Grenzhof in Petergensfeld: nach Speisen, Musik und Tanz jetzt Wohnkomfort

„Roetgener Institution“ mit lebendiger Geschichte : Nach Speisen und Tanz jetzt Wohnkomfort

Die Gastwirtschaft Grenzhof im belgischen Petergensfeld hat eine wechselvolle Geschichte vorzuweisen, die jedoch nicht vollständig verfolgt werden kann.

Selbst Rolf Wilden, Geschäftsführer des Heimat- und Geschichtsvereins (HeuGeVe) Roetgen, muss da passen. Er spricht, obwohl das Haus in Petergensfeld zwar auf belgischem Gebiet liegt, von einer uralten „Roetgener Institution“.

Der Roetgener Chronist Hermann Josef Cosler schrieb in einem Aufsatz um 1860 von einem Wilhelm Esser aus Hürtgen, der 1848 oder 1849 nach Amerika ausgewandert sei. Seine Familie habe die Schulden für den „Grenzhof“ bezahlt. Eine Catharina Steffens baute dann in Petergensfeld ein Haus an der Aachen-Trierer Chaussee, wo Hubert Keischgens eine Zeit lang eine Gastwirtschaft betrieb, aber horrende Schulden machte und 1840 nach Amerika fortzog, in einer Nacht- und Nebelaktion.

Um 1900 gab es in Roetgen eine Postkarte, die das Restaurant Keischgens in Petergensfeld zeigt, neben Bahnhof und evangelischer Kirche, katholischer Pfarrkirche sowie Schule und Marienkapelle. Das Haus in Petergensfeld gehörte damals dem Bauunternehmer Keischgens, der 1891 das „Belgische Bassengschen“ baute. Der Gastwirt Johann Hubert Keischgens, aus Simmerath stammend, heiratete ein Mitglied der Familie Esser, starb 1918. Danach kam der Gasthof an Paul Lux, der das Restaurant bis 1954 betrieb.

Im Grenzhof war ein Arbeitslager der Deutschen Reichsbahn untergebracht, bis 1944 die US-Armee kam. Foto: Gerhard Kristan

„Danach wird die Sache kompliziert“, weiß Rolf Wilden. Fakt ist aber: Petergensfeld ist ein Weiler mit Grenzübergang nach Belgien im Westen von Roetgen in Höhe des ehemaligen Bahnhofs der Vennbahn. Es handelt sich in diesem Bereich um ein schon im Mittelalter bestehendes „Dreiländereck“ zwischen der Fürstenabtei Kornelimünster (nach Norden), dem Amt Monjoye im Herzogtum Jülich (nach Osten) und dem Herzogtum Limburg (nach Westen). Die dort auch verlaufende preußische Landkreisgrenze zwischen Eupen (Petergensfeld) und Montjoie (Roetgen) wurde durch die Regelung des Versailler Vertrages 1920 zur Staatsgrenze Belgien-Deutschland. An diesem Grenzpunkt betraten am 12. September 1944 amerikanische Truppen erstes deutsches Reichsgebiet. Petergensfeld gehört in kommunaler und kirchlicher Hinsicht zu Raeren, faktisch orientieren sich die Bewohner nach Roetgen. Der Raerener Kirchenvorstand gab 1870 seine Zustimmung zur Wendung der Bewohner von Petergensfeld zur katholischen Kirche St. Hubertus in Roetgen. Die Kinder besuchten bis 1927 die Schule in Roetgen. Die neue Staatsgrenze verkomplizierte die Nachbarschaftsbeziehungen, Petergensfeld bekam 1927 eine eigene Schule.

Hin zum Bauernstil

Zurück zum Grenzhof. Am 6. April 1955 berichtet das Grenz-Echo Eupen von einer Neueröffnung der bekannten Gaststätte, betrieben von den Eheleuten Kreutz-Schmetz (vormals Lux). Das Restaurant sei im Bauernstil möbliert und biete den Gästen einen gemütlichen Aufenthalt. Die Fenster würden einerseits einen Ausblick auf die nur drei Meter entfernt liegende deutsche Straße gestatten, auf der sich der Verkehr zwischen Aachen und Montjoie lebhaft abwickele. Nur vier Meter weiter befinde sich die deutsche Grenzstelle, wo alle Formalitäten der belgischen und deutschen Reisenden erledigt worden seien. Neben den Restaurationsräumen liege ein Saal mit Tanzfläche, hier werde wohl manches junge und alte Paar wie in früheren Zeiten einen schönen Abend verbringen, so steht dort. Alle Besucher könnten sich von der vorzüglichen Bewirtung überzeugen. Die Grenzstelle gestatte zudem einen einfachen und bequemen Übergang nach Deutschland. Nach Aachen führe der Weg über die bekannte „Himmelsleiter“ und nach Montjoie gehe es über Roetgen.

„Roetgener Feuerwehr löscht in Belgien“, titelt das Grenz-Echo Eupen am 15. Januar 1992: Gegen 2.45 Uhr in der Nacht zum Dienstag wurde der Sohn des Grenzhof-Wirtes in Raeren-Petergensfeld aus dem Schlaf geklingelt. Ein Passant, der auf dem Weg zur Arbeit war, hatte an der Hinterfront des Gasthauses Rauchwolken bemerkt, die aus den Fenstern quollen. Dirk Wagner habe schnell gehandelt. Da er die meisten Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr aus Roetgen persönlich gekannt habe, die Eupener Wehr aber für Petergensfeld zuständig sei, jedoch einen viel zu langen Anfahrtsweg gehabt hätte, griff er kurzerhand zum Telefon und klingelte einen der Roetgener Floriansjünger aus dem Bett. Der wiederum habe Feueralarm ausgelöst, nur wenige Minuten später sei die Roetgener Wehr am Brandort gewesen.

Wagner vermutete, dass man noch schneller zur Stelle gewesen wäre, wenn es die Möglichkeit damals gegeben hätte, den deutschen Feuerwehrnotruf 112 anwählen zu können. Diese Rufnummer sei übrigens für alle unmittelbaren Anlieger der Grenze bei manchen Gelegenheiten (Unfälle, ärztliche Notfälle) ohnehin von Vorteil. Deutsche Notdienste lägen direkt vor der Haustüre, während die belgischen lange Anfahrtswege in Kauf nehmen müssten.

Das Restaurant Keischgens („Grenzhof“) wurde um 1900 sogar auf einer Roetgener Postkarte verewigt. Foto: HeuGeve Roetgen

Die Roetgener Wehr war mit zwei Löschfahrzeugen und 20 Feuerwehrmännern zur Stelle, sie hatte das Feuer rasch unter Kontrolle, konnte die Schäden durch Löschwasser in Grenzen halten. Das Feuer war in einem Vorratsraum ausgebrochen (vermutlich Kurzschluss). Dieser Raum und zwei daran angrenzende Zimmer wurden völlig zerstört. Die übrigen Räume des Hauses, deren Renovierung gerade abgeschlossen war (in wenigen Tagen sollte der Grenzhof neu eröffnet werden), wurden allerdings durch Rauchentwicklung arg in Mitleidenschaft gezogen und bedurften einer erneuerten, gründlichen Renovierung. Gefahr für Personen habe nie bestanden. Wirt Dirk Wagner hatte vergessen, sich nach dem Namen des Passanten, der das Feuer entdeckt hatte, zu erkundigen. Er bat darum, er möge sich bei ihm melden, um ihm den Dank der Familie aussprechen zu können. Nur wenige Jahre später (etwa 1995) gab Wagner das Restaurant auf.

Schon 1850 erbaut

Derzeit ist das „Rote Haus“, wie es genannt worden sein soll, verhangen und abgesperrt, es tut sich was, von innen und außen wird gearbeitet. Das Gebäude soll einer Wohnraum-Nutzung zugeführt werden. Das Haus ist zwischen 1850 und 1874 erbaut worden. Am 18. Januar 2019 sei ein Antrag auf Städtebaugenehmigung für den Umbau des Gebäudes in vier Appartements und drei Studios eingereicht worden, werde derzeit bearbeitet und noch nicht genehmigt, so Ursula Cunibert vom Bauamt der Gemeinde Raeren auf Anfrage. Im Gespräch mit Architekt Oliver Derwahl aus Hergenrath vor Ort, der für die Baumaßnahme verantwortlich zeichnet, ist zu hören, dass nie ein Abriss des Gebäudes vorgesehen gewesen sei. Im Gegenteil: Nach dem Umbau werde aus dem Grenzhof ein wahres Schmuckstück entstehen.

„Wir wollen den Charakter bewahren“, sagt Oliver Derwahl, der im Auftrag eines belgischen Investors, nahe Lüttich, tätig wird. Dem Architekten schwebt vor, den modernen, behindertengerechten Wohnkomplex den Namen „Residenz Grenzhof“ zu geben. Fenstern, Türen werden erneuert, das Dach wird ebenfalls erneuert und um 1,50 Meter angehoben, ein Erker und auch eine Terrasse sollen das Gebäude aufwerten.

Derwahl rechnet im Mai dieses Jahres mit der Baugenehmigung und dem Beginn des Umbaus. Die Bauzeit beziffert er auf ein Jahr. Mit diesen Eigentumswohnungen wolle man mehrere Käuferschichten ansprechen, so würden sich die Studios beispielsweise gut für Studenten eignen. Die Außenziegel werden überputzt, die Wände erhalten eine Dämmung. „Am Ende wird hier ein schönes, helles, freundliches Haus entstehen“, ist Oliver Derwahl überzeugt.