Lit-Eifel-Lesung mit Mechtild Borrmann zum Schmuggeln

Lit-Eifel-Lesung mit Mechtild Borrmann : Schmuggeln sicherte das nackte Überleben

Dem Sog ihrer Worte kann man sich nicht entziehen – auch bei der Lit-Eifel-Lesung in der Simmerather Gemeindebücherei nicht. Als „bewegend“ und „berührend“ loben am Ende die Zuhörer den Abend mit Mechtild Borrmann.

Sie habe auf einem Flohmarkt ein gutes altes Fotoalbum mit festem Ledereinband erworben, erzählt sie. Für den Besitzer beinhaltete es sicher wertvolle Erinnerungen. Für die Bestseller-Autorin hingegen war es der Beginn einer Geschichte, vom Glück und Unglück, von Schuld und Unschuld, von Mut und Übermut. „Wem das Album gehörte? Ich habe es nicht herausgefunden“, bekennt sie. Doch das ist auch nicht das Entscheidende. Borrmann begann zu recherchieren und stieß im beschaulichen Ort Monschau ungebremst auf frühere Zeiten, in denen Kaffee zur harten Währung zählte und von so vielen Dörflern an der deutsch-belgischen Grenze geschmuggelt wurde, um sich das nackte Überleben nach dem Krieg zu sichern.

Auch Henni tut es, die Protagonistin in Borrmanns jüngstem Roman „Grenzgänger“, den die Autorin in Auszügen zu Gehör bringt. Henni kennt die Routen über das Hohe Venn, ein tückisches Moorgebiet, wie Borrmann berichtet: „Ihr Lachen ist im Gedächtnis geblieben.“ Wer sie kannte, habe es Jahre später heraushören können, die Nuancen von Verzweiflung und gleichzeitigem Lebenshunger. „Diese beiden Gewichte in ihr, die sie ihr Leben lang mit der Präzision einer Apothekerwaage austarieren und halten musste.“

Borrmanns Stimme, dezent rau, geradlinig, macht sanfte Pausen. Sie zelebriert die Stille, nicht zu lang, vor allem aber ohne viel Aufhebens. Das unterstreicht die Wirkung. Man nimmt es der Vorleserin ab, wenn sie von harten Zeiten spricht. Man nimmt es ihr auch nicht übel, wenn sie von 1945 ins Jahr 1970 und mit einer Rolle rückwärts wieder in die Vergangenheit springt. Von Velda nach Lüttich geht es mal kurz ins Aachener Amtsgericht und doch zurück. Borrmanns verlässliche Linie sind die Figuren, die feine und doch so eindringliche Spuren bei den Zuhörern hinterlassen. Jede berührt mit ihrem persönlichen Schicksal. Die Autorin fängt mit ihren spotlichtartigen Lesepassagen die anderen Zeiten ein, die des Kinderheims, die der Zöllner, die mit ihren Argusaugen aufpassen, und die der wahren 31 Kaffee-Front-Toten der Region, aber auch Hennis Schicksalstage – wie den 19. Dezember 1948.

„Einer war tot“, hallte die Erkenntnis in Hennis Kopf an diesem Tag nach, so Borrmann. Mit 38 Jahren steht Henni dann vor Gericht. Weil man ihr vorwerfe, Menschen getötet zu haben. Die Zeitung habe schon lange vorher von „erwiesener Schuld“ geschrieben. Das Dorf spricht sich lieber frei von Schuld und stellt Henni stattdessen gerne an den Pranger. So leicht ist das, so leicht scheint es. Die Haustür der Familie ist mittlerweile mit Brettern vernagelt. So macht Borrmann die Welt deutlich und versetzt in Zwiespalt. Letztlich wollte Henni doch nur Mehl, Eier und vielleicht auch gute Butter für die Familie mit nach Hause bringen. Und an allen Ecken und Wendungen des Lit-Eifel-Abends wird klar: Es ist immer nur ein Teil der Wahrheit, die man kennt. „Wenn man nur sagen könnte, womit alles angefangen hat“, flechtet Borrmann noch ein und macht neugierig auf den Schluss ihres Romans.

(pp)