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Rurberg/Schwammenauel: Talsperre: Das „kleine Meer von Schwammenauel“

Rurberg/Schwammenauel : Talsperre: Das „kleine Meer von Schwammenauel“

Nach jahrelangen Vorarbeiten erfolgte am 2. Mai 1934 die Grundsteinlegung für die Rurtalsperre Schwammenauel im Rahmen eines großes nationalsozialistischen Festaktes durch den Reichsorganisationsleiter Dr. Robert Ley.

Der Bau der Talsperre sollte dem Hochwasserschutz, der Sicherung des Wassers für die Industrie und der Trinkwasser- und Energieversorgung dienen. Die 170 Kilometer lange Rur hatte den Anliegern bis dahin immer wieder Ärger bereitet. Entweder verstimmte Hochwasser die Anrainer, oder bei wenig Regen wurde über Wassermangel geklagt. So mussten die Papierfabriken im industriell aufstrebenden Düren oft ihren Betrieb einschränken.

Von der alten Badeanstalt in Rurberg ist heute nichts mehr zu sehen. Sie befand sich hinter dem Paulushofdamm am Obersee. Repros: Hoffmann.

All diese Probleme sollten mit der neuen Talsperre gelöst werden. Als geeignete Sperrstelle für die Staumauer hatte sich eine 500 Meter lange Linie oberhalb des Gutes Schwammenauel bei Heimbach ergeben. Der Damm sollte im ersten Ausbau 52 Meter hoch und in der Krone 350 Meter lang werden. Dahinter sollte die Rur zu einem rund 20 Kilometer langen See gestaut werden, dessen Wasseroberfläche 482 Hektar betrug. Das Fassungsvermögen der neuen Talsperre betrug 100 Millionen Kubikmeter, wobei diese bei der von Anfang an geplanten Erweiterung auf das Doppelte anwachsen würde. Die Großbaustelle benötigte natürlich jede Menge Arbeitskräfte.

Im Archiv von Bruno Nellessen findet sich diese Aufnahme aus der Zeit der Aufstockung der Talsperre mit dem neu errichteten Eiserbachdamm.

Mit Beginn der Bauarbeiten war bei Hasenfeld, nebst einer Kantine die Platz für 500 Personen bot, eine Barackenstadt für rund 1000 Arbeiter entstanden. Diese waren natürlich nicht aus der bevölkerungsschwachen Eifel zu rekrutieren. Aus Aachen, Stolberg, Eschweiler, Gladbach, Kaldenkirchen, Viersen und Köln schickten die Arbeitsämter des Landes vom Schuster bis zum Akademiker Männer aus den verschiedensten Berufen an die Rur. Die Zeitungen gerieten schon während der Bauphase über das gigantische Bauwerk ins Schwärmen und in der Kölnischen Zeitung ist im Oktober 1937 fast liebevoll vom „kleinen Meer von Schwammenauel“ die Rede.

Die Aufnahme aus dem Archiv des Vereins für Heimat- und Dorfgeschichte Rurberg-Woffelsbach zeigt das Rurtal im ursprünglichen Zustand.

Um welche Dimension es sich beim Bau der Rurtalsperre handelt, wird auch am Vergleich mit der Kalltalsperre deutlich, mit deren Bau knapp zwei Monate vorher (21. März 1934) begonnen wurde und deren Fassungsvermögen nur 2,09 Millionen Kubikmeter beträgt.

Mit dem Bau der Staumauer in Schwammenauel setzte auch im 20 Kilometer entfernten Rurberg eine emsige Tätigkeit ein. Raupenschlepper, Dampframmen, Pressluftbohrer, Dampfbagger und Kräne bestimmten dann auch hier das Bild, neben langen Schienensträngen, Lokomotiven und anhängenden Kastenkippern. Auf der gesamten Baustelle waren 19 Loks und über 300 Kastenkipper im Dauereinsatz. Auch hier entstanden Baracken für eine Vielzahl von Arbeitern, die damit begannen einen 14 Meter hohen Staudamm aus Kies, Flussschotter und Felsgeröll mit innenliegender Lehmschürze zu bauen — den Paulushofdamm.

Hinter ihm entstand mit dem Obersee ein Vorbecken, das den geforderten Mindestwasserstand sichern und eine Verschlammung und Versumpfung des Hauptsees verhindern sollte. Die Großbaustelle reichte nun von Schwammenauel bis Rurberg.

Zu den Veränderungen, welche der Bau der Rurtalsperre sich brachten, vermitteln die Zeilen des damaligen Rurberger Pfarrers Hubert Werth in der Dorfchronik von Rurberg/Woffelsbach einen Einblick: „Dieses Unternehmen war für die Pfarrgemeinde Rurberg in mehrfacher Hinsicht von Nachteil. Die Ortschaften Weidenauel und Paulushof verschwanden im See. In Woffelsbach mussten fünf, in Rurberg acht Häuser aufgegeben werden. Gute Äcker und fruchtbare Wiesen wurden überschwemmt und gingen für die Landwirtschaft und die Kirchensteuer verloren. Eine Reihe alter Bauernfamilien mit guter katholischer Tradition musste auswandern.

Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts bot das Rurtal zwischen Monschau und Heimbach das idyllische Bild einer unberührten Landschaft. Tief eingeschnittene Täler mit steil aufragenden Felsen, in den weiten Tälern saftige Wiesen, rund um den Kermeter Buchen- und Eichenwaldungen sowie kleine Dörfer und Ansiedlungen prägten das Landschaftsbild.

Trotz dieser Idylle, waren die hier lebenden Menschen arm. Es fehlte an Kleidung und Hygiene und der Durchschnitts-Eifeler nährte seine Familie stets am Minimum von der Landwirtschaft mit einer Kuh, zwei Schweinen und etwas Wiesenland, das in den Tälern verstreut lag. Hinzu kam die hohe Arbeitslosigkeit in den wenigen umliegenden Betrieben. Bei diesem Umfeld kam der Bau der Talsperre der verarmten Eifeler Bevölkerung natürlich recht. Auch wenn man nicht zu Reichtum kommen konnte, besserte der hart erarbeitete Baulohn die Haushaltskasse neben den spärlichen Erträgen aus der Landwirtschaft auf. Dabei war der Arbeitsalltag beileibe kein Zuckerschlecken.

Vielfach ging es nach der Feldarbeit um vier Uhr morgens im Eiltempo zur Baustelle, wo für 0,53 Reichsmark die Stunde bis zum Abend gerackert wurde. Daneben kristallisierte sich schon nach den ersten Baumonaten heraus, dass die Talsperre ein Fremdenverkehrsmagnet wird. Bereits die Großbaustelle war eine touristische Attraktion, die immer mehr Wanderer und Ausflügler anlockte. Vier Jahre nach Baubeginn war es dann geschafft. Dort wo sich einst die Rur durch Täler und Wälder schlängelte, war ein breiter See entstanden, der sich gewunden an die umliegenden Berge anschmiegte. Am 29. Juni 1938 wurde die Rurtalsperre Schwammenauel, deren Damm mit einem mit Girlanden geschmückten Fahnenheer versehen war, eingeweiht.

Fassungsvermögen verdoppelt

Von 1956 bis 1959 erfolgte der zweite Ausbau der Rurtalsperre. Durch die Aufstockung wurde das Fassungsvermögen von 100 auf 200 Millionen Kubikmeter (cbm) erhöht. Davon waren nicht alle begeistert. Pleushütte und ein Teil von Einruhr waren dem Untergang geweiht. Alle Proteste blieben vergeblich. Der Hauptdamm in Schwammenauel wurde um 16 Meter auf 72 Meter erhöht und der Paulushofdamm in Rurberg gleichfalls erweitert.

Einruhr, das Dorf am See, hat sich durch die Aufstockung ab diesem Zeitpunkt grundlegend zum attraktiven Fremdenverkehrsort gewandelt. Die Rurtalsperre ist die zweitgrößte Talsperre Deutschlands und wird nur noch von der 215 Millionen cbm fassenden Bleichlochtalsperre an der Saale übertroffen. Die Rurtalsperre (203 Mio. Kubikmeter) im Vergleich zu den hiesigen Talsperren: Dreilägerbachtalsperre: 3,87 Mio. Kubikmeter. Kalltalsperre: 2,10 Mio. Kubikmeter. Perlenbachtalsperre: 0,80 Mio. Kubikmeter. Urfttalsperre: 45,51 Mio. Kubikmeter.