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Interview: Tim Bartel, der Mann hinter den Kulissen von Wikipedia

Interview : Tim Bartel, der Mann hinter den Kulissen von Wikipedia

Sie ist die größte Wissenssammlung in der Menschheitsgeschichte: Die Online-Enzyklopädie Wikipedia umfasst zwölf Millionen Artikel in über 230 Sprachen. Ein Heer freiwilliger Autoren in aller Welt erstellt, ergänzt und überarbeitet ihre Inhalte.

Nach der englischsprachigen Ausgabe mit 2,8 Millionen Artikeln ist die deutsche Fassung mit fast einer Million die zweitgrößte. Der Verein Wikimedia Deutschland unterstützt Aufbau und Organisation des Angebots hierzulande.

Eines von zehn Vorstandsmitgliedern ist Tim Bartel. Mit dem in Hürtgenwald lebenden Diplom-Wirtschaftsinformatiker sprach unser Redakteur Marc Heckert.

Herr Bartel, welches Ziel verfolgt die Wikipedia?

Bartel: Das Grundziel ist, das Wissen der Menschheit allen zur Verfügung zu stellen.

Das möchte ja auch Google.

Bartel: Google versucht es durch Suche. Wenn aber Google auf eine Fundstelle verweist und diese später verschwindet, ist sie halt: weg. Die Wikipedia bleibt bestehen, auch weil jeder sie weiterverbreiten kann. Zum Vergleich: Brockhaus wurde verkauft, Meyers Lexikon ist offline. Deren Inhalte sind unfrei und können nicht mehr genutzt werden. Die Wikipedia dagegen konzentriert sich auf das Erstellen, Sammeln und Verbreiten frei lizensierter Inhalte.

Heißt was genau?

Bartel: Der normale Nutzer nimmt oft nur wahr, dass die Inhalte kostenlos sind. Es geht aber noch um mehr: Sie sind auch weiter nutzbar und veränderbar.

Also darf ich Wikipedia-Texte auch verkaufen?

Bartel: Für uns zählt zur Freiheit auch die kommerzielle Nutzung. Das wird oft nicht verstanden. Wenn zum Beispiel jemand unsere Artikel nimmt, um daraus ein Lehrbuch zu drucken, gefällt uns das gut. Das ist in unserem Sinne.

Wie kamen Sie an die Wikipedia?

Bartel: Es hat mich fasziniert, dass dort Wissen gespeichert wird, während es sonst, etwa bei Hausarbeiten während des Studiums, oft in der „Ablage P” landet. Also habe ich mich 2002 als einer der ersten Benutzer der deutschsprachigen Wikipedia angemeldet. 2005 wurde ich dann Administrator und rutschte von da aus in die Öffentlichkeitsarbeit, weil ich dort etwas verbessern wollte. Inzwischen hat Wikimedia Deutschland aber auch eine Pressesprecherin.

Wie sieht es hinter den Kulissen der Wikipedia aus?

Bartel: Neben den Tausenden von Autoren gibt es derzeit etwa 300 Administratoren. Diese Gruppe ist genauso inhomogen wie die Nutzer an sich, da gibt es den 16-jährigen Schüler wie den 60-jährigen Professor. Die Machtverhältnisse in der Wikipedia sind sehr komplex.

Was tun diese Administratoren?

Bartel: Sie bearbeiten zum Beispiel Löschanträge für Artikel. Davon kriegen wir am Tag bestimmt 100 Stück. Da braucht man ein dickes Fell. Irgendwem tritt man immer auf die Füße, wenn man einen Artikel löscht.

Wann wird denn ein Artikel aus der Wikipedia entfernt?

Bartel: Vor allem, wenn er nicht die Relevanzkriterien erfüllt. Ein Beispiel: Eine Firma kann aufgenommen werden, wenn sie einen bestimmten Mindestumsatz oder eine bestimmte Mitarbeiterzahl hat. Ist das nicht der Fall, wird der Artikel entfernt. Wobei es aber auch Ausnahmen geben kann.

Ist der Verein Wikimedia dasselbe wie die deutsche Wikipedia?

Bartel: Nein! Erst einmal ist da die Wikimedia Foundation (WMF), das ist eine Stiftung in den USA. Sie ist alleiniger Betreiber aller Wikiprojekte, als da sind Wikipedia, Wictionary, Wikiquote, Wikisource oder Wikibooks. Auch die deutsche Ausgabe unter http://de.wikipedia.org wird von der WMF betrieben. Die rechtliche Stellung von Wikimedia Deutschland ist etwa die des Fanclubs vom 1. FC Köln. Faktisch betreiben wir unter http://www.wikipedia.de eine Art Suchportal, das auf Inhalte der eigentlichen Wikipedia verweist.

Wie ist der Verein aufgestellt?

Bartel: Der Vorstand besteht ganz normal aus Vorsitzendem, Stellvertreter, Schatzmeister und Schriftführer. Dazu gib es sechs Beisitzer, einer davon bin ich. Der Verein selbst hat 500 Mitglieder.

Was genau tut der Verein?

Bartel: Viel! Zu unseren wichtigsten Aufgaben gehören Information und Aufklärung. Wir klären zum Beispiel Schüler und Lehrer auf, wie die Wikipedia funktioniert. Die glauben oft, dass die Artikel quasi aus der Luft diffundieren und grundsätzlich wahr sind. Da ist oft wenig Medienkompetenz vorhanden.

Sie haben in 2008 rund 375.000 Euro an Spenden bekommen. Was passiert damit?

Bartel: Wikimedia Deutschland betreibt zum Beispiel die Server für die europäischen Ausgaben in einem von weltweit drei Wikimedia-Rechenzentren. Wir organisieren Veranstaltungen wie die Wikimania, ein weltweites Wikipedianer-Treffen. Unsere Wikipedia Academy bringt Akademiker und Wikipedia zusammen. Und wir arbeiten an der Befreiung von Inhalten. US-Regierungsinhalte zum Beispiel sind frei nutzbar. So sind Nasa-Bilder gemeinfrei, die der ESA dagegen nicht. Unsere Meinung dazu ist klar: Wenn Sachen mit Steuergeldern finanziert sind, sollten sie gemeinfrei sein.

Woran mag es liegen, dass die deutsche Wikipedia heute die zweitgrößte der Welt ist?

Bartel: Das weiß ich nicht genau. Aber ich glaube, dass Deutsche einfach sehr gerne Sachen wissenschaftlich festhalten.

Was plant Wikimedia Deutschland für die Zukunft?

Bartel: Die Usability - also die Anwenderfreundlichkeit - der Wikipedia ist sehr verbesserungswürdig. Konkret wollen wir zum Beispiel die Verknüpfung mit Mediendateien wie Videos einfacher gestalten. Außerdem werden die freien Geodaten von Open Street Map integriert. Und wir wollen die Generation 50 plus zum Mitmachen bewegen, weil dort sehr viel Wissen in den Köpfen vorhanden ist. Es ist sehr lohnend, das zu heben.

Ein anderes Thema. Sie engagieren sich auch im Arbeitskreis Zensur, dem Aktionsbündnis gegen das geplante Gesetz zu Internetsperren von Kinderporno-Seiten. Warum?

Bartel: Das Gesetz ist nicht nur sinnlos, sondern auch kontraproduktiv, weil die Täter durch die Stoppschilder gewarnt werden. Vom gesellschaftlichen Standpunkt bedeutet es die Einführung einer Zensurinfrastruktur. Es hat auch eine falsche Wertung, weil der Großteil des Missbrauchs im Familienkreis geschieht und seit Jahren rückläufig ist. Das Geld für die Netzsperren wäre für reguläre Fahnder viel besser angelegt.

Welche Folgen wird die Einführung der Internetsperren trotz der starken Proteste haben?

Bartel: Ich bin der festen Überzeugung, dass die Politik gerade dabei ist, eine ganze Generation zu verlieren. Es scheint bei vielen Politikern nicht angekommen zu sein, dass sie so Politikverdrossenheit erzeugen. Hoch anzurechnen ist ihnen aber, dass sie unbeabsichtigt viele Leute in die Politik getrieben haben. Sie haben zum Beispiel die Blogosphäre politisiert.

Letzte Frage: Gibt es ein Netzprojekt, dass Sie unseren Lesern besonders ans Herz legen möchten?

Bartel: Ja, Open Street Map. Ich kann es jedem nur empfehlen, sich dort einzubringen. OSM ist für Karten das, was Wikipedia für Enzyklopädien ist, eine Sammlung freier Geodaten. Im Gegensatz zu Google Maps kann man sich mit dem Material nach Belieben eigene Karten generieren, zum Beispiel nur mit Fahrradwegen. Da mitzuarbeiten macht Spaß - und man kommt mal wieder an die frische Luft.

Steckbrief: Tim Bartel, Wikimedia-Vorstand

Alter: 32 Jahre

Wohnort: Hürtgenwald (Kreis Düren)

Hobbys: Utopisch-technische Romane, Wikis, Open Street Map, Katzen

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