Mobiliar: „Kein Hinweis auf Anwendung von Zwang“

Simmerath: Unmut über Kita-Mobiliar: „Kein Hinweis auf Anwendung von Zwang“

Nicht gut zu sprechen ist Ingrid Kubis aus Lammersdorf auf das Thema Kindertagesstätten, die sich in der Trägerschaft der Städteregion Aachen befinden. Als kürzlich das Amt für Kinder, Jugend und Familienberatung den neuen Kita-Bedarfsplan für die Gemeinde Roetgen präsentierte, wurde Ingrid Kubis wieder an eine für sie tiefgreifende Erfahrung erinnert, die sie bereits im Oktober 2014 machte.

Ihr knapp anderthalb Jahre altes Enkelkind Anna-Lena besuchte zu diesem Zeitpunkt die integrative Kindertagesstätte „Sonnenblume“ in Simmerath. Das Familienzentrum für Gesundheitsfürsorge und Integration befindet sich in Trägerschaft der Städteregion Aachen.

Den LVR eingeschaltet

Da Ingrid Kubis ihre Tochter bei der Kinderbetreuung regelmäßig unterstützt, holte sie Anna-Lena an diesem Tag nach einem Anruf der Kindergartenleitung vorzeitig aus der U3-Gruppe ab, weil das Kind stark zahnte und entsprechend unruhig war.

Für die Großmutter war dieser Anruf nichts Außergewöhnliches, wohl aber die Tatsache, dass sie beim Betreten der Kita sah, dass ihre Enkeltochter sich in einem Stühlchen mit Sicherungssystem befand und überdies abseits der übrigen Gruppe platziert worden war.

Solches Mobiliar dürfte es eigentlich überhaupt nicht geben, findet Ingrid Kubis. „Kein Kind sollte mehr festgeschnallt werden“, fordert sie, und erst recht nicht dürfe eine Fixierung dann auch noch als „Schutzhandlung“ gegenüber dem Kind bezeichnet werden.

Bei dem Kind wurde bei der Aufnahme in die Kita unter anderem Muskelhypotonie und eine Entwicklungsverzögerung diagnostiziert. Die Förderung und Betreuung erfolgte in einer Gruppe mit vier behinderten und zehn nichtbehinderten Kindern.

Auch wenn Ingrid Kubis weiß, dass ihre Enkeltochter in der Kita einer besondere Förderung bedurfte, sieht sie keinen Grund dafür, sogenannte „therapeutische Hilfsmittel“ einzusetzen: „Stühle mit Gurten wie auch Gitterbetten haben in Kitas nichts zu suchen!“, ist ihre Forderung. Besser sollte man die Kitas mit kindgerechtem Mobiliar und entsprechendem Fachpersonal ausstatten.

Anna-Lena besuchte dennoch weiter die „Sonnenblume“, während sich die Großmutter an den Landschaftsverband Rheinland (LVR), also das Landesjugendamt, wandte.

In Köln zeigte man Verständnis für die Tatsache, „dass Sie das Vorfinden Ihrer Enkeltochter in diesem Stuhl, bei dem es sich um ein therapeutisches Hilfsmittel handelt, irritiert hat.“

Aus der Verwendung dieses Stuhls aber würden sich in dem geschilderten Einzelfall „keine Anhaltspunkte für eine Kindswohlgefährdung“ ergeben. Allenfalls könnte man die Frage stellen, ob der Einsatz „in dieser Situation zwingend erforderlich war oder ob es Alternativen gegeben hätte.“ Die Mitarbeiterinnen in der Kita hätten aber den Fall zum Anlass genommen, um den Einsatz derartiger Hilfsmittel noch einmal „kritisch zu reflektieren“.

Der LVR hatte sich zuvor vor Ort ein Bild in der Simmerather Kita gemacht. Als Ergebnis stellten die LVR-Mitarbeiter fest, dass weder die Haltung der Mitarbeiterinnen vor Ort, noch die Haltung des Trägers „Hinweise auf eine strukturelle Anwendung von Zwang durch Fixierungen gaben.“

Bei der Ortsbegehung wurde auch der in Rede stehende „Fixierstuhl“ in Augenschein genommen. Dabei handelt es sich laut Bericht um einen höhenverstellbaren Stuhl mit Beckengurt. Mit vergleichbaren Gurten würden im Übrigen Kleinkinder bei Ausflügen in Buggys gesichert. Insgesamt hätten sich keine Anhaltspunkt für den „Missbrauch erzieherischer Gewalt“ ergeben.

Ein unangemessenes Verhalten ihrer Mitarbeiterinnen kann auch die Städteregion als Träger der Kita Sonnenblume nicht erkennen, wo man erstaunt zur Kenntnis nimmt, dass Beschwerdeführerin Ingrid Kubis sich auf eine Wahrnehmung vom Oktober 2014 bezieht, über die sie erstmalig am 23. Juni 2015 (also mit erheblichem zeitlichen Abstand) das Amt für Kinder, Jugend und Familienberatung in Kenntnis gesetzt habe.

In einer Stellungnahme verweist der Träger darauf, dass man seinerzeit aus Eigeninitiative das Landesjugendamt des Landschaftsverbandes Rheinland eingeschaltet habe, „um größtmögliche Transparenz herzustellen und die Vorwürfe neutral überprüfen zu lassen“. Ein Ortstermin des Landesjugendamtes und Gespräche mit der Kita-Leitung sowie den pädagogischen Fachkräften hätten stattgefunden.

Auch das Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes NRW sei von Frau Kubis bereits eingeschaltet worden. Laut Stellungnahme des Landesjugendamtes an das Ministerium seien ebenfalls „keine Anhaltspunkte dafür gefunden worden, dass Kinder in der Kita der Städteregion zur ‚Arbeitserleichterung‘ oder ‚aus erzieherischen Zwecken‘ fixiert werden“.

„Nachweislich haltlos“

Die grundsätzliche Haltung sowohl der Leiterin der Einrichtung, als auch der Mitarbeiterinnen, sei bezüglich dieser Thematik „vollkommen angemessen“. Die Vorwürfe hätten sich „nachweislich als haltlos erwiesen“, lautet das Fazit der Städteregion.

Richtig sei, dass im Rahmen der Fürsorge- und Unfallverhütungspflicht geeignetes Mobiliar vorhanden sei und notwendige sowie vorgeschriebene Sicherungseinrichtungen verwendet würden. „Eine unnötige Einschränkung der Bewegungsfreiheit von Kindern ist damit weder verbunden noch beabsichtigt“. Vielmehr stehe im Mittelpunkt die Förderung der Entwicklung des Kindes zu einer eigenverantwortlichen Persönlichkeit.

Obwohl die Beschwerdeführerin selbst nicht Erziehungsberechtigte des vermeintlich betroffenen Kindes sei, hätten der Dezernent, der Amtsleiter und der Arbeitsgruppenleiter ihr in einem persönlichen Gespräch die Sachlage erörtert. „Auch mit den Kindeseltern konnte die Angelegenheit abschließend besprochen werden.“

Die Kindertageseinrichtungen der Städteregion Aachen arbeiteten nach dem Erziehungs- und Bildungskonzept „Auf dem Weg in die Welt von morgen“ aus dem Jahr 2014. Daneben habe jede Kindertageseinrichtung eine eigene pädagogische Konzeption. „Interessierte Eltern sind herzlich eingeladen, sich bei einem Besuch in den Kitas davon zu überzeugen“, heißt es abschließend in der Stellungnahme.

Seit August 2015 befindet sich Anna-Lena nun in einer neuen Einrichtung, dem katholischen Kindergarten Rollesbroich. Laut Auskunft der Großmutter „fühlt sich das Kind dort wohl“.

(P. St.)
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