1. Lokales
  2. Eifel

Monschau: St. Martin geht am Mittwoch in Rente

Monschau : St. Martin geht am Mittwoch in Rente

Im Schein der bunten Fackeln, begleitet von Hunderten Kindern reitet St. Martin am nächsten Mittwochabend zum letzten Mal durch die Straßen der Altstadt. Zumindest in dieser Besetzung: Rudolf Goffart gibt nach 32 Jahren Mantel und Rüstung an seinen Sohn weiter der - bezeichnenderweise - Martin heißt.

Der Fackelzug zum Martinstag ist einer der ältesten und schönsten Bräuche in Monschau. Viele, die als Kinder mit ihrer Laterne durch die Stadt gegangen sind, kommen heute mit ihren eigenen Kindern. Und Rudolf Goffart selbst erinnert sich an die Zeiten, als er im Kindergarten des Ursulinerklosters seine Fackel gebastelt und Martinslieder gelernt hat.

Reitunterricht

Mit kindlicher Selbstverständlichkeit ging Jahre später sein Sohn Martin über die Tatsache hinweg, dass er gemeinsam mit seiner Schwester dem Vater tagelang beim Polieren der Messingrüstung half, ohne zu ahnen dass der Papa mit dem der St. Martin, der auf den Markt geritten kam, identisch war. „Irgendwann hat meine Schwester mich dann aufgeklärt”, erzählt er.

Bis heute hilft Martin Goffart seinem Vater bei den Vorbereitungen und beim Aufsitzen, was mit dem starren Brustpanzer gar nicht so einfach ist. Im nächsten Jahr sieht die Sache wahrscheinlich umgekehrt aus: Dann hilft Rudolf Goffart seinem Sohn in altehrwürdiger Rüstung aufs Pferd.

„Als mein Vater anfing vom Aufhören zu reden, habe ich mir die ersten Gedanken gemacht, die Aufgabe zu übernehmen”, erzählt Martin Goffart. Das größte Hindernis: Er kann nicht reiten. Da kein Nachfolger mit dieser Fähigkeit in Sicht war, ergriff Rudolf Goffart die Initiative und „verordnete” seinem Sohn Reitunterricht.

Dass der 59-Jährige auf die Helferrolle umsattelt, kommt manchem älteren Monschauer wahrscheinlich viel zu früh vor. Jedenfalls hat Rudolf Goffarts Vorgänger Martin Krieger weitaus länger die Zügel in der Hand gehalten. „Zum letzten Mal hat er mit etwa 80 Jahren den St. Martin gemacht, beim letzten Mal habe ich ihm das Pferd geführt”, erinnert sich Rudolf Goffart. Martin Krieger war es auch, der nach dem Krieg das neue Kostüm gestiftet hat, das seither jedes Jahr aufs Neue gute Dienste tut.

Jedenfalls ist die wahre Identität des stattlichen Reiters unter Rüstung, Helm und Mantel gut geschützt, wie die wunderbaren Geschichten, die Rudolf Goffart über die Jahre erlebt hat, zeigen. „Es hat sehr lange gedauert, bis meine eigenen Nichten und Neffen erkannt haben, dass Onkel Rudolf der St. Martin ist”, erzählt er mit einem verschmitzten Lächeln.

Oder da war zum Beispiel der kleine Marco, der nach einem kurzen Gespräch mit dem Heiligen Mann seine Großmutter erstaunt fragte: „Oma, bist du auch schonmal bei St. Martin auf dem Pferd gewesen? Der kennt dich nämlich, ich soll dich grüßen!”

Aufs Pferd gehievt

Andere Kinder bringen St. Martin Bilder mit, Rudolf Goffart hat sie alle aufbewahrt. „Das schönste sind die leuchtenden Augen, wenn die Kinder bei mir auf dem Pferd sitzen”, nennt der Malermeister die größte Motivation für sein Engagement. Etwa 100 Kinder sind es nach jedem Zug, die die Männer vom Löschzug Altstadt zu ihm aufs Pferd hieven. Dort fragt er nach ihren Familien, wo sie herkommen - und erfährt, dass das Monschauer Martinsfest selbst Stammgäste aus Lüttich und Stuttgart hat.

Etwa eine Stunde vergeht, bis alle Kinder dem St. Martin die Hand geschüttelt und sein Pferd gestreichelt haben. Das erfordert ein geduldiges Tier. Vier Rosse haben in den 32 Jahren die ehrenvolle Aufgabe gehabt, St. Martin zu tragen, in diesem Jahr ist es Ravel von Hilmar Weber.

„Man muss ein ruhiges Pferd haben, das klar im Kopf ist”, nennt Rudolf Goffart, was im Trubel von Hunderten Kindern, Musik und dem hellen Schein der Pechfackeln am wichtigsten ist. Unfälle hat es in all den Jahren nie gegeben. „Nur einmal hatte ich ein Pferd, das sprang über jeden Kanaldeckel. Ross und Reiter waren nach dem Zug nass geschwitzt.”