Kammerkonzert zum Thema Sehnsucht in der evangelischen Kirche Roetgen

Kammermusik : Ein Konzert voller Sehnsucht in der evangelischen Kirche Roetgen

Dass ein klassisches Konzert unter einer thematischen Überschrift steht, ist so selten nicht. Wie aber passt ein „romantisch“ getöntes Motiv wie „Sehnsucht“ zu einer kirchlichen Veranstaltung? Das war die spannende Frage, vor die sich die – leider zu wenigen – Zuhörer beim bemerkenswerten Kammerkonzert am Sonntag in der evangelischen Kirche Roetgen gestellt sahen.

Ein eingespieltes Duo: Rebekka Zachner an der Viola, begleitet von Hans-Josef Loevenich an der Orgel, waren die Künstler. Und vorab ist festzustellen, dass beide in jeder Weise überzeugten. Insbesondere konnte sich die Bratsche in der hierfür günstigen Akustik der restaurierten Kirche auf eine geradezu wundersame Weise entfalten. Rebekka Zachner führte sie sicher und klangschön, mit rundem und vollem Ton durch alle Register. Hans-Josef Loevenich, der Dürener Regionalkantor, begleitete souverän, wobei man annehmen darf, dass die allermeisten Stücke, die zu hören waren, wohl nicht original für die Orgel gedacht waren, sondern bearbeitet wurden.

Aber was hatte es nun mit der Sehnsucht auf sich? Pfarrer Wolfgang Köhne, der das Konzert einleitete, sowie die Künstler in ihrer eigenen Moderation versuchten, einen entsprechenden Bogen zu schlagen. Musik ist selbst Anzeichens eines Ungenügens, insoweit sie das noch auszudrücken versucht, was mit den Mitteln der Sprache nicht mehr auszudrücken ist. Aber dies weist noch tiefer darauf hin, dass überhaupt das, worauf sich der Mensch ausrichtet, jeweils immer noch weiter zielt als das jeweils Erreichte. So wäre die Sehnsucht in diesem Sinne – über alles „romantisch“ Unklare hinaus – so etwas wie ein Grundmerkmal des Menschen überhaupt.

Nun versuchten die beiden Künstler, einen solchen, sehr grundsätzlichen Gedanken in den dargebotenen Stücken den Zuhörern fühlbar zu machen. Man hätte vorab auf den ersten Blick meinen können, dass einige der ausgewählten Stücke vielleicht allzu sehr dem Vorschub leisten würden, was man trivialerweise mit „Sehnsucht“ und „Romantik“ verbindet. So etwa die berühmte, oft ins Kitschige verzerrte „Romanze“ von Johan Svendsen oder die beiden Charakterstückchen von Edward Elgar unter dem Titel „Chanson de Nuit“ und „Chanson de Matin“. Aber da war es schon erstaunlich, festzustellen, dass all dies in der Interpretation der beiden Künstler und insbesondere von Rebekka Zachner auf einmal viel ernsthafter und tiefgründiger erklang als man es im Ohr hatte. Neben der „Elegie“ von Alexander Glasunow galt dies vor allem für die „Rhapsodie“ des jüdischen Komponisten Ernest Bloch aus dessen „Suite hébraique“. Gerade hier wurde plötzlich klar, dass es auch einen religiösen Bezug des Themas „Sehnsucht“ gibt.

Im Zentrum des Konzerts stand ein Solowerk von Rebekka Zachner selbst, zu dessen Ausführung sie dann auch von der Orgelbühne herab in den Kirchenraum kam. Es handelte sich dabei um eine Folge von drei Solostücken, die um emotionale menschliche Grunderfahrungen kreisten, wie Eifersucht und Schmerz. Die moderne Tonsprache und die souveräne Darbietung ließen die Differenziertheit und Hintergründigkeit dieser Lebensphänomene erlebbar werden.

Eine Sonate des englischen Barockkomponisten Henry Eccles sowie ein Choralvorspiel von Moritz Brosig (solistisch dargeboten von Hans-Josef Loevenich) standen ein wenig außerhalb des thematischen Bogens, an dem dann aber am Schluß mit dem bekannten Stück „Oblivion“ von Astor Piazzolla wieder angeknüpft wurde.

(js)
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