Schmidt/Bergstein: Sechs Meter lange Säge fliegt über der Eifel

Schmidt/Bergstein: Sechs Meter lange Säge fliegt über der Eifel

Allein das Startmanöver ist eine Kunst: Der schweizer Pilot Urs Aecherli hebt mit seinem Helikopter ab und fliegt einen Viertelkreis bis er senkrecht über einem Anhänger steht.

Unter seinem Hubschrauber hebt sich ein 30 Meter langes Rohrgestänge in die Höhe. Auf dem Anhänger liegt eine sieben Meter lange Säge. Sechs scharfkantige Sägeblätter mit einem Durchmesser von 55 Zentimetern heben sich langsam in die Höhe. Dann löst die Bodencrew die 400 Kilogramm schwere Säge aus ihrer Verankerung.

Der Pilot fliegt mit einem baumelnden Sägeblatt über Schmidt zu seinem Einsatzort zwischen dem Wanderparkplatz an der Panoramastraße und Bergstein. Das RWE lässt in dieser Woche zum ersten Mal in Nordrhein-Westfalen die Trassen von Stromleitungen mit einem Helikopter freischneiden. Die Schweizer Firma „Heli-Energy-Service” mit einem Sitz in Rheinland-Pfalz ist nach Auskunft von Geschäftsführer Thomas Harbecke europaweit für die großen Energieversorger im Einsatz.

Im Tal wartet Harald Walther auf seinen Kollegen im Cockpit. Er bestätigt noch einmal, dass kein Strom mehr über die Leitung läuft. Es kann los gehen. Manchmal sind die rotierenden Sägeblätter nur einen halben Meter von der Leitung entfernt.

Gewölbte Tür im Cockpit

Durch eine gewölbte Tür kann Pilot Urs Aecherli nach unten schauen, um zu sehen, welche Äste er abschneiden muss. Sein Kollege und ein Mitarbeiter des Energieversorgers geben immer Anweisungen. Dabei bläst ihnen der Wind von Rotor- und Sägeblättern um die Ohren. Bis zu 30 Zentimeter dicke Äste kann die Säge problemlos durchtrennen. Das Sägemehl bildet kleine Wolken in der Luft und krachend fallen die Äste zu Boden.

Ein Tag auf der fliegenden Säge ist nichts für empfindliche Mägen: Der Helikopter wackelt permanent ein wenig hin und her. „Und das muss er auch”, erklärt Harbecke. Die Rohre, an denen die Säge hängt, sind mit einem Kugelgelenk am Helikopter befestigt. Wind und Rückstöße vom Sägeblatt können so problemlos aufgefangen werden. „Und im Notfall kann der Pilot die Säge schnell vom Helikopter trennen”, erklärt Harbecke.

Ganz so unzugänglich wie die kanadische Wildnis oder die schweizer Alpen ist die Eifel zwar nicht, aber ein Kinderspiel ist die Arbeit für den Piloten dennoch nicht. „Hier ist es zwar nicht so steil wie in der Schweiz, dafür gibt es hier aber andere Herausforderungen”, erklärt Harbecke. So müsse der Pilot sich auf wechselnde Winde ebenso einstellen wie auf die Mischung von Laub- und Nadelbäumen sowie von dicken und dünnen Ästen.

Da die Sägeblätter an der linken Seite der Eisenkonstruktion befestigt sind, muss sich der Hubschrauber die Leitung an der einen Seite entlang und an der anderen wieder zurückarbeiten. Außerdem gibt es bei den Arbeiten einen Sägenwechsel. Der Hubschrauber kann nämlich auch mit einer horizontalen Säge arbeiten, die dem Gestrüpp Grenzen setzt, das von unten den Stromleitungen zu nahe kommt.

90 Prozent Zeitersparnis

Bisher wurden die Stromtrassen per Hand freigeschnitten. Das RWE testet den Einsatz des Hubschraubers, um Zeit und damit auch Geld zu sparen. In dieser einen Woche schneidet der Helikopter 50 Kilometer Stromtrasse frei. „Das ersetzt fünf Monate Handarbeit und ist eine Zeitersparnis von bis zu 90 Prozent”, sagt Sprecherin Edith Feuerborn. Und was passiet mit den Menschen, die nicht mehr gebraucht werden, wenn der Helikopter künftig häufiger durch NRW fliegt? „Die werden in anderen Bereichen eingesetzt”, sagt Feuerborn. Entlassen würden sie nicht.

„Auf zugänglicherem Gelände werden wir auch weiterhin mit Sägen und Leitern arbeiten”, erklärt Netzbetriebsleiter Dietmar Blaschyk. Das Holz, das nicht im Wald bleiben kann, wird in ein Pelletwerk geliefert.

Heute und Morgen ist der Sägen-Hubschrauber noch in Simmerath und Monschau im Einsatz. Am Ende der Woche hat er elf Trassen freigeschnitten und dafür gesorgt, dass die Schutzabstände zwischen Bäumen, Sträuchern und den 20.000-Volt-Leitungen auch eingehalten werden.

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