Naturschützer haben Bedenken wegen Hochwasserschutz im Vichtbachtal

Vichtbachtal : Heimat- und Naturschützer haben Bedenken wegen Hochwasserschutz-Pläne

In Sachen Hochwasserrückhaltebecken hat der Roetgener Gemeinderat kürzlich eine Resolution eingebracht (wir berichteten ausführlich), adressiert an das Umweltministerium des Landes NRW, an die Bezirksregierung, an die Städteregion und deren Fraktionen.

Ziel muss es sein, Eingriffe in das bisher weitgehend naturbelassene Vichtbachtal zu minimieren. Über ein weiteres Vorgehen will der Gemeinderat noch einmal Gespräche führen.

Der Hochwasserschutz ist längst schon ins Gerede gekommen, Planungen der Maßnahmen des Wasserverbandes Eifel-Rur (WVER) sehen eine Bebauung auf Roetgener Gebiet vor, zum Nutzen von Vicht, Zweifall und auch einem Teil auf belgischer Seite. Das Ärgernis: Am Vichtbach in Rott soll ein 880 000 Kubikmeter fassendes Becken errichtet werden. Nicht genug, auch Mulartshütte ist eingeplant mit einem Becken, das „nur“ 440 000 Kubikmeter Wasser aufnehmen soll.

Seit Jahren schon kommen seitens der Landesgemeinschaft Naturschutz und Umwelt (LNU) NRW sowie des NABU erhebliche Bedenken gegen die geplanten Maßnahmen. So hat Rainer Hülsheger (im LNU-Vorstand und Vorsitzender des Heimat- und Eifelvereins Rott) bereits 2012 seitens des LNU an die Bezirksregierung in Köln geschrieben und deutlich gemacht, dass es nicht ersichtlich und sachlich nachvollziehbar sei, warum die Nutzung der Dreilägerbachtalsperre und die Abkoppelung des Weserbaches nicht realisierbar seien. Schon gar nicht ersichtlich ist für Hülsheger, warum weitere Standorte im Bereich der Bachzuläufe zur Vicht unter Einbeziehung der Talsohlen als Überschwemmungszonen nicht einbezogen worden seien. Die klare Antwort: „Der geplante Bau von Hochwasserrückhaltebecken am Vichtbach wird seitens des LNU abgelehnt.“ Hingegen wird eine Vergrößerung des Abflussquerschnittes durch Anschluss der in der Talsohle natürlich vorhandenen Tümpel, Altarme und ehemalige Bachbette und die Schaffung von Flutmulden als Hochwasserschutzmaßnahme und Optimierung der Bachaue des Vichtbaches und einiger seiner Nebenbäche „befürwortet.“

Rainer Hülsheger hat eine stattliche Auflistung der Gründe zur Ablehnung erstellt, denn alle vorgesehenen Standorte der Dammbauwerke befinden sich im Naturschutzgebiet des Landschaftsplanes IV Stolberg-Roetgen, das als Schutzziel die Erhaltung und Optimierung des Lebensraumes Bachaue mit seinen begleitenden Gehölzsäumen, Feucht- und Nassgrünland einschließlich der dort lebenden Tier- und Pflanzenarten der „Roten Liste“ beinhalten. Es folgt eine Vielzahl weiterer Gründe, dazu stets ein klares „Abgelehnt.“ Für Hülsheger steht fest, die Dammbauwerke vernichten vorhandene geschützte Biotopflächen und Lebensräume. Und sie verhindern die Durchgängigkeit des Fließgewässers Vicht, so auch das Aufsteigen der Wanderfische. Der bisher vorhandene naturnahe Verlauf des Baches stelle somit ein potentielles Fischotterrevier dar.

Der NABU NRW hat bereits 2013 der Bezirksregierung Köln mitgeteilt, dass man den Bau von Hochwasserrückhaltebecken am Vichtbach kategorisch „ablehne.“ Auch hier ist nicht ersichtlich und nachvollziehbar, warum die Nutzung der Dreilägerbachtalsperre nicht realisierbar sei, ebenso nicht eine Abkoppelung des Weserbaches. Empfohlen werden daher Verhandlungen mit dem belgischen Staat. Die Maßnahme stehe im eklatanten Widerspruch zur Erhaltung des Naturhaushalts und zur entsprechenden EU-Wasserrahmenlinie. Wieder einmal sollen „Schwächere“ die Last tragen. Die Resolution der Gemeinde Roetgen ziele nicht genug auf den Naturschutz ab, weiß Hülsheger. Er wünscht sich, dass mehr vorhandener Talraum genutzt würde und noch vorhandene alte, vorhandene Seitenarme wieder belebt werden.

Hier, im Roetgener Gemeindewald, nahe Zweifall, wird das „kleinere Becken“ errichtet, weiß Rainer Hülsheger. Foto: Günther Sander

Rolf Wilden, Geschäftsführer des Heimat- und Geschichtsvereins Roetgen (HeuGeVe), bringt es auf den Punkt: „In einer Zeit, wo kluge Gemeinden ihre funktionsgerecht gemachten Gewässer renaturieren, kann es doch nicht angehen, dass auf dem Gemeindegebiet von Roetgen genau das Gegenteil geplant wird.“ Wilden weiß wohl, dass auf der anderen Seite der Hochwasserschutz für Betroffene von sehr großer Wichtigkeit ist.

Sein Ratschlag: „Im Falle unserer Vicht sollte man zunächst einmal die Hauptursachen dieser Gefahren bekämpfen.“ So müsse der künstlich herbeigeführte Zufluss von etwa sieben Millionen Kubikmeter/Jahr Weserwasser umgehend gestoppt werden. Nicht einfach, denn dazu bedürfe es einer Änderung im Deutsch/Belgischen-Grenzvertrag. Wilden: „Das können wahrscheinlich nicht die Städteregion, die Bezirksregierung oder Landesregierung, dazu muss die Bundesregierung tätig werden.“

Der Heimatfreund argumentiert weiter: „Wer das wunderschöne Vichtbachtal bewahren und den derzeitigen Landschaftscharakter erhalten will, darf dort keine weiteren Talsperren bauen. Das wäre schlimmer, als 1000 Windmühlen“, so Rolf Wilden. Schon die geplante Maßnahme ausschließlich auf Roetgener Gemeindegebiet vorzusehen, sei unverständlich. „Wo bleiben die Schutzvorrichtungen auf Stolberger Gebiet? Habe ich da etwas nicht mitbekommen?“ Weiter könnte das Wasserwerk in Roetgen sicher größere Zuflüsse zur falschen Zeit in die Vicht aus den Einzugsgebieten von Schleebach, Hasselbach und Dreilägerbach vermeiden helfen. Wilden verweist diesbezüglich auf einen Beitrag in den „Roetgener Blättern“, darin gehe es vordergründig zwar um den Weserstollen, aber eigentlich auch um die Ursachen der Situation im Vichtbachtal.

(der)
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