Ausstellung im Aukloster Monschau: "Heimatausflug" mit Dieter Call

Ausstellung 2020 im Monschauer Aukloster : Ein Konzener entdeckt die Heimat

Einer der Betonhöcker tanzt aus der Reihe, nur ganz unwesentlich. Dieter Call schaut ihn nachdenklich und lange an. Dann befestigt er eine kurze Latte an dem mächtigen grauen Klotz, der von Moosen und Flechten aller Art überwachsen ist.

Call blickt über den Westwall an einem Wirtschaftsweg bei Simmerath und nickt zufrieden. Seine „Stabilisierung“ steht: Zwischen den einzelnen Elementen der Höckerlinie spannt sich ein kleines Netz aus Lattenhölzern, genauer: aus einheimischer Lärche. Das ist Call ganz wichtig.

Autofahrer, die an diesem Morgen im Juli verbotenerweise den Weg in der Nähe der Kreuzung am Gericht nutzen, um die Baustelle zu umfahren, schauen leicht irritiert. Was mögen diese Latten am Westwall wohl zu bedeuten haben? Call lächelt zufrieden. Die Reaktionen eines Publikums, das gar nicht weiß, dass es gerade zum Publikum wird: Damit spielt der Künstler aus Konzen gerne. Seine „Stabilisierungen“ sind temporäre Installationen, die Call meist nach zwei Stunden wieder abbaut. Der Westwall hat mich seit langem gereizt, sagt er. „Diese Stabilisierung stabilisiert sich vor allem selbst. Da fängt es dann an, philosophisch zu werden.“

Wann wird ein Raum zum Ort? Für Dieter Call ist das eine ganz entscheidende Frage, mit der er die Welt betrachtet. Er hat an der Kunstakademie Düsseldorf studiert, als Berufsmusiker gearbeitet, wurde später Meisterschüler bei Wolfgang Nestler an der Hochschule der Bildenden Künste Saarbrücken, an der er seit zehn jahren selbst als Dozent lehrt. Fachbereiche: Zeichnung, Druckgrafik und Installation. In seinem Atelier in Saarbrücken arbeitet Call bevorzugt an bildhauerischen Arbeiten. Die Eifel war bislang sein privates Rückzugsgebiet, Call lebt in seinem Elternhaus nahe Konzen, in der kleinsten Exklave der Bundesrebublik, umgeben von belgischem Staatsgebiet.

„Ich bin wieder hier

in meinem Revier

war nie wirklich weg

hab mich nur versteckt.“

Die Zeilen eines Songs von Marius Müller-Westernhagen passen gut auf die Stimmung in dem historischen Bauernhaus unweit der Ravel-Route. Denn Dieter Call, der eigentlich nie ein „Eifel-Künstler“ sein wollte, arbeitet gerade unter Hochdruck an einem Jahresprojekt in der alten Heimat. „Ich stelle mich immer vor als ‚Aachener Künstler’ – ich bin dort geboren, hatte mein erstes Atelier dort, meine erste Band.“ Tatsächlich nutzt Call gerne die Umschreibung „Konzen bei Aachen“. Warum? „Weil die Monschauer Kunstszene auf überregionaler Ebene doch lange Zeit einen eher zweifelhaften Ruf genoss“, meint Call. Man verbinde damit oftmals Bilder von röhrenden Hirschen oder ähnlichen Kitsch.

„Wann wird ein Raum zum Ort?“: Dieser Frage geht der Künstler aus Konzen in seinen Arbeiten nach. Foto: Marco Rose

Und so fuhr Call hinaus in die Welt, arbeitete viel in Frankreich oder Marokko. Neben den „Stabilisierungen“ sind Scherenschnitte eines der Markenzeichen des Künstlers. Sie entstehen in der Regel vor Ort, immer mit derselben Friseurschere, immer im Format 12,5 mal 17 Zentimeter. „Das ist das Format, in dem ich mich wohlfühle“, sagt Call. Er sitzt dann an einem Ort, lässt das Geschehen, die Formen und Strukturen der Umgebung, auf sich wirken, und greift anschließend zur Schere. Manchmal entstehen diese Schnitte auch blind. Viele Ausstellungen hat er in den vergangenen Jahren bestritten – bis auf eine Ausnahme fanden diese nicht in der Eifel statt. Call fühlte sich bisweilen wie der Prophet, der im eigenen Land nichts zählt; der in der Ferne die Anerkennung findet, die ihm daheim versagt bleibt.

Ausstellung 2020 im Aukloster

Mit seinem neuen Projekt ist dies Geschichte. Auf Einladung der Monschauer Bürgermeisterin Margareta Ritter erkundet Call nun die Heimat. Für den Konzener ist es eine Reise in die eigene Vergangenheit, eine Aufarbeitung seiner ganz persönlichen Geschichte. „Heimatausflug“ heißt das Projekt, das im April 2020 im Monschauer Aukloster groß ausgestellt werden wird. 80 Arbeiten will Call dann zeigen – Scherenschnitte, Installationen und auch Dokumentationen, etwa von der Westwall-„Stabilisierung“. 15 Orte seiner eigenen Kindheit und Jugend hat der Künstler bereits besucht. Da-
runter die einstige Städtische Realschule in Monschau mit dem Kunstraum, in dem er Zeichnen lernte. Die Kirche St. Bartholomäus in Hammer oder auch den Felsenkeller der alten Brauerei in Monschau. „Da bin ich als Schüler immer durchgelaufen, sehr zum Ärger des Besitzers“, erinnert sich Call und schmunzelt.

Am Westwall baut Call seine Latten nach einer Weile wieder ab. Aufregung ist ausgeblieben, war aber auch nicht gewollt. Die Latten seien so etwas wie Hilfslinien, eine Orientierungshilfe – eine Stabilisierung von Zeit und Raum, von Luft. „Letztendlich geht es darum, über das Leben an sich nachzudenken.“

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