Sie bleiben Legende: Sekundarschule entlässt feierlich ihre ersten 84 Zehntklässler

Sie bleiben Legende : Sekundarschule entlässt feierlich ihre ersten 84 Zehntklässler

Ihr Motto hätten sie treffender nicht wählen können: „Von Anfang bis Ende – Wir bleiben Legende“ stand überall zu lesen, als der erste Abschluss-Jahrgang der Sekundarschule Nordeifel am Standort Simmerath am Freitagabend „ins Leben entlassen“ wurde.

Nach einer gehaltvollen, mehr als zweistündigen Feier hielten 84 junge Menschen aus der Nordeifel ihr Abschlusszeugnis in Händen – weit über die Hälfte mit der Fachoberschulreife, 25 gar mit der Qualifikation für das Gymnasium.

Die erste Entlassfeier der noch jungen Schule begann mit einem Festgottesdienst, zu dem die Schülerinnen und Schüler feierlich in die Simmerather Pfarrkirche einzogen. Die ökumenische Wortgottesdienstfeier wurde weitgehend von den Entlassschülern selbst gestaltet und stand unter den Leitgedanken "Dank für das Erreichte" und "Hoffnung auf eine gute Zukunft", ehe die jungen Frauen und Männer über einen roten Teppich wieder auszogen.

Dunja Schütt aus Kesternich (2. v. re.) und Nico Steffens (re.) aus Mützenich erhielten von ihren Klassenlehrern Helga Gombert (3. v. re.), Nathalie Schepp und Hardy Belz (v. li.) sowie den Schulleiterinnen Ulla Mertens (3. v. li.) und Melanie Müller (Mitte) besondere Auszeichnungen als Jahrgangsbeste. Foto: H. Schepp

Schulleiterin Ulla Mertens begrüßte dann die knapp 300 Gäste in der Aula der Schule zu „einem legendären Abend“, ganz besonders „alle die Menschen, die sich auf den Weg gemacht und sich auf das Wagnis eingelassen haben, eine neue Schule entstehen zu lassen, einer neuen Schulform zu trauen und zu vertrauen“. Dies sei nicht einfach gewesen, sei auf Widerstand gestoßen, wurde heftig diskutiert, erinnerte Mertens und blendete sechs Jahre zurück: „Die Bürgermeisterin und die Bürgermeister der vier Kommunen Monschau, Simmerath, Roetgen und Hürtgenwald waren sich einig und wollten sicherstellen, dass es innerhalb der Gemeinden ein verlässliches Schulangebot für die Sekundarstufe 1 geben würde. Man gründete einen Schulverband, eine Gruppe aufbruchbereiter Pädagogen stellte ein Konzept auf, der Antrag zur Gründung einer Sekundarschule wurde bei der Bezirksregierung gestellt, die Genehmigung folgte“, erzählte Ulla Mertens. Es folgte der bis dahin schwerste Part der Aufbauarbeit: „Eltern mussten überzeugt werden, ihr Kind an der neuen Schule anzumelden – mindestens 75 in Simmerath, 50 in Kleinhau.“ Doch im Februar 2013 wurden dann sogar 89 Mädchen und Jungen für Simmerath angemeldet, genau 50 in Kleinhau. Der Start war sichergestellt - mit 13 Lehrerinnen und Lehrern, einer Schulsozialarbeiterin und dem Schulleiterduo Ulla Mertens und Albert Rieger. „Vielen Dank für den Vertrauensvorschuss, den sie uns damals gegeben haben“, dankte Mertens den Eltern.

An die Entlassschüler gerichtet, lobte Ulla Mertens das „tolle Motto“, das diese für ihren Abschluss gewählt hätten. Denn lebende Legenden seien „Personen, die man schon zu Lebzeiten mit besonders bemerkenswerten Geschichten in Zusammenhang bringt und die zukünftig eine besondere Bedeutung haben werden“, so die Schulleiterin. Warum genau das aber auf die Abschlussklasse 2019 zutreffe, begründete sie gleich mehrfach: „Ihr habt diese neue Schule mit Leben gefüllt, ward ein Jahr lang die einzigen Schüler in diesem riesigen Gebäude, seid immer die Ältesten gewesen. Das prägt!“ wusste Ulla Mertens. Doch die 89 Mädchen und Jungen hätten sich auch auf viel Neues einlassen müssen, hätten alle Vorgaben des Konzepts der neuen Schule durchlebt und Schwierigkeiten ausgehalten, sagte die Schulleiterin, die dann auch kritische Töne anschlug. Denn man spreche auch von Legenden, „wenn etwas erzählt oder behauptet wird, was nicht unbedingt der Wahrheit entspricht. Und solche Legenden rankten sich auch um die neue Schule im alten Hauptschulgebäude, obwohl auch dort über Jahrzehnte gute Arbeit geleistet worden war.“

Sie sei aber sicher, meinte Ulla Mertens, dass diese Legenden nun Vergangenheit seien, „denn ihr lebenden Legenden seid der Beweis, dass die Sekundarschule gelungen ist. Und ihr könnt stolz auf Euch sein, genau wie Eure Eltern“, sagte die Schulleiterin. Dank einer umfangreichen Berufswahlvorbereitung und Dank persönlicher Leistungen hätten die Mädchen und Jungen sich qualifiziert für Ausbildungsstellen, für den Erwerb weiterer Schulabschlüsse bis hin zur Qualifikation für die gymnasiale Oberstufe. „Das Konzept unserer Sekundarschule als eine Schule für alle ist aufgegangen“, bekräftigte Ulla Mertens und forderte die Entlassschüler auf: „Tragt das in die Welt hinaus, berichtet mit Stolz von Euren Leistungen und von den Möglichkeiten, die unsere Schule bietet!“

Für den Schulverband und damit auch für die vier Trägerkommunen gratulierte Simmeraths Bürgermeister Karl-Heinz Hermanns und erinnerte an die vielen Fragen, die vor sechs Jahren rund um die neue, noch weitgehend unbekannte Schule gekreist seien. „Heute kennen wir die Antworten – mit vielen guten, teils hervorragenden Ergebnissen, die Ihr gleich in Händen halten werdet“, sagte Hermanns. Gleich welcher Abschluss dabei herausgekommen sei: „Stolz auf das Erreichte dürft Ihr heute alle sein, ebenso wie Eure Eltern und Pädagogen“, so Hermanns, der besonders der scheidenden Schulleiterin und Vorkämpferin für ihre unermüdliche Aufbauarbeit, unterstützt durch ein engagiertes Kollegium, dankte. Ulla Mertens wird in dieser Woche offiziell vom Schulverband in den Ruhestand verabschiedet.

Auch Stefan Ludwig, Schuldezernent der Bezirksregierung Köln, erinnerte an die „besonderen Schwierigkeiten“, auf die die Sekundarschule Nordeifel mit ihren zwei weit entfernten Standorten in der Anfangsphase gestoßen sei. Diese Hürden aber habe man genommen und sich in der Schullandschaft der Nordeifel behauptet. Die Entlassschüler rief er auf: „Geht Euren Weg – gut gelaunt, aber kritisch, zielstrebig, aber flexibel!“

Durch das informative und unterhaltsame Programm des weiteren Abends führte mit Niklas Bosch-Perez ein Zehntklässler mit echten Entertainer-Qualitäten. Er präsentierte sehr schöne Musikeinlagen der Schulband und eines Schülerinnen-Duetts, spaßige Bild-Shows und vielsagende Video-Einspieler sowie Dialoge und Interviews zwischen und mit Lehrern und Schülern. Informativ war die Vorstellung des Sprachunterrichts an der Schule in Englisch, Französisch und Spanisch, interessant, was fünf Abschlussschüler über ihren weiteren Weg berichteten: von der Ausbildung zum Altenpfleger über Dachdecker und Mechatroniker bis hin zum weiteren Schulbesuch mit dem Ziel des Fach- oder Vollabiturs.

Die Schülersprecherinnen Melissa Cerit und Celina Reinart stellten fest, dass die sechsjährige Zeit an der Sekundarschule „für einige nervig, für andere aber auch das Paradies“, gewesen sei. Alle aber würden sicherlich schon bald ihre hier neugewonnenen Freunde vermissen – „und vielleicht auch ein bisschen die Lehrer“, wie die beiden augenzwinkernd hinzufügten. „Danke für Ihre Kraft, Ausdauer und Geduld“, wandten sich Melissa und Celina an das Kollegium und bekundeten: „Der Zweck Ihrer Hartnäckigkeit und Härte wird manchen von uns erst später klar werden.“

Die Schülersprecherinnen schlossen in ihre Dankesworte und Übergabe von Präsenten auch die guten Geister des Hauses ein: Sekretärinnen und Hausmeister, Reinigungskräfte und die ebenfalls nun scheidenden Mitgründerinnen und Aktivposten des Fördervereins.

Ein besonderes Bonbon hatten die Klassenlehrer der Zehnerklassen und die Schulleitung sich dann bis ans Ende der feierlichen und mit Musik unterlegten Zeugnisausgabe aufgehoben: Sie ehrten Dunja Schütt aus Kesternich (Notenschnitt 1,3) und Nico Steffens aus Mützenich (1,2) als Jahrgangsbeste und luden beide zur Landesehrung der besten Schüler in NRW nach Düsseldorf ein. Verabschiedet wurden im feierlichen Rahmen auch drei Neuntklässler nach zehn Schulbesuchsjahren mit dem Abschluss „Bildungsgang Lernen". Für sie schließt sich eine Berufsausbildung oder eine berufsvorbereitende Reha-Maßnahme der Agentur für Arbeit an.

Nachdem die lebenden, aber scheidenden „Legenden“ den passenden musikalischen Abschluss („Ein Hoch auf uns!“) in der Aula gesungen hatten, traf sich die Schulfamilie zum geselligen Teil auf dem Schulhof, begleitet von der malerisch untergehenden Sonne über dem Kranzbruchvenn. Auch dieses Bild war, wie der gesamte Abend, legendär.

(hes)
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