Schneiderei "Die perfekte Naht": Ingrid Wiedner setzt auf Handarbeit

„Die perfekte Naht“ : Schneiderin Ingrid Wiedner und ihre Leidenschaft für Handarbeit

In dem kleinen Ladenlokal „Die perfekte Naht“ in Simmerath ist es hell, freundlich und vor allem eins: bunt. Denn überall sind Stoffe und Kleidungsstücke zu sehen. Manche davon haben ein farbenfrohes, verspieltes Blumenmuster, andere sind einfarbig, wieder andere sind aus Jeans oder Leder.

Mittendrin sitzt Ingrid Wiedner, Inhaberin des Geschäftes und gelernte Schneiderin. Wiedner ist eine der letzten ihrer Art, denn Schneider gibt es immer weniger. Bei der Handwerkskammer Aachen wird zurzeit kein Lehrling im Schneiderhandwerk ausgebildet. 2004 waren es immerhin noch elf Auszubildende. Früher konnten viele Menschen in der Familie oder im Bekanntenkreis nähen, mittlerweile ist das eher selten geworden. Doch Ingrid Wiedner glaubt an ihr Handwerk und daran, dass es gebraucht wird.

„Im Jahr 1976 habe ich meine Ausbildung abgeschlossen, damals waren Faltenröcke sehr angesagt“, erinnert sich Wiedner. Bei dem Gedanken daran muss sie schmunzeln, schließlich hat sich seitdem einiges verändert. Zum einen ist da der Anspruch ans Preis-Leistungs-Verhältnis. „Heute gibt es bei manchen Discountern Jeanshosen für sechs Euro, für dieses Geld kann ich ja keine Hose nähen“, sagt die 62-Jährige.

Aber auch die Beziehung zum Nähen habe sich in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt – nicht immer zum Positiven, wie Wiedner findet: „Viele junge Leute, die zum Beispiel Design studieren, können nicht mehr nähen, in meiner Generation und denen davor konnten das eigentlich alle.“ Wiedner selbst hat das Nähen in der Realschule gelernt. Bereits da hat es ihr viel Spaß bereitet, anders als zum Beispiel Physik. „Das konnte ich nie, denn in dem Fach ist man eher logisch unterwegs – und dafür bin ich zu kreativ“, sagt sie.

Zwischenzeitlich hat Wiedner beruflich einen Abstecher in die Buchführung gemacht, aber auch das war „nicht so mein Ding“. Seit 2010 besitzt sie nun „Die perfekte Naht“. Gemeinsam mit ihr arbeitet dort seit etwa vier Jahren auch Naseer Hossaini. Ursprünglich kommt er aus Afghanistan, wo er als ausgebildeter Schneider gearbeitet hat. Seit 2015 ist er in Deutschland und hat bei Ingrid Wiedner einen Job gefunden, der seinem vorherigen auf den ersten Blick stark ähnelt.

In der deutschen Schneiderei ist man näher an den Menschen

Doch Hossaini macht deutliche Unterschiede zwischen der Schneiderei in Deutschland und denen in Afghanistan und dem Iran aus, wo er lange angestellt war. „In unserem Land hat die Arbeit nicht so viel Spaß gemacht“, erzählt er. Bei Wiedner, die er immer nur „Chefin“ nennt, habe er hingegen einen interessanten Job, bei dem er viele neue Leute treffe. „In Afghanistan und dem Iran hatten wir nicht direkt mit den Kunden Kontakt, hier ist man näher an den Menschen“, stellt Hossaini fest.

Er freut sich auch über das angenehme Arbeitsklima und das gute Verhältnis zu „Chefin“ Ingrid Wiedner, mit der er viel lacht. „Ich merke nicht, dass ich hier wirklich arbeite, sondern es ist mehr wie Freundschaft“, sagt der 28-Jährige. Genug Arbeit gibt es aber immer. Die Arbeit in der Schneiderei ist sehr vielfältig. Auch wenn etwa 80 Prozent der Aufträge Änderungsarbeiten sind, so braucht man doch Kreativität und den Blick für das Besondere. Immer öfter komme es vor, dass Kunden um jeden Euro beim Preis feilschen und die Arbeit, die dahinter steckt, nicht hoch genug anerkennen würden.

„Das Handwerk wird nicht immer geachtet, der Stundenlohn ist nicht unbedingt gerechtfertigt“, kritisiert Wiedner. Einige hätten allerdings durch die niedrigen Preise bei großen Ketten nicht mehr das richtige Verständnis von dem Aufwand, der für solche Maßarbeiten nötig sei. So kommt es auch schon mal vor, dass Kunden das Geschäft wieder verlassen, nachdem sie den Preis gehört haben. Sie wollen es dann lieber selbst machen. „Aber viel klappt eben nicht zu Hause, dann kommen sie doch wieder zu uns und wir müssen alles auftrennen und neu machen“, berichtet Hossaini.

Damit ihnen das nicht passiert, kommen Dunja und Eva Düring schon seit Jahren zu Ingrid Wiedner ins Geschäft. Dieses Mal sollte das Abschlusskleid für Eva gekürzt werden. „Ich habe hier aber auch schon diverse Hosen kürzen lassen“, erzählt Dunja Düring und fügt hinzu: „Wenn man einmal irgendwo zufrieden ist, dann bleibt man da auch.“ Im Geschäft leiste man professionelle Arbeit und es sei vor Ort.

Aufwand, nähen zu lernen, ist zu groß

Dunja Düring gibt zu, schon mal mit dem Gedanken gespielt zu haben, selbst nähen zu lernen, „aber dafür, dass man es doch recht selten braucht, ist der Aufwand zu groß“. Etwa einmal pro Jahr nehmen sie deshalb die Dienste von Ingrid Wieder in Anspruch.

Die sitzt derweil wieder an ihrer Nähmaschine und kümmert sich um den nächsten Auftrag. Diese Abwechslung gefällt ihr besonders: „Man kann in dem Job sehr viel machen, ob es Barbiekleider sind oder Gardinen.“ Kreativität ist allerdings nicht die wichtigste Eigenschaft einer Schneiderin, zumindest in den Augen von Wiedern. „Man braucht vor allem Nerven, denn es ist manchmal eine sehr kribbelige Arbeit. Da muss man immer gelassen bleiben.“

Mehr von Aachener Zeitung