Roetgen: Kritiker monieren fehlende Einordnung des Hitler-Fotos

Roetgener Heimat- und Geschichtsverein : Wie „schön“ ist ein Foto von Adolf Hitler?

Der Heimat- und Geschichtsverein Roetgen provoziert mit seiner Veröffentlichung eines Hitler-Fotos unter der Rubrik „Das schöne Bild“ eine Diskussion. Wie war das mit der Befreiung?

Am 12. September jährt sich der Einmarsch der US-amerikanischen Truppen in Roetgen zum 75. Mal. Während  die Vorbereitungen für das Gedenken an diesen historischen Tag schon auf Hochtouren laufen, diskutiert die Gemeinde über Erinnerungskultur und die eigentlich längst beantwortete Frage: War das Befreiung oder Besatzung? Ausgelöst hat die Debatte der Heimat- und Geschichtsverein (HeuGeVe), der in seiner Juli-Ausgabe der Mitgliederzeitschrift  „Roetgener Blätter“ unter der Rubrik „Das schöne Bild“ ausgerechnet ein Foto von Adolf Hitler abdruckt, versehen mit dem Zusatz: „Ein Bild mit dem ‚Führer‘ als ‚schön‘ zu bezeichnen, mag zwar heute politisch inkorrekt sein, aber es geht ja hier um eine Bildkategorie und nicht um eine Person.“

„Was haben sich die Verantwortlichen des Vereins wohl bei dieser Veröffentlichung gedacht? Wer findet Gefallen an solchen überflüssigen Bildern – und warum steht vor dem Namen des Manns mit der Mütze nicht Despot, Diktator oder Massenmörder?“ Die Fragen stellt Hubert vom Venn, Vorsitzender des Bezirksvereins Aachener Presse. Unterstützung erfährt der Kabarettist durch die Roetgener SPD-Vorsitzende Janine Köster.

„Wenn unter einer Rubrik, die sonst eher Postkartenmotive unseres Ortes zeigt, ein Bild Adolf Hitlers zu sehen ist, wirkt das zunächst sehr irritierend“, sagt die Studienrätin. Sie habe grundsätzlich kein Problem mit derartigen historischen Fotos. Aber: „Hier fehlt die geschichtliche Einordnung komplett. Im Gegenteil wirkt der begleitende Text relativierend und verharmlosend.“  Sie mahnt: Angesichts des sensiblen Themas müssten „auch Hobby-Historiker gewissen Ansprüchen gerecht werden“.

Die so kritisierten Verantwortlichen des Vereins reagieren erbost. „Wir fühlen uns angegriffen“, sagt Franz Schröder, Vorsitzender des HeuGeVe. In der Fotorubrik gehe es um den erfolgreich aufgeklärten Hintergrund historischer Bilder. „Dieses Foto beweist, dass Adolf Hitler 1939 tatsächlich die Eifel besucht hat.“ Vereinsgeschäftsführer Rolf Wilden, der den Text verfasst hat, verteidigt sich: „Im Sinne der Geschichte ist das ein schönes Bild.“

Interessant sei nicht zuletzt die Konstellation der umstehenden Personen, die seinerzeit mit dem Diktator die Dreilägerbachtalsperre besuchten – darunter Erwin von Witzleben, späterer Widerstandskämpfer des 20. Juli, und Wilhelm Keitel, dem 1945 in Nürnberg der Prozess gemacht wurde. Wilden gibt aber zu, dass der Name der Rubrik in diesem Fall Missverständnisse begünstigen könne. „Wenn man es unbedingt will, dann kann man es missverstehen.“ Demnächst werde der Verein solche Fotos deshalb unter dem Titel „Das interessante Bild“ veröffentlichen. Gerhard Kristan, zweiter Vorsitzender des HeuGeVe, beharrt allerdings darauf, dass der Verein historische Fakten lediglich dokumentiere und nicht kommentiere – dies sei Sache von Politik und Medien.

Für Hubert vom Venn ist das keine befriedigende Erklärung. Zumal der Verein in derselben Ausgabe seiner Blätter auch an anderen Stellen einen befremdlichen Ton anschlägt. Da werden US-Soldaten in einer weiteren Bildunterschrift  zum Beispiel wörtlich als „Besatzer“ bezeichnet. Während in einem Augenzeugenbericht ausführlich die Sorgen der deutschen Bevölkerung und der „Parteimitglieder“ geschildert werden, ist für die Opfer des Nationalsozialismus kein Raum.

„Da der Verein auch an den Vorbereitungen der Feierlichkeiten ‚75 Jahre Befreiung‘ beteiligt ist, sollte man den HeuGeVe-ern bei deren Veröffentlichungen zu diesem Thema genau auf die Finger schauen: Sonst taucht womöglich häufiger das Wort ‚Besatzer‘ statt ‚Befreier‘ auf“, sagt Hubert vom Venn.

Befreiung oder Besatzung?

Geschäftsführer Wilden dagegen meint: „Die alten Zeitzeugen werden niemals von einer ‚Befreiung‘ reden.“ Franz Schroeder (69) pflichtet ihm bei. 1944 habe man in Roetgen noch gar nicht absehen können, dass dies tatsächlich eine Befreiung gewesen sei. „Ich bin aus heutiger Sicht natürlich froh, dass wir befreit worden sind. Aber die direkt Betroffenen haben das damals nicht so verstehen können.“

Angriffe gegen den Verein seien auch deshalb ärgerlich, weil sich dieser mit der Errichtung eines Mahnmals für die Opfer der Kriege auf einem eigens angekauften Westwallgrundstück besonders engagiere. Im Übrigen sei die Zahl der Kritiker im Ort überschaubar. „Wir haben noch nie so viele Hefte verkauft wie in diesem Monat“, sagt Wilden.

Mehr von Aachener Zeitung