1. Lokales
  2. Eifel
  3. Roetgen

Reparatur: „Königin der Instrumente“ erhält eine Schönheitskur

Reparatur : „Königin der Instrumente“ erhält eine Schönheitskur

Die altehrwürdige Orgel in der evangelischen Kirche in Roetgen wird derzeit aufwendig saniert.

Der Zahn der Zeit hat über mehr als zwei Jahrhunderte an dem prachtvollen Instrument genagt. Mit hoher Fachkompetenz sorgt die renommierte und traditionsreiche Bonner Orgelbaufirma Klais wieder für wohltönende Klänge, die der Orgel in der evangelischen Kirche in Roetgen entspringen.

Bereits seit dem vergangenen Oktober sind die Experten in dem denkmalgeschützten Gebäude bei der Arbeit. Nach dem Abschluss des Projekts soll die Orgel eine besondere Form der „Wiederauferstehung“ erleben. Denn geplant ist, dass sie zum kommenden Osterfest Anfang April wieder kraftvoll erklingen soll, wie Pfarrer Jens-Peter Bentzin bei einem Ortstermin ankündigte.

Einen überraschenden kleinen Vorgeschmack, wie es bald volltönend erklingen kann, konnten die Besucher der Weihnachtsgottesdienste erleben. Denn zu dieser Gelegenheit gab die Orgel bereits einen ersten kleinen Vorgeschmack auf die „neue Zeit“ – zur allgemeinen Überraschung der nicht eingeweihten Besucher ertönten die ersten wieder aufpolierten Register.

 Auch als Schreiner im Einsatz: die Orgelbauer Julius Wenzel (l,) und Armin Maasen mit Brettern für die Orgeleinkleidung.
Auch als Schreiner im Einsatz: die Orgelbauer Julius Wenzel (l,) und Armin Maasen mit Brettern für die Orgeleinkleidung. Foto: Berthold Strauch

Ansonsten ist die Kirche im Augenblick offiziell für die Messfeiern in der Regel nicht zugänglich, um die Arbeiten der Orgelbauer nicht zu stören. Ansonsten wird in das benachbarte Gemeindehaus ausgewichen. Nur bei größeren Anlässen, wie eben zu Weihnachten und bei Trauergottesdiensten, wird ein wenig zusammengerückt und aufgeräumt – mit gegenseitiger Rücksichtnahme kein Problem, wie es hieß. Dennoch wird die Kirche trotz der Energiekrise geheizt, damit die Mitarbeiter in den kalten Wintertagen nicht zu sehr frieren müssen bei ihrer anspruchsvollen Tätigkeit auf der relativ engen Orgelbühne.

Derzeit wird überwiegend an der elektrischen Verkabelung gearbeitet. Sie stammt noch aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg und muss dringend modernisiert werden, um zuverlässig den Strom für dass Orgelgebläse zu liefern.

Wenn solche Arbeiten an dermaßen alten Installationen angepackt werden, sind die Experten vor Überraschungen nicht sicher. Die ältesten Teile der Orgel stammen bereits aus der Zeit um das Jahr 1700. Damit sind diese Schichten bereits etwa 100 Jahre älter als die Kirche selbst. Der Hauptteil wurde um das Jahr 1835 gebaut. Und im Laufe der Zeit hat es zahlreiche Veränderungen und Umbauten gegeben.

 Alle  Pfeifen auf Vordermann bringen: Matthias Wagner mit einem der vielen tönenden Elemente der Orgel.
Alle Pfeifen auf Vordermann bringen: Matthias Wagner mit einem der vielen tönenden Elemente der Orgel. Foto: Berthold Strauch

Die „schlimmste Zeit“ sei nach dem Zweiten Weltkrieg gewesen, als viele bis dahin originale Teile verschwunden seien, weiß Pfarrer Bentzin. Teilweise seien sie ersetzt worden durch vorgeblich „moderne“ Kunststoffe, die sich allerdings mittlerweile weitgehend auflösten.

Alte Substanz hat auch an den Orgelpfeifen schwer gelitten. Sie wurden einst aus Blei gefertigt und sind durch chemische Prozesse ziemlich stark angegriffen und zersetzt worden. „Vieles sieht man erst, wenn alles komplett ausgeräumt ist“, weiß der Orgelbauer Matthias Wagner. Somit wurde auch erkennbar, dass die Statik des Gehäuses um das erneuerte Orgelgebläse sehr instabil geworden sei.

„Es müssen viele kleine und große Entscheidungen getroffen werden, was erneuert und bewahrt werden kann“, sagt der Pfarrer. Wenn alles wieder in bester Ordnung ist, soll das entsprechend Geschaffene möglichst für die nächste Generation ausreichend sein, um die Spielkunst zu bewahren.

Viel Staub hatte sich angesammelt. Und auch schimmelige Stellen wurden entdeckt und gereinigt, nachdem die nahezu 1000 einzelnen Orgelpfeifen ausgebaut worden waren. Diejenigen Exemplare, denen der Zahn der Zeit am heftigsten zugesetzt hatten, rund 200 Orgelpfeifen in allen Größen, wurden in die Werkstatt nach Bonn gebracht, wo sie entsprechend restauriert wurden. Mit einer Beschichtung aus mikrokristallinem Spezialwachs wurden sie behandelt, damit die Oxidationsprozesse, der gefürchtete „Bleifraß“, gestoppt werden.

Die gesamte Orgelsanierung war zunächst mit einem Kostenvolumen von rund 76.000 Euro kalkuliert. Angesichts erst bei den Sanierungsarbeiten zu Tage getretener zusätzlichen Schäden rechnet Pfarrer Bentzin nun mit Kosten von bis zu 90.000 Euro. Das Land Nordrhein-Westfalen hat über Denkmalmittel einen Zuschuss von 18.000 Euro beigesteuert. Und der evangelische Kirchbauverein hatte zugesagt, sich mit 20.000 Euro zu beteiligen. Die evangelische Landeskirche steuert den überwiegenden Teil bei. Allerdings muss kräftig weiter gesammelt werden, um die zusätzlichen Lasten aufzufangen.

Wenn dann die Sanierungs- und Erneuerungsarbeiten langsam in die Schlussphase treten, wird das Neustimmen der Orgel ein wichtiger, entscheidender Faktor für die Qualität des künftigen Klangs werden. Orgelbauer Matthias Wagner ist auch dabei ein Experte. Denn er hat einst auch ein Kirchenmusikstudium absolviert und war als Kantor tätig. Er kann sich somit also praktisch selbst „prüfen“, ob gute Arbeit geleistet worden ist. Doch dafür kommen eigens ausgewiesene Spezialisten. „Das Stimmen ist eine Wissenschaft für sich“, weiß Wagner.

Der 57-Jährige, der mit seiner Familie in Mönchengladbach lebt, ist seit 25 Jahren im Beruf. Schon viele renommierte Orgeln sind sozusagen durch seine Hände gegangen, etwa die in der Kathedrale im belgischen Brügge oder in Wien. An etwa 60 Orgeln habe es bislang Hand anlegen können, bilanziert er sein persönliches Werk. Was Roetgen angeht, ist der Experte fest überzeugt: „Die Orgel wird nachher hörbar besser klingen.“

Die familiengeführte Firma Klais, mittlerweile in der fünften Generation, sei europaweit in den evangelischen und katholischen Kirchen unterwegs, wobei früher auch Aufträge etwa in Korea und China abgearbeitet worden waren. Die Roetgener Orgel mit ihren gerade mal 15 Registern zählt zu den mittleren Instrumenten, während der „Weltrekord“ – in der Passauer Domorgel – bei rund 250 Registern steht.

Das Besondere der Arbeiten in Roetgen? „Unsere Aufgabe ist nicht überwiegend das Rekonstruieren, sondern das Konservieren“, aus Kostengründen, sagt Matthias Wagner. Da müssen dann auch schon mal Kompromisse gefunden werden, um das Projekt für den Auftraggeber bezahlbar zu halten. „Unser Interesse ist, auf dem aufzubauen, das man uns anvertraut hat, um es an die nächsten Generationen weiterzugeben“, ergänzt Pfarrer Jens-Peter Bentzin die Verantwortung seiner Gemeinde. „Wir freuen uns darauf, unser Instrument im Frühjahr wieder willkommen heißen zu können.“

Bis dahin haben Matthias Wagner und seine beiden Mitarbeiter Justus Wenzel, 24 Jahre alt und seit gut vier Jahren im Unternehmen, und Armin Maasen, 29 Jahre alt und fast ebenso lange bei Klais, noch genügend zu tun. Dazu gehören zum Beispiel auch Schreinerarbeiten, um die hölzernen Gehäuse vor Ort zuzuschneiden und anzupassen.