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Pferde-Expertin aus Erkensruhr: Neustart nach der Flutkatastrophe

Pferde-Expertin aus Erkensruhr : Neustart nach der Flutkatastrophe

Biggi Küpper aus Erkensruhr hat in der Flutnacht vieles verloren – nur nicht ihren Mut. Mit einem Institut für medizinische Satteltechnik startet die Pferde-Osteopathin nun bald neu durch. Gemeinsam mit einem Expertenteam bietet sie Ausbildungen für Reiter und Fachleute an.

Die dumpfen Schläge begleiten Biggi Küpper durch die Nacht. Als sie die Augen öffnet, will sie sie gleich wieder schließen. Sie will nicht sehen, was sich draußen auf dem Hof abgespielt hat. Es ist 4.30 Uhr am Morgen des 15. Juli 2021. Hinter ihr liegt eine Nacht, in der viele Menschen in der Region ihre Existenz verloren haben. Manche sogar ihr Leben. Biggi Küpper hat am Vorabend gerettet, was in der Kürze der Zeit zu retten war: Auf jeder freien Fläche in dem kleinen Haus in Erkensruhr stapeln sich nun Pferdesättel. Verzweiflung macht sich breit.

Idyllische Lage wird zum Verhängnis

Die Tageszeitung wird am nächsten Tag notieren, dass Simmerath glimpflich durch die Flutkatastrophe gekommen ist. Für Einzelfälle wie Biggi Küpper gilt das nicht: Sie wohnt in einem alten Fachwerkhaus unmittelbar an der Erkensruhr, die in der Flutnacht zu einem reißenden Strom angeschwollen ist und Hof und Haus der Unternehmerin bis zu einer Höhe von 1,20 Metern überflutet und mit stinkendem Schlamm bedeckt hat. Die idyllische Lage im engen Tal ist ihr zum Verhängnis geworden. Als die Feuerwehr sie am Vorabend mit einem Boot evakuieren wollte, hat Küpper dankend abgelehnt. Ihre beiden Hunde wollte sie nicht im Stich lassen. Sie erinnert sich heute noch an eine emotionale Verabschiedung von einem Feuerwehrmann, der sie umarmt hat und ihr alles Gute wünschte. „Er hat sich noch vergewissert, dass das Haus massive Fundamente hat, und sich dann verabschiedet.“

Leben am Wasser: Im Juli 2021 verwandelt sich die Erkensruhr wie viele andere Bäche in der Eifel in einen reißenden Strom. Haus und Hof der Unternehmerin stehen bis zu 1,20 Metern unter Wasser.
Leben am Wasser: Im Juli 2021 verwandelt sich die Erkensruhr wie viele andere Bäche in der Eifel in einen reißenden Strom. Haus und Hof der Unternehmerin stehen bis zu 1,20 Metern unter Wasser. Foto: Marco Rose

Es sind die positiven Momente in der Katastrophe, die die 47-Jährige in Erinnerung bewahren möchte: die Hilfsbereitschaft im Dorf und der Gemeinde; Nachbarn, die einfach so mit anpacken; eine junge Familie aus Kesternich, die ihr für ein Jahr einen Lagerraum für ihre 80 Westernsattel und mehr zur Verfügung stellt; Kunden, die spontan Geld spenden. Und die eigene Stärke: Wie ein Duracell-Häschen ist Biggi Küpper am Morgen nach der Flutnacht damit beschäftigt, aufzuräumen. Doch weil sie das Haus nur gemietet hat und der Vermieter weitgehend untätig bleibt, sind ihr die Hände gebunden. Über Facebook organisiert sie Hilfe für andere. Sie sammelt Spendengelder und kauft davon Dutzende Hochdruckreiniger und Heizgebläse. Sie wirbt Sachspenden ein und sorgt für die Verteilung in Stolberg, Gemünd, Kall und Bad Münstereifel. „Weil ich selbst betroffen war, wusste ich am besten, was gerade wirklich gebraucht wurde“, sagt sie heute.

Die Marktlücke entdeckt

Die Unternehmerin hat früh gelernt, sich selbst zu helfen. Sie kommt in Stolberg zur Welt und macht später in Zweifall eine Ausbildung zur Hotelfachfrau. Im Alter von acht Jahren sitzt sie zum ersten Mal auf einem Pferd. Diese Leidenschaft wird Küpper ihr Leben lang begleiten. Sie arbeitet zunächst bei dem Aachener Unternehmen Pro Idee im Einkauf, als sie durch einen Zufall auf eine Marktlücke aufmerksam wird: Westernreitsättel. „Ich hatte mir damals einen irischen Tinker-Hengst gekauft und dann das Problem, einen passenden Sattel zu finden.“ Weil Westernsättel aufgrund ihrer Bauart nicht zu verändern sind, ist die Passform sehr genau zu wählen. „Am Ende besaß ich acht Sättel, die allesamt nicht passten und die ich über Annoncen wieder verkaufen wollte. Ich sah, dass viele Westernreiter dieses Problem hatten.“ Ein guter Westernreitsattel ist durchaus eine teure Investition: Zwischen 3000 und 10.000 Euro werden je nach Ausführung heute fällig.

 Wissen um die Anatomie: Das Becken eines Pferdes spielt eine wichtige Rolle für den passenden Sattel. Ist dieser nicht genau auf das Tier abgestimmt, drohen ihm Schäden, erklärt die Pferde-Osteopathin.
Wissen um die Anatomie: Das Becken eines Pferdes spielt eine wichtige Rolle für den passenden Sattel. Ist dieser nicht genau auf das Tier abgestimmt, drohen ihm Schäden, erklärt die Pferde-Osteopathin. Foto: Marco Rose

Im Alter von 24 Jahren kündigt Biggi Küpper und macht sich mit dem „Saddleshop-Aachen“ selbstständig. Sie ist im Besitz der Trainer B-Lizenz „Westernreiten “ und voller Tatendrang. Über Stationen in Breinig und in der Aachener Innenstadt kommt sie schließlich 2006 nach Erkensruhr, wo sie zudem über mehrere Jahre einen Reitschulbetrieb führt. Im Umkreis von 300 Kilometern ist sie unterwegs, um Reitsättel zu verkaufen und stellt zudem auf Messen mit einem eigenen Stand aus – als einzige Frau in einem noch von Männern dominierten Umfeld. Zufrieden ist sie mit dem Geschäft aber nicht. „Ich habe viele Pferde gesehen, die eine medizinische Behandlung dringender brauchten als den neuen Sattel. Deshalb habe ich die Zusammenarbeit mit Pferde-Osteopathen gesucht.“

Am Ende steht die Erkenntnis, dass Kunden den Sattel woanders kaufen, wenn sie nicht das ganze Paket aus einer Hand erhalten: medizinische Fachberatung und den für das Pferd genau passenden Sattel. Von 2012 bis 2016 studiert Küpper deshalb an einem renommierten US-Institut Pferde-Osteopathie. Darüber hinaus bildet sie sich als „Sachverständige für Passformwesen Westernsattel“ weiter.

Weiterbildung für Sattler und Reiter

Die Idee für ein eigenes Fortbildungsinstitut wird geboren. „Das Problem ist, dass ein Sattler sich in seiner Ausbildung zum Experten seiner Handwerkskunst ausbilden lässt, jedoch der Bereich Anatomie vom Pferd, eher nebenher durchgenommen wird“, erklärt sie den Hintergrund. Der Lehrplan in der Berufsschule sehe dafür nur wenige Stunden vor. Sattler müssten sich deshalb auch nach ihrer eigentlichen Ausbildung weiterbilden. Im Dezember 2019 hat Küpper ein Team von Experten mit ganz unterschiedlichen Fachbereichen zusammengestellt – bis hin zum Rechtsanwalt, der die Kursteilnehmer in den immer wichtiger werdenden rechtlichen Fragestellungen fit machen soll. Als Zielgruppe sind neben Sattlern und anderen Gewerken auch engagierte Pferdehalter definiert.

„Doch dann kam Corona. Da das Konzept den klassischen Präsenzunterricht vorsah, konnten wir das Institut so zunächst nicht weiterentwickeln“, sagt Biggi Küpper. Sie treibt das Projekt seither im Alleingang voran – bis das Hochwasser sie erneut ausbremst. Ihren gesamten Messestand, der im Untergeschoss des Hauses untergebracht war, hat sie verloren. Dazu einen Ladentresen nebst Registrierkasse und vielen anderen für den Betrieb unverzichtbaren Dingen.

Das hält Küpper nicht davon ab, neben dem Betrieb des Saddleshops weiter in ihr Institut zu investieren und dieses auf Online-Kurse umzustellen. In diesem Herbst soll es nun so weit sein: Die ersten Ausbildungsgänge des Institut für medizinische Satteltechnik (IMS) sollen online gehen – und damit den Beweis erbringen, dass aus einer schier ausweglosen Situation noch eine Erfolgsgeschichte erwachsen kann.

www.institut-ms.de