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Streit um den Ausbau der Einrichtung durch die Alloheim-Gruppe

Nach der turbulenten Ratssitzung : SPD, CDU und FDP weisen Kritik am Roetgener Pflegeheim zurück

Die Zukunft des Pflegeheims in der Jennepeterstraße sorgt weiter für Diskussionen in Roetgen. In einer turbulenten Ratssitzung hatten SPD, CDU und FDP vergangene Woche einen Versuch der Grünen abgewehrt, den seit Jahren geplanten Ausbau des Pflegeheims zu stoppen.

Die Grünen hatten für ihren Antrag, stattdessen alternative Betreuungsmöglichkeiten zu prüfen, Unterstützung von UWG und PRB gefunden. „Ich finde, unser Vorgehen war überhaupt nicht mutlos“, kommentiert SPD-Fraktionsvorsitzender Klaus Onasch die Berichterstattung über die kontroverse Debatte. Es sei in der aufgeheizten Stimmung der womöglich leichtere Weg gewesen, den Kritikern nachzugeben. „Aber das hätte in Roetgen langfristig niemandem geholfen“, sagte Onasch im Gespräch mit unserer Zeitung.

In einer gemeinsamen Erklärung gehen SPD, CDU und FDP nun nochmals detailliert auf die Kritik ein. Darin betonen die drei Parteien, dass man sich mit dem Beschluss keinesfalls gegen alternative Betreuungsformen und vor allem die Pflege in den eigenen vier Wänden ausgesprochen habe. Wünschenswert sei, dass der Pflegebedürftigkeit möglichst lange in vertrauter Umgebung, mit Unterstützung von Familienmitgliedern, Freunden, Nachbarn und ehrenamtlichen Helfern begegnet werden könne. Daher sei die Aktivierung von ehrenamtlichen Helfern von großer Bedeutung. „Die Gemeinde hat durch die Bestellung eines ehrenamtlichen Seniorenbeauftragten, durch die Schulung von Seniorenlotsen, durch die Unterstützung des ehrenamtlich organisierten Bürgertreffs und durch die Gründung des Zwar-Netzwerkes in den letzten zwei Jahren bereits Vieles auf den Weg gebracht“, heißt es in der Erklärung.

Allerdings gebe es sehr häufig Situationen, in denen das eben nicht mehr ausreiche, weil Menschen intensive Pflege benötigten. „Für diese Fälle braucht es ein ganzheitliches vollstationäres Pflegeangebot, das eine Rund-Um-Die-Uhr-Betreuung mit qualifiziertem Personal umfasst, allen Mitbürgerinnen und Mitbürgern in Roetgen zur Verfügung steht und Betroffene unterstützt. Aktuell fehlen in Roetgen 26 Plätze in solchen Einrichtungen – so jedenfalls die offizielle Statistik. Berücksichtigt man noch die vielen ortsansässigen Familien, die ihre Eltern im Alter nach Roetgen nachziehen lassen wollen, ist sogar von einem noch höheren Bedarf auszugehen“, heißt es weiter. Deshalb seien künftig viele Roetgener gezwungen, nach Pflegestellen außerhalb ihres Heimatortes zu suchen, sollte keine Abhilfe geschaffen werden.

Genau um diesen Punkt hatten die Ratsvertreter vor einer Woche ausgiebig gestritten. Denn vor allem die Grünen bezweifeln, dass der Bedarf an Intensivpflegestellen in herkömmlichen Heimen – trotz des demografischen Wandels – weiter steigt. Sie sprechen von einem „Konzept aus den 1970er Jahren“, das die Menschen zunehmend ablehnten. Grünen-Ratsherr Bernhard Müller sagte auf Nachfrage unserer Zeitung, dass mindestens zwei aktuelle Fälle bekannt seien, in denen Pflegebedürftige ganz kurzfristig in der Jennepeterstraße aufgenommen wurden. Daher sei noch zu klären, inwieweit der Bedarf tatsächlich akut vorhanden ist. Grundsätzlich wolle man den Platzbedarf „durch eine vernünftige Betreuung zu Hause“ langfristig reduzieren, indem ehrenamtliche Modelle gestärkt und ausgebaut würden. „Das Bedarfsargument zieht unserer Ansicht nach nicht. Man reduziert auf einer Straße auch nicht das Tempo auf 30 Kilometer pro Stunde, nur weil dort Schlaglöcher sind. Man repariert stattdessen die Fahrbahn.“

SPD, CDU und FDP weisen unterdessen auch die Kritik an der Gebäudegröße sowie der Betreibergesellschaft des Pflegeheims zurück. Ein Seniorenzentrum sei ein Sonderbauwerk, das durchaus größer ausfallen dürfe. „Darüber hinaus wurde für die Gestaltung von Lage und Ausmaß der Baukörper das städtebauliche Institut der RWTH Aachen hinzugezogen, das für die Gemeinde Roetgen auch das Konzept zur Ortsentwicklung geschrieben hat. Die Vorschläge der RWTH, insbesondere im Hinblick auf die Sichtachsen der Gebäude, werden vollständig umgesetzt“, betonen die Fraktionen.

Hinsichtlich der kritisierten Gewinnerwartung des privaten Betreibers Itertalklinik beziehungsweise der Muttergesellschaft Alloheim dürfe man sich nichts vormachen: „Die Frage der Pflege von alten Menschen bleibt vor allem eine bundespolitische Herausforderung. Es ist gut, dass sich der Bundestag und die Bundesregierung mit dieser Thematik intensiv auseinandersetzen.

Ein unangemessenes Gewinnstreben von Unternehmen und Organisationen, die in der Altenpflege engagiert sind, ist deutlich zu kritisieren.“ Qualitätsstandards müssten eingehalten, Mitarbeiter fairer entlohnt werden. In diesen Fragen bestehe bundesweit Handlungsbedarf, heißt es weiter. „Aber: Wir können es uns in Roetgen nicht erlauben, aus einer grundsätzlich kritischen Haltung gegenüber der Situation, wie Pflege in Deutschland derzeit aufgestellt ist, auf die Einrichtung dringend benötigter Plätze in der Vollpflege zu verzichten. Dieser Bedarf ist vorhanden und geht über das hinaus, was ehrenamtlich geleistet werden kann.“

Den Betreiber wollen Sozial- und Christdemokraten deshalb „weiter kritisch begleiten und auf die Finger schauen“. Dass die „pauschale Kritik“ von Grünen, UWG und PRB haltlos sei, zeige schon ein Blick nach Walheim. Die dortige Einrichtung der Alloheim-Gruppe entspreche in Größe und Ausrichtung der in Roetgen geplanten. Sie genieße einen durchaus guten Ruf. „Außerdem muss man noch einmal betonen, dass der Heimaufsicht absolut keine Hinweise auf Pflegemängel in Roetgen vorliegen“, sagte Onasch Mittwoch. Angehörige hatten am Rande der Ratssitzung vergangene Woche erklärt, Pflegeheimbewohner schwiegen aus Angst vor möglichen Nachteilen. Die Grünen wollen jedenfalls an dem Thema dranbleiben. „Wir müssen uns nun bemühen, dass es künftig genug Alternativen gibt, damit Menschen nur im äußersten Notfall in das Pflegeheim ziehen müssen“, sagte Müller.

Der Ratsherr bezweifelt zudem, dass der Investor tatsächlich innerhalb der kommenden sechs Jahre, die ihm gegeben worden seien, das Heim in der geplanten Größe errichte: „Der Gesundheitsmarkt ist derzeit in Bewegung. Es gibt Hinweise darauf, dass sich die großen ausländischen Finanzinvestoren möglicherweise wieder aus der Pflege zurückziehen. Und ob das Heim in Roetgen noch wie zugesichert ausgebaut wird, steht dann in den Sternen.“