Nordeifel: „Public Viewing“ bei der WM? In der Eifel lieber in kleiner Runde

Nordeifel: „Public Viewing“ bei der WM? In der Eifel lieber in kleiner Runde

Fußball als Gemeinschaftserlebnis oder doch lieber im Heimkino? Wenn am Donnerstag die Fußball-WM in Russland startet, dann sitzt die Nation wieder vor den Bildschirmen und wird sogar mancher zum Fußball-Fan, der sonst mit „König Fußball“ eher nichts am Hut hat. Die Sehgewohnheiten aber sind ganz unterschiedlich.

Der eine schaut gerade die Spiele „seiner“ Mannschaft am liebsten im heimischen Wohnzimmer, alleine oder im kleinsten Kreis und in Ruhe auf dem neuen High-Tech-TV an, der oder die andere feiert oder leidet am liebsten in geselliger Runde. Das „Public Viewing“, übersetzt: öffentliches Schauen und bei uns irgendwann Rudelgucken getauft, nahm mit der WM 2006 in Deutschland Fahrt auf und führte in der Folge bei den großen EM- und WM-Turnieren zu Großveranstaltungen in allen größeren deutschen Städten.

Lutz Schell, Silvia Prümmer und Ralf Kaulen vom „Braukeller“ zeigen ab Donnerstag alle WM-Spiele und hoffen auf internationales Publikum (oben). Im Mützenicher „Nassenhof“ (unten) gab es bei den letzten Turnieren die größten Fan-Partys. Dieses Mal kann man nur gegen Mindestverzehr Fußball gucken. Foto: Schepp/Stollenwerk

Hohe Sicherheitsauflagen

Diese Zeiten aber scheinen mittlerweile vorbei zu sein. „Public Viewing immer weniger gefragt“ titelten zu Wochenbeginn viele Zeitungen, weil es zur WM 2018 beispielsweise in Nordrhein-Westfalen keine einzige Public-Viewing-Großveranstaltung mehr geben wird. Das hat weniger damit zu tun, dass kein Interesse der Fans an solchen Angeboten bestünde. Vielmehr ist für die Städte ein solches Großevent mit viel Aufwand und vor allem mit einem großen Sicherheitsrisiko verbunden. Die Gefahrenlage ist heute eine andere als vor zwölf Jahren, und die zu recht hohen Auflagen der Ordnungsbehörden möchten die meisten Veranstalter nicht tragen.

In der Nordeifel wurde in den vergangenen Jahren nur in Simmerath anlässlich der WM 2010 eine größere Freiluftveranstaltung angeboten, die zumindest bei den deutschen Spielen großen Anklang fand, danach jedoch nicht fortgesetzt wurde — wohl auch wegen des hohen Aufwands.

Kirmes und Sportwoche

Stattdessen entwickelten sich in unserem Raum größere Veranstaltungen im Simmerather Saal Wilden und im Mützenicher „Nassenhof“, wo 200 und mehr Fans feierten. Da die großen Turniere meistens Ende Juni und Anfang Juli über die Bühne gehen, bauten viele Vereine und Veranstalter die Übertragung der Spiele auch als Zeltveranstaltung in das Programm der Kirmes, Sportwoche oder anderer Events ein.

Und so ist es auch dieses Mal. „WM 2018 im FC-Heim!“ wirbt der FC Roetgen auf seiner Facebookseite für gemeinsames Fußballgucken in seinem Sportheim an der Hauptstraße 33, wo „eine große Leinwand, Bier vom Fass, aber natürlich auch Softdrinks und kleine Snacks“ die Fans anlocken sollen. Eine Stunde vor Anpfiff öffnen die Sportheimtüren, und abgesehen vom Verzehr ist das Ganze kostenlos.

Vereinsheime, Sportwochen und Dorffeste stehen ohnehin hoch im Kurs, wenn es um das Rudelgucken geht. Im Sportheim des TuS Lammersdorf an der Schießgasse werden alle deutschen Spiele auf drei Bildschirmen gezeigt, im Vereinsheim der KG Biebesse in Höfen und beim Sommerfest von TuRa Monschau auf dem Gelände an der Flora werden Leinwände aufgebaut.

In Imgenbroich zeigen die Schützen das erste deutsche WM-Spiel sogar am Rande ihres Königsvogelschießens: „Public-Viewing auf der Schützenwiese — bei kühlen Getränken und bester Stimmung. Ab 14 Uhr schießen die Schützen, ab 17 Uhr die deutsche Nationalmannschaf!“, wirbt die Bruderschaft. Und in Kesternich gibt es Deutschland gegen Schweden beim Jubiläum der KG am 23. Juni sowie das WM-Finale am 15. Juli im Rahmen der Kirmes jeweils auf LED-Großbildwand im Festzelt auf der Höhe zu erleben.

„Es ist angerichtet“, schrieb „Schang“ Wilden schon vergangene Woche für das gemeinsame Fußballgucken in seinem Saal in Simmerath, und auch der Saal in Mützenich wurde eigens für die WM wieder zur Arena umgebaut. Beim WM-Erlebnis im „Nassenhof“ wird es zu dieser WM aber eine „Regeländerung“ geben, wie die Besitzer erläutern: „Der Eintritt kostet für Erwachsene 15 Euro, aber dafür gibt‘s fünf Getränke“, sagt Mark Roeben und sein Vater Karl-Heinz erklärt: „Bei der EM haben einige ganz Schlaue sich die Getränke mitgebracht und unserem Stammpublikum die besten Plätze weggenommen. Da wir den ganzen Aufwand aber nur über Getränke finanzieren, müssen wir das dieses Mal anders regeln und nehmen in Kauf, dass weniger Leute kommen.“

Internationales Publikum

Über den Verzehr soll sich auch der Aufwand für die gesamte Gastronomie lohnen, die auf den WM-Zug aufspringt. In Monschau haben Ralf Kaulen und Lutz Schell im Braukeller zwei 65er-HD-Bildschirme aufgehäng und zeigen alle WM-Spiele: „Einheimische sind ebenso willkommen wie unsere Hotelgäste und alle anderen Monschau-Gäste“, erwartet Kaulen ein internationales Publikum — außer aus den Niederlanden...

Einen Steinwurf vom Braukeller entfernt rollt auch in der Kultkneipe „Zum Haller“ der Ball und werden ebenfalls alle Nachmittagsspiele gezeigt. „Die Küche öffnet aber immer erst um 17 Uhr“, sagt Inhaberin Jacqueline Radermacher. In Konzen ist die Gaststätte von Achim und Elke Huppertz eine beliebte Adresse zum „Public Viewing“ und im Nachbardorf Imgenbroich fährt die „Bodega“ wieder groß auf — mit Leinwand, Fernseher und Tippspiel.

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