Roetgen feiert 75 Jahre Befreiung: Helmut König im Interview

Politologe fordert neue Erinnerungskultur : Roetgen ist befreit worden. „Keine Frage!“

Am kommenden Donnerstag jährt sich die Befreiung Roetgens durch die US-Amerikaner zum 75. Mal. Immer wieder ist in den vergangenen Jahrzehnten über diesen Begriff gestritten worden, zuletzt auch in Roetgen.

Dabei wären andere Fragen viel wichtiger, meint der renommierte Politikwissenschafter Hemut König – bis 2017 Professor an der RWTH Aachen – im Interview mit unserem Redakteur Marco Rose.

Vor 75 Jahren wurde Roetgen befreit. Das kann und muss man heute trotz aller Debatten so sagen?

Helmut König: Ja. Bundespräsident Richard  von Weizsäcker hat diesen Begriff in seiner berühmten Rede vom 8. Mai 1985 geprägt, bereits zehn Jahre später ist er dann schon wieder infrage gestellt worden.  Eigentlich hat uns diese Diskussion nie so richtig verlassen. Ich hätte es mir sehr gewünscht, dass das nun endlich vorbei ist. Aber das ist es offenbar nicht, wie man im Vorfeld des Jahrestags feststellen musste. An der Debatte zeigt sich, dass solche Wahrnehmungen doch sehr abhängig von Generationszugehörigkeit und von dem Punkt sind, von dem aus man daraufschaut.

Wie meinen Sie das?

König: Für die Zeitgenossen und für die überzeugten Nazis war es natürlich eine Niederlage. Das ist klar. Und wenn wir im Nachhinein so tun würden, als wenn 1945 alle den Einmarsch der Amerikaner begeistert als Befreiung begrüßt hätten, wäre das eine sehr einseitige Wahrnehmung. Die Leistung von Weizsäckers war es vielmehr, dass wir heute auf dieses Ereignis blicken und sagen können: Es ist eine Befreiung gewesen! Das was es ja auch war – überhaupt keine Frage! Ich will nur aufzeigen, warum man auf die Idee kommen könnte zu sagen: Das war eine Niederlage. Von wo aus urteilen denn die Leute, die heute noch auf die in meinen Augen tatsächlich absurde Idee kommen, zu sagen: das war eine Niederlage? Für die Nazis war es natürlich eine. Und da kann man nur sagen: Gott sei Dank! Oder: Den Alliierten sei Dank! Für alle Verfolgten unter dem NS-Regime war das schließlich eine Befreiung, und für viele kam diese Befreiung viel zu spät.

P rofessor Helmut König (69) lehrte bis 2017 Politikwissenschaften an der RWTH Aachen und gilt als Instanz in Fragen des Nationalsozialismus und der Vergangenheitsbewältigung. Foto: ZVA/Michael Jaspers

Wird uns die Diskussion im kommenden Jahr erhalten bleiben, wenn dann viele deutsche Städte dem Jahrestag der Befreiung gedenken werden?

König: Das ist schwer zu sagen. Vielleicht ist das in der Eifel eine spezifische Situation. Und wenn jetzt noch einmal über die Frage Niederlage oder Befreiung diskutiert werden muss, ist das auch ein Hinweis auf eine Vernachlässigung von ernsthafter Auseinandersetzung in den lokalen Zusammenhängen.

Ist das nicht auch eine Bildungsfrage? Wird das Thema heute noch angemessen in den Schulen behandelt?

König: Es ist immer eine Bildungsfrage. Aber die Frage ist, was wir unter Bildung verstehen. Das eine ist die Frage des Wissens. Und alle, die über das politische Bewusstsein Klagetöne anstimmen, sagen: Der Geschichtsunterricht hat versagt. Ich glaube, auch da muss man ein bisschen differenzieren. Der Nationalsozialismus, die totale Unterwerfung oder die Vernichtung der europäischen Juden – das sind alles keine Ereignisse mehr im unmittelbaren Sinn der Zeitgeschichte. Und natürlich ist da die generelle Frage: Wie kann man politische Erfahrungen an die jüngere Generation weitergeben? Und da ist das eine das Wissen.

Und das andere?

König: Das andere und in meinen Augen genauso wichtige ist die Frage, was aus diesem Wissen folgt. Um zu wissen, dass man keinen Andersgläubigen – ob Juden oder Muslime – umbringt, dazu muss man nicht unbedingt nach Auschwitz fahren. Das gehört zu den Grundlagen eines geordneten Zusammenlebens. Die Frage ist vielmehr: Was sind die Grundlagen einer vernünftigen, stabilen politischen Ordnung? Da spielt das Geschichtsbewusstsein sicher eine Rolle. Aber zu denken, jetzt müssen wir in den Schulen mehr darüber sprechen und dann ist das Problem gelöst, halte ich für eine Illusion. Bedenken Sie:  Es hat in Brandenburg und Sachsen immerhin ein Viertel der Bevölkerung nicht gehindert, die AfD zu wählen, obwohl das Spitzenpersonal eine sehr deutliche Nähe zu rechtsradikalen Positionen aufweist. Das ist ja noch vornehm formuliert. Die haben sich ja nicht versteckt, sondern offensiv ausgestellt. Und sind trotzdem oder gerade deswegen gewählt worden. Beides ist nicht sehr erfreulich.

Die Gemeinde Roetgen hat einen semantischen Kompromiss gefunden: Die Feier trägt den Titel „75 Jahre Freiheit“. Kann man damit alle mitnehmen?

König: Das ist ein interessanter Punkt. Wenn man das wiederum in einen weiteren Kontext stellt, wird es spannend. Denn das eine ist tatsächlich ein Akt der Befreiung. In früheren politischen Epochen hätten wir von Revolution gesprochen. Und das andere ist die Frage, wie aus einem Akt der Befreiung eine dauerhafte politische Ordnung der Freiheit entstehen kann. Dieser Übergang, den wir in dieser Situation einer militärischen Niederlage verdanken, in eine Ordnung der Freiheit, die wir selbst aufrecht erhalten, die wir lebendig erhalten, ist ein hoch spannendes Thema. Das ist auch für die Geschichte der Bundesrepublik ausgesprochen aufschlussreich.

Ist vielleicht eine Ursache mancher Probleme, dass den Deutschen die Freiheit eher verordnet wurde?

König: Das wäre wieder so ein Punkt, an dem wir über historische Zusammenhänge nachdenken müssen. In der ersten Hälfte der 1950er Jahre gab es so etwas wie ein – Hermann Lübbe hat das so genannt – „kommunikatives Beschweigen“. Damals ist die Frage der  NS-Vergangenheit und was daraus folgte, überhaupt kein öffentliches Thema gewesen. Das hat sich erst in den 60er-, 70er- und 80er-Jahren sehr deutlich verändert. Erinnern Sie sich nur an die Wehrmachtsausstellung: Da war es so, dass dann auch persönliche Erinnerungen und Erfahrungen eine Rolle gespielt haben. Das ist wichtig: Denn nur etwas, was öffentlich zugänglich ist, kann auch zum Gegenstand von Diskussionen werden.  Insofern würde ich mit Blick auf die Gegenwart sagen, dass es ja gar keine Erlebnisgeneration mehr gibt, die von ihren Erinnerungen und Erfahrungen als Erwachsene in der Zeit des Nationalsozialismus berichten könnte – sei es als Verfolgte, Nazis oder einfache Soldaten.  In diesem Sinne haben wir ja kaum noch Zeitzeugen.

Welchen Wert messen Sie Zeitzeugenberichten grundsätzlich zu?

König: Zeitzeugenberichte sind einerseits immer faszinierend und interessant, auf der anderen Seite muss man sie natürlich einordnen. Man muss da auch genau hinschauen: Aus welcher Perspektive erzählen diese Menschen, muss man denen eventuell eine andere Perspektive gegenüberstellen? Wie erscheinen die im Lichte der Gegenwart? Ohne Einordnung sind diese Zeitzeugenberichte das, was sie sind: ein kleines Schlaglicht auf weltgeschichtliche Konstellationen.

Sollten die Deutschen abschließen mit diesem Kapitel der Vergangenheit oder wäre das Gegenteil wichtig: Müsste man mehr darüber reden?

König: Der Punkt ist ein anderer: Die Bundesrepublik – und auch die Europäische Union – beruhen auf der Erzählung, dass sich diese Vergangenheit niemals wiederholen darf. Das ist die Gründungsgeschichte, die Staatsräson der Bundesrepublik. Das Narrativ der Europäischen Union: Die Bändigung des militärischen Riesen in der Mitte Europas. Und was wir gegenwärtig erfahren, ist, dass das nicht mehr ausreicht. Dass das die Leute nicht mehr hinter dem Ofen hervorholt. Wir müssten darüber nachdenken, was überzeugend ist und nicht nur aus der Negation der Vergangenheit heraus wirkt. Die Negation einer Katstrophe reicht nicht mehr aus, um eine vernünftige Perspektive zu entwickeln. Politik hat nicht nur mit Vergangenheit zu tun, sondern mit Erwartungen. Da müssen wir etwas fantasievoller werden, ohne zu vergessen.

Was wäre die Antwort? Menschlichkeit? Freundschaftlichkeit? Internationalität?

König: Zum Beispiel.

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