„Zwangsarbeit im Kreis Monschau 1939 – 1945". Vortrag in Simmerath.

Reaktionen auf das Buch von Dr. Dieter Lenzen : Ein neuer Blick auf das Lager an der Flora

Mit seinem Buch hat der in Kesternich lebende Autor Dr. Dieter Lenzen Zwangsarbeit in der Region in den Kriegsjahren aufgearbeitet. Inzwischen ist es vergriffen – und neue Erkentnntnisse zum Thema sind aufgekommen.

Mit seinem Buch „Zwangsarbeit im Kreis Monschau 1939 – 1945“ hat der in Kesternich lebende Autor Dr. Dieter Lenzen Anfang 2019 eine umfassende und gründlich recherchierte Dokumentation zur Erfassung und Aufarbeitung der Zwangsarbeit in der Region in den Kriegsjahren 1939 bis 1945 vorgelegt, die vom Geschichtsverein des Monschauer Landes herausgegeben wurde. Das inzwischen vergriffene Buch hat große Beachtung gefunden und in der Folge auch weitere und neue Erkenntnisse zum Thema Zwangsarbeit offengelegt. Darüber möchte der Autor jetzt in einem Vortrag in den Räumen der Gemeindebücherei Simmerath berichtem.

„Mein Anliegen ist es, den Menschen in den Lagern ein Gesicht zu geben“, sagte Lenzen bei der Buchpräsentation, waren doch während des Zweiten Weltkrieges etwa 2200 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in den Altkreis Monschau verschleppt worden. Im Altkreis Monschau gab es fünf große Lager für Zwangsarbeiter. „Mich interessieren die Biografien und die Menschen, die dahinter stehen“, betont Lenzen, und in diesem Punkt ist er jetzt einen wichtigen Schritt weitergekommen, was die Situation im Lager Flora betrifft.

Etwa 200 Kriegsgefangene und zivile Zwangsarbeiter waren während des Krieges im Lager an der Monschauer Florabrücke untergebracht. Da sein Buch auch in Polen Aufmerksamkeit erlangte, erhielt Dieter Lenzen über eine Kontaktperson jetzt Zugriff auf eine nach dem Krieg in Polen erfolgte Buchveröffentlichung, die Leben und Alltag im Lager Flora detailliert beschreibt. Der Autor, ein polnischer Offiziersanwärter, war selbst zwei Jahre und vier Monate während des Zweiten Weltkrieges im Lager Florabrücke untergebracht. Beschrieben wird die Zeit ab dem 7. April 1942. Neben den Aufzeichnungen enthält das Buch, das Lenzen sich komplett übersetzen ließ, auch bisher nicht bekanntes Bildmaterial aus dem Lager.

„Diese Veröffentlichung wirft eine ganz neue Perspektive auf das Lager“, sagt Lenzen. Der polnische Verfasser, der an der Flora mit einer Gruppe von Offiziersanwärtern untergebracht war, beschreibt, wie er mit Hilfe einer deutschen Kontaktperson aus Monschau in den Besitz eines Fotoapparates gelangte. Auf diese Weise entstanden zahlreiche Aufnahmen. Die Kontaktperson taucht hier mit dem Namen „Hermann“ auf. Näheres über die Identität konnte er bislang nicht in Erfahrung bringen. „Diese Person würde mich natürlich sehr interessieren“, sagt Dieter Lenzen.

Der Zeitzeuge verschweigt auch nicht, dass die polnische Gruppe gewisse Vorteile im Lager besaß und man sich mit kleinen kulturellen Aktivitäten, wie Theaterspielen oder Gedichte schreiben, habe die Zeit vertreiben können. Das Gelände sei von Hunden bewacht worden, und man habe gesehen, dass bei Starkregen die Gräber von früheren russischen Lagerinsassen im Hang freigespült worden seien. Weiteren Aufzeichnungen ist zu entnehmen, dass Lagerinsassen bis zu 16 Stunden am Tag arbeiten mussten und teilweise in Betriebe bis nach Aachen transportiert wurden. Auch die Bombardierung durch die Alliierten im Herbst 1944 in der Nordeifel wird beschrieben.

Die Schrift enthält außerdem die Namen von 84 Lagerinsassen. „Auch wenn es sich dabei um keine offizielle Liste handelt, waren diese Namen bisher nicht bekannt“, verweist Lenzen auf eine weitere neue und spannende Informationsquelle. Detailliert nachzulesen ist auch der Bericht über die Flucht von drei der polnischen Offiziersanwärtern aus dem Lager Flora am 28. Juli 1942. Das Trio gelangte über Mützenich nach Belgien. In Spa landeten die drei vorübergehend auf einem Bauernhof, ehe sie dann weiter nach Portugal und später nach England geschleust wurden. Dieter Lenzen hofft nun, dass es auch noch weitere, bisher nicht bekannte Veröffentlichungen oder Aufzeichnungen aus den anderen Lagern in der Region gibt.

Immer wieder hat er nach seiner Buchveröffentlichung neue Detailinformationen erhalten. So erhielt er beispielsweise Kenntnis von einem Schaukelpferd, das ein Zwangsarbeiter während seiner Zeit in Strauch herstellte.

„Der Versuch, bei der zersplitterten Quellenlage eine Übersicht über die Verschleppungen zu geben, kann allerdings nur ein Versuch bleiben, weil belastbare und vollständige Unterlagen oft fehlen. Trotzdem ist es gelungen, eine Vielzahl von Einzelschicksalen zu klären und den Betroffenen eine Geschichte und, wenn möglich, ein Gesicht zu geben. Obwohl man damals versuchte, ihnen ihre Würde zu nehmen, so wird doch gerade bei der Darstellung der Einzelschicksale deutlich, wie selbstbewusst und mutig viele dieser Menschen handelten und wie wenig sie bereit waren, sich entwürdigen zu lassen“, sagt Dieter Lenzen, der nach seinem Vortrag auch noch gerne in den Dialog mit dem Publikum treten würde.

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