Geplante Maßnahmen zum Hochwasserschutz am Vichtbach in der Kritik

Hochwasserschutz am Vichtbach : Resolution soll WVER zum Umdenken bewegen

Um die Stadt Stolberg vor Hochwasser zu schützen, sollen am Vichtbach in Rott und Mulartshütte neue Hochwasserrückhaltebecken gebaut werden.

Laut Informationen des Wasserverbands Eifel-Rur (WVER), der unter anderem für die Fließgewässer in der Städteregion Aachen verantwortlich ist, reichen die derzeitigen Schutzmaßnahmen für die Stadt Stolberg gegen Hochwasserschäden nämlich nicht mal für ein 20-jährliches Hochwasser aus. (20-jährliches Hochwasser ist ein Ereignis, das statistisch einmal in 20 Jahren eintritt). Bei einem 50-jährlichen Hochwasser prognostiziert der WVER Schäden in Höhe von 13,4 Millionen Euro (Stand 2008). Bei einem Jahrhunderthochwasser rechnet der WVER gar mit Schäden in Höhe von fast 50 Millionen Euro.

Dass ein entsprechender Bedarf für einen Regenwasserrückhalt vorhanden ist, wird von keinem der politischen Vertreter in der Gemeinde Roetgen bezweifelt. In Frage gestellt wird aber die Alternativlosigkeit der vom WVER vorgelegten Planung. Eine andere Möglichkeit als den Bau der Rückhaltebecken gebe es nicht, sagt der WVER. Das sehen die Mitglieder des Roetgener Gemeinderates aber anders. Deshalb hat die SPD jetzt eine Resolution an die für Hochwasserschutz zuständige Landesumweltministerin Ursula Heinen-Esser entworfen, die in der Ratssitzung am 2. Juli beraten und verabschiedet werden soll.

Das Becken am Vichtbach in Rott soll 800.000 Kubikmeter fassen können. Das entspricht in etwa dem Stauraum der Perlenbachtalsperre in Monschau. Dafür wird ein Damm mit einer Höhe von 15 Metern Höhe und einer Länge von 170 bis 200 Metern am Ortsausgang von Rott in Richtung Mulartshütte benötigt. Damit wäre er zwar rund drei Meter kleiner als der Damm der Perlenbachtalsperre, aber genauso lang. Bei Vollfüllung würde der Rückstau bis nach Rotterdell reichen.

Das Hochwasserrückhaltebecken bei Mulartshütte soll 400.000 Kubikmeter fassen können. Der Damm müsste dann zehn bis zwölf Meter hoch und 130 bis 150 Meter lang sein. Hier würde der Rückstau bis hinter das Gelände des Familien- und Jugendbildungshofs „Auenland“ erfolgen. Das Auenland würde untergehen.

Dies sind mögliche Hochwasserrückhaltebecken am Vichtbach. Foto: grafik

Im vergangenen Jahr hatte der WVER auf aktualisierte Regendaten des Deutschen Wetterdiensts (DWD) reagiert und war zu dem Schluss gekommen, dass die Becken größer als geplant ausfallen müssten. Inzwischen habe der DWD die Daten erneut korrigiert, daher sei man zu der ursprünglichen Planung zurückgekehrt, erläutert der WVER.

„Der Hochwasserschutz für die Stadt Stolberg wird nur in dieser Kombination funktionieren, aber auch nur mit entsprechenden Maßnahmen in der Stolberger Altstadt“, hatte Franz-Josef Hoffmann vom Fachdezernat Gewässer des WVER erklärt, als er im vergangenen Jahr auf Antrag der Grünen den Stand der Planungen in einer Sitzung des Bauausschusses erneut vorgestellt hatte. Grundlage für die jetzt gewählten Standorte sei eine Vorstudie gewesen, in der über 20 potenzielle Standorte und deren Kombinationen untersucht worden seien.

Die Grünen sehen in der geplanten Maßnahme eine Unterwanderung des in der europäischen Wasserrahmenrichtlinie verankerten Verschlechterungsverbots für den Zustand der natürlichen Gewässer, da die Dämme in Naturschutzgebieten liegen würden und sich 23 Prozent der dort vorkommenden Tier- und Pflanzenarten auf den Roten Listen von Land und Bund befänden. Ein wichtiger Punkt aus Sicht der Grünen ist auch, dass das Wasser durch zahlreiche Gräben inzwischen zu schnell abfließen könne.

Der Bauausschuss akzeptierte zwar die Notwendigkeit, im Einzugsgebiet des Vichtbachs Hochwasserschutzmaßnahmen zu ergreifen, fraktionsübergreifend wurde aber der Bau von zwei Becken auf Roetgener Gemeindegebiet in der geplanten Größenordnung als ein überaus gravierender Eingriff gesehen und erwartet, dass Überlegungen zur Reduzierung der Beckenvolumina angestellt werden. Der Bauausschuss bat um Prüfung, ob es nicht möglich wäre, zumindest Teile des notwendigen Rückhaltevolumens im Bereich der Dreilägerbachtalsperre zu realisieren. Außerdem sollte geprüft werden, ob nicht das Wasser aus dem Wesereinzugsgebiet, das bisher über den Weserstollen in den Vichtbach eingeleitet wird, im Wesereinzugsgebiet belassen und somit der Vichtbach entlastet werden könnte. Des Weiteren sollte überlegt werden, ob Teile des erforderlichen Speichervolumens zwischen Mulartshütte und Stolberg gebaut werden könnten.

„Alle Prüfvorschläge wurden jeweils relativ lapidar zurückgewiesen“, schreibt die SPD in der Erläuterung ihrer Resolution. Der Wassergewinnungs- und aufbereitungsgesellschaft Nordeifel (WAG) als Betreiber der Trinkwasseraufbereitung reiche es zu erklären, dass Trinkwasserschutz sich nicht mit Hochwasserschutz vertrage.

Der WVER begnüge sich mit dieser Aussage und sehe darüber hinaus keine Möglichkeit, sich gegen die WAG durchzusetzen. „Dabei werden Trinkwasserschutz und Hochwasserschutz zum Beispiel an der Wehebachtalsperre und an der Wesertalsperre offenbar problemlos praktiziert. Bezüglich des Wesereinzugsgebiets reicht dem WVER der Hinweis der Betreiber der Wesertalsperre, dass dann ja deren Wassermanagement geändert werden müsse, um sich auch mit dieser Möglichkeit nicht mehr auseinandersetzen zu müssen beziehungsweise zu wollen“, schreibt die SPD und erklärt, dass sie diese Haltung nicht akzeptieren will.

Da der WVER sich offensichtlich nicht mit der WAG und dem Betreiber der Wesertalsperre auseinandersetzen wolle und offensichtlich akzeptiere, dass beide ihren Status quo nicht infrage stellen lassen wollen, sehe die SPD keine andere Möglichkeit mehr, als übergeordnete politische Gremien einzuschalten. „Denn auf der Ebene der zuständigen Körperschaften WVER, WAG etc. sowie auf der kommunalpolitischen Ebene kommen wir nicht mehr weiter“, schreibt die SPD.

Daher habe sie eine Resolution entworfen. Ziel sei es, dass das Ministerium und die zuständigen Politiker auf der Ebene der Bezirksregierung und der Städteregion ihren Einfluss geltend machen, „um WAG, WVER etc. zu einem konstruktiven Umgang mit dem Problem der gigantischen Becken auf Roetgener Gebiet zu bewegen. Damit der Bau von zwei derart großen Speicherbecken auf Roetgener Gemeindegebiet eventuell doch noch zugunsten eines deutlich geringeren Volumens verhindert werden kann.“

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