Roetgen: „Sempre rubato“ bietet ein außergewöhnliches Konzerterlebnis

Roetgen : „Sempre rubato“ bietet ein außergewöhnliches Konzerterlebnis

Das Konzert am Samstagabend in der Roetgener Pfarrkirche fiel in mehrerer Hinsicht aus dem Rahmen. „Sempre rubato“ („immer etwas unregelmäßig“) nannte sich das beteiligte Ensemble — wobei sich schon in dieser Bezeichnung andeutete, dass es hierbei etwas freier und spontaner zuging, als es bei klassischer Musik üblich ist. War das nun ein Kammerorchester, eine Ansammlung von Solisten oder ein Chor?

Denn in abwechselnden Besetzungen waren die rund 30 Beteiligten in all diesen Hinsichten aktiv. Und dass es sich hierbei tatsächlich um musikalische „Amateure“ handelte, war bei der Qualität der Darbietungen kaum einmal im Entferntesten zu spüren.

Die Gruppe „Sempre rubato“ ist ein ungewöhnliches Ensemble. Streicherstücke wurden ohne Dirigent ausgeführt. Foto: Josef Schreier

Auf dem Programmzettel nannte sich „Sempre rubato“ ein „Familienensemble“. Entstanden war das Ganze dem Vernehmen nach vor 30 Jahren in Dresden, noch zu DDR-Zeiten, als sich eine Gruppe von Mitgliedern der evangelischen Studentengemeinde zum gemeinsamen Musizieren traf.

Jedes Jahr ein Treffen

Diese Gruppe ist bis heute zusammengeblieben, es wurden Familien daraus, die dem gemeinsamen musikalischen Anliegen treu geblieben sind. Obwohl sich die Berufe unterschiedlicher kaum darstellen könnten („Pfarrer, Ingenieure, Buchbinder“) und obwohl sich die Wohnorte der Aktiven mittlerweile über ganz Deutschland verteilen, gibt es doch Jahr für Jahr ein gemeinsames Treffen irgendwo im Land, bei dem ein Programm ausgearbeitet, geprobt und aufgeführt wird. In diesem Jahr nun hat man sich die Nordeifel, als bisher am weitesten westlich gelegene Gegend ausgesucht, um sich zu treffen und sich musikalisch zu produzieren.

Nach einem Konzert in Gemünd am Freitag konnte sich nun am Samstag in der Roetgener katholischen Pfarrkirche eine recht große Zahl an Zuhörern von dem ungewöhnlichen Können der Gruppe überzeugen. Dass das Ganze in jeder Hinsicht ein Gemeinschaftsunternehmen war, wurde allein schon dadurch deutlich, dass kein einzelner Ausführender eigens hervorgehoben wurde.

Die teils gar nicht so einfachen Streicherstücke (etwa die Kirchensonate für Streicher und Flöte von Frank Martin aus der Mitte des 20. Jahrhunderts) wurden ohne Dirigenten ausgeführt, was ein großes Maß an Musikalität und gegenseitiger Aufmerksamkeit erforderte. Da auch das Programm im Ganzen aus den Vorschlägen der Beteiligten gestaltet wurde, ergab sich eine große Vielfalt von musikalischen Stilen vom Barock bis zur Moderne.

Als Besonderheit gab es sogar eine Uraufführung, nachdem der dänische Komponist Frederik Magle für sein Magnificat aus dem Jahre 2010 eigens für „Sempre rubato“ eine Neufassung erstellt hatte, die nun in Gemünd und Roetgen erstmals zu hören war.

Magnificat-Uraufführung

Gerade bei diesem Werk war es schon erstaunlich, dass man von den bis dahin als Streicher und Bläser agierenden Musikern gemeinsam mit den Kindern der Familien von der Orgelbühne herab einen nahezu makellosen Chorklang zu hören bekam, der dieses Magnificat für Solo-Sopran, Chor und Orgel zu einem Höhepunkt des Abends werden ließ.

Aus der Vielfalt der Beiträge sind vielleicht besonders der Anfang und der Schluss des Konzerts mit Werken von Sibelius hervorzuheben, dazu auch ein kleines Werk für Klarinette und Streichorchester des bei uns nahezu unbekannten amerikanischen Komponisten Alan Hovhannes. Aber auch die bekannteren Werke des Programms, etwa ein Concerto von Vivaldi oder das Salve Regina von Schubert, wurden mit wohltuender Frische dargeboten, die das Wohlbekannte in neuen Farben leuchten ließ.

Als Zugabe gab es den Chorsatz eines Abendlieds, zu dem die ganze Gruppe als Chor auftrat und den Beifall des dankbaren Publikums entgegennahm.

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