Simmerath: Türkische Schüler von deutscher Gastfreundschaft überrascht

Simmerath: Türkische Schüler von deutscher Gastfreundschaft überrascht

Das Wissen über andere Kulturen ist häufig geprägt von stereotypen Vorstellungen, und Integration kann ein mühsames Geschäft sein. Es geht aber auch anders: Einen besonders entspannten Umgang in dieser Beziehung pflegen Schüler der Höheren Handelsschule des Berufskollegs Simmerath/Stolberg mit gleichaltrigen Jugendlichen der türkischen Partnerschule Bornova Anadolu Lisesi in Izmir.

20 türkische Schülerinnen, darunter 14 Mädchen sowie drei Lehrer, halten sich derzeit zu einem zweiwöchigen Austausch bei Fastfamilien in der Nordeifel auf, Paris und Köln sind im Besichtigungsprogramm inbegriffen. Einige Schüler sind bei Gastfamilien in Aachen untergebracht. Mit Lehrern und Schülern zusammen sind über 50 Teilnehmer in das Projekt integriert.

Bereits im Schuljahr 2005/2006 wurde ein gemeinsames Fremdsprachenprojekt umgesetzt. Das Thema war der anvisierte EU-Beitritt der der Türkei. „Es ging uns darum, ein Bild davon zu gewinnen, welche Hoffnungen sich an einen EU-Beitritt in der Türkei knüpfen und welche Vorbehalte damit verbunden”, erläutert Projektkoordinator Bernd Rombach.

Die gemeinsame Arbeit und die Auseinandersetzungen mit gesellschaftlichen Strukturen in den beiden Ländern machte große Freude und ließ schon bald ein zweites zweites Projekt im Rahmen des EU-Bildungsprogramms folgen, auch wieder kräftig finanziell von der EU, mit 20000 Euro für das Berufskolleg und 23000 Euro für die türkische Partnerschule. Noch bis Juli 2010 läuft dieses Projekt unter dem Thema: „Zwischen den Kulturen: Deutsch-türkische Paare in den Regionen Izmir und Aachen.”

Die Aufgabe bestand darin, durchs Interviews mit den Paaren Rückschlüsse auf die Gesellschaft zu ziehen und herauszufinden, wie das Zusammenleben unter den Voraussetzungen vollkommen unterschiedlicher Kultur und Religion im Alltag funktioniert. Auch interessierte die Frage, wie die Paare die Chancen und Risiken einer solchen Beziehungen sehen und wo sich besondere Belastungen ergeben. Laut Statistik gab es im Jahr 2007 rund 6000 deutsch-türkische Eheschließungen.

Dank des seit fünf Jahren bestehenden Kontaktes klappt die sprachliche Verständigung immer besser, ansonsten hilft Englisch. „Die meisten Schüler empfinden es als Bereicherung, andere Kulturen kennenzulernen”, freut sich Rombach darüber, dass auch die anfangs etwas distanziert wirkende Projektteilnehmer aus den Schülerreihen beim Abschied aus den türkischen Familien ihre Tränen nicht verbergen konnten.

Auch über den Projektzeitraum hinaus ist sich Rombach sicher, „dass die Schüler ohnehin untereinander den Kontakt aufrecht erhalten werden. Bis zum Abschluss des Projektes Mitte nächsten Jahres wird noch eine gemeinsame Internet-Seite produziert, ehe dann die Abschlussberichte folgen. Die geführten Interviews sind bereits in einer 180 Seiten starken Dokumentation erfasst.

Dass das Grenzlandtheater Aachen derzeit das gesellschaftspolitische Stück „Türkisch Gold” auf dem Spielplan stehen hat, passte wunderbar ins Projekt. Das Theater kam diese Woche mit mobilen Bühne nach Simmerath und spielte das Stück im Berufskolleg.

Die Schüler aus Izmir erfahren nun während ihres zweiwöchigen Aufenthaltes die deutsch-ürkischen Befindlichkeiten aus erster Hand. „Bisher haben wir die deutsche Kultur nur aus Büchern kennengelernt,” erzählt eine Schülerin, und eine andere Teilnehmerin fügt hinzu, dass immer nur von der Gastfreundschaft in der Türkei die Rede gewesen sei, „aber auch in Deutschland gibt es eine hohe Gastfreundschaft.”

Dass hier die Menschen „mit den Schuhen ins Haus gehen”, war für eine andere Schülerin eine erstaunliche Beobachtung. Die Feststellung, dass die Deutschen „sehr pünktlich, ordentlich und diszipliniert sind”, wurde als „angenehm” von den türkischen Gästen empfunden.

Und auch Direktor Sefer Aktar der Bornova-Schule lernt trotz fehlender Deutsch-Kenntnisse einiges hinzu: „Das Leben als Schüler in Deutschland scheint mir etwas leichter zu sein.” In der Türkei müssten die Schüler noch mehr auswendig lernen als auf deutschen Schulen, und auch müssten ständig neue Prüfungen absolviert werden.

Eine drittes bilaterales Projekt ist für Bernd Rombach nicht ausgeschlossen, auch wenn jetzt zunächst einmal eine einjährige Pause geplant ist. Da bleibt Zeit, die neu gewonnenen Blickwinkel zu vertiefen, und die Projektteilnehmer können darüber nachdenken, wenn die Schüler auf deutscher Seite etwa erkennen, „dass die Familienzugehörigkeit in der Türkei viel stärker ausgeprägt ist” und eine türkische Schülerin feststellt, „dass die Jugendlichen in Deutschland machen was sie wollen, ohne ihre Eltern zu fragen.”

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