Nordeifel: Schülerinnen auf dem Eifelsteig: Kleines Budget und große Karte

Nordeifel: Schülerinnen auf dem Eifelsteig: Kleines Budget und große Karte

„Herausforderung“. So heißt ein offizielles Schulfach an der Evangelischen Schule Berlin-Zentrum (ESBZ). Seit einigen Jahren schon wird das revolutionäre Bildungskonzept dieser Privatschule in der Hauptstadt eifrig diskutiert, weil es eingefahrene Pfade unseres Schulsystems verlässt und sich wachsenden Zuspruchs erfreut.

„Herausforderung“ — so heißt auch ein Projekt der Berliner Schule, das seit nunmehr fünf Jahren, immer am Beginn eines Schuljahrs, Hunderte Schüler der Klassen sieben bis neun eigenverantwortlich und ohne Lehrerbegleitung auf eine dreiwöchige Reise schickt, die die Kinder und Jugendlichen mit einem Budget von 150 Euro pro Nase organisieren und bewältigen müssen.

Eine Gruppe von sechs Schülerinnen im Alter zwischen elf (bei Abmarsch) und 14 Jahren machte dabei jetzt auf ihrem 170 Kilometer langen Weg auf dem Eifelsteig zwischen Aachen und Gerolstein fünf Mal Station in der Nordeifel.

Das Projekt „Herausforderung“ ist aber derzeit nicht wegen der Gäste aus Berlin in unserer Region in aller Munde, sondern weil auch die 4. Aachener Gesamtschule mit ihren Neuntklässlern Ende August einen ähnlichen „Klassenausflug der besonderen Art“ startete. Auch dort haben sich die Schüler in Kleingruppen zusammengefunden, um in Deutschland oder im nahen Ausland drei Wochen in eigener Planung und mit einem schmalen Budget (150 Euro) zu wandern, radeln, segeln oder Zug zu fahren.

Die Herausforderung der Aachener Schule erregte dabei besonders das öffentliche Interesse, weil die Schulaufsichtsbehörde es ausdrücklich ablehnte, die Verantwortung für die Schulaktion zu übernehmen, sondern diese der Schulleitung übertrug. Schulleiter Hanno Bennemann akzeptierte dies — 113 Aachener Neuntklässler starteten am 29. August auf eine 17-tägige Abenteuertour, die es in der Form bisher an einer öffentlichen Schule noch nicht gegeben hat.

Während die Aachener Jugendlichen am Donnerstag aus Amsterdam, de Panne und Domburg, aber auch aus Münster, Trier oder Frankfurt zurückerwartet werden, haben die Berliner Schülerinnen gerade erst die erste Woche und das erste Heimweh hinter sich gebracht. „Es klappt gut; wir sind im Soll“, berichtete Helene am Ende des dritten Wandertages, der die Mädchen von Monschau nach Widdau führte.

Am 6. September begann ihre Reise am Berliner Bahnhof, von wo aus es mit dem Zug nach Aachen ging. 225 Euro hat alleine das Gruppenticket für die Schülerinnen und ihre Begleiterin, Grundschullehramtsstudentin Sarina aus Österreich, gekostet — ein guter Batzen bei einem Gesamtbudget von sechs Mal 150 Euro, also 900 Euro für die komplette dreiwöchige Tour.

„Das kann nur funktionieren, wenn die Mädels die meisten Übernachtungen kostenlos machen und ab und zu Proviant zugesteckt bekommen“, berichtet Jürgen Neuß aus Widdau, bei dem die Berlinerinnen am Freitagabend plötzlich vor der Türe standen. Neuß, der mit seiner Frau Anja wenige Meter entfernt ein schönes Gästehaus betreibt, quartierte die Mädels in der — glücklicherweise freien — Hütte ein, wo sie dann — nicht plangemäß — dreimal übernachteten.

„Am Samstag war unser erster Pausentag, und am Sonntag mussten wir auf dem Weg von Widdau nach Einruhr umkehren, da Liv unter einer starken allergischen Reaktion litt“, erzählt Ada. Familie Neuß fuhr mit dem Mädchen ins Krankenhaus, wo sie mit Infusionen wieder fit gemacht wurde, so dass es Sonntagmorgen Richtung Einruhr weitergehen konnte. „Das war schon echter Luxus hier bei Familie Neuß“, waren die jungen Gäste sehr angetan von ihrer Widdauer Unterkunft und der Freundlichkeit ihrer Gastgeber.

Diese Freundlichkeit haben die Schülerinnen aber auf allen ihren bisherigen Stationen in der Nordeifel kennengelernt. Nach der Ankunft in Aachen war man in Hahn auf den Eifelsteig gewandert und hatte am ersten Tag die Etappe bis nach Roetgen zurückgelegt. „Hier haben wir kostenlos auf einem Campingplatz gezeltet“, berichtet Karla, die als Älteste während der Eifeltour ihren 14. Geburtstag feierte. Von Roetgen aus ging es weiter nach Monschau, wo auch Hotelier Jimmy die Mädels im „Alt Monschau“ kostenlos logieren und frühstücken ließ und ihnen drei Kilo Lindt-Schokolade mit auf den Weg gab. „Die Menschen hier sind wirklich unglaublich nett und entgegenkommend, ganz anders als in Berlin“, gesteht Paula (12).

Nach Livs kleinem Zwischenfall wanderten die Mädchen dann am Montag von Widdau nach Erkensruhr, wo sie auf Vermittlung von Jürgen Neuß eine weitere tolle Herberge kostenlos nutzen konnten: Auch in der Wanderreitstation von Dorothee Wintersohle in Hirschrott erlebten die Schülerinnen nach anstrengenden Kilometern per pedes Erholung und Entspannung pur, ehe es am Dienstag nach Vogelsang weiterging.

Die bisherigen wie auch die kommenden Etappen und Stationen haben die Mädchen bereits in Berlin begonnen zu planen. „Ursprünglich wollten wir ins Elbsandsteingebirge, aber dort gab es nicht so viele Übernachtungsmöglichkeiten. Dann sind wir auf die Eifel gestoßen“, sagt Liv auf die Frage, wie man denn in Berlin auf die Idee kommt, den Eifelsteig zu erwandern. So weit es ging, wurden von der Hauptstadt aus per Mail und Telefon schon mal einige Unterkünfte gebucht, andere Übernachtungsmöglichkeiten sollten sich spontan ergeben, so der Plan der Mädels, der bisher aufgegangen ist.

Damit das alles klappt, wurden die Aufgaben unter den sechs Schülerinnen verteilt. So ist Ada beispielsweise für die Finanzen zuständig, führt genau Buch über Einnahmen, Ausgaben und jedes persönliche Budget. Helene ist die Herrin der Karten und sorgt für den richtigen Weg, Tara dokumentiert die besondere Reise und Liv, die als einzige ein Smartphone (nur für Notfälle und nicht zur Navigation) mitführt, ist für die Kommunikation zuständig.

„Jedes Mädchen soll seine Talente in der Gruppe einbringen“, erläutert Begleiterin Sarina, die betont: „Ich mische mich grundsätzlich nicht in die Planung und Abläufe ein, sondern bin nur für die Mädchen da, wenn sie Hilfe brauchen“, sagt die künftige Grundschullehrerin, die, wie alle Begleiter des Projekts, ehrenamtlich arbeitet, von der Schule auf die Begleitung des Projekts vorbereitet wurde und die Mädchen bis kurz vor dem Aufbruch nicht kannte. Vor allem aber gibt die erwachsene Begleiterin den Eltern, die den Weg ihrer Sprösslinge auf einer Internetseite und in einer Whats-App-Gruppe mitverfolgen können, ein kleines Stück Sicherheit.

Bis zum Wochenende geht es auf dem Eifelsteig weiter südwärts, in zehn Tagen wollen die Berlinerinnen in Gerolstein sein. „Wir werden bestimmt noch mal im Urlaub nach hier kommen“, versichert Helene und ihre Freundinnen ergänzen: „Aber dann kommen wir mit unserer Familie!“

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