Prinz Karneval der KG Rollesbroich Marcel I.

Rollesbroich: KG Rollesbroich: Mit Gebärdensprache durch die Säle

Jeder, der dem Karneval auch nur ein wenig verbunden ist, kennt den unsterblichen Schlager der „3 Colonias“, der da lautet: „Einmal Prinz zu sein“. Diese Liedzeile hat sich auch Marcel Breuer zu eigen gemacht.

„Es war schon immer mein Traum, einmal Prinz zu sein“, sagt der 43-Jährige, aber er sagt es nicht so, dass jeder ihn versteht. Marcel Breuer ist seit seiner Geburt gehörlos und kann sich auch nur sehr eingeschränkt artikulieren. Deshalb drückt er seine Freude mit Gesten aus. Seine Hände wandern durch den Raum, ein breites Lächeln erfüllt sein Gesicht, man spürt wie die Emotionen seine Seele in freudige Schwingungen versetzen. Ihm gegenüber sitzt seine Schwester Nicole, die das Lächeln erwidert und ihrem Bruder gestenreich antwortet.

Der Sessionsorden von Marcel I. dreht sich um das Thema Wikinger. Foto: P. Stollenwerk

Dolmetscherin als Begleiterin

„Marcel hat mir gerade noch einmal erzählt, was für ein bewegender Moment für ihn die Prinzenproklamation vor einigen Wochen war.“ Er ist seit dem 2. Dezember Prinz Karneval der in der Gemeinde Simmerath ansässigen KG Klev Botze Rollesbroich. In Gebärdensprache führen Bruder und Schwester ihren Dialog, und diese ungewöhnliche Form der Kommunikation wird in der aktuellen Session bis zum 14. Februar, dem Aschermittwoch 2018, Alltag bei der KG sein.

Wenn es sich auch in der Realität so darstellt, dass Marcel Breuer als Gehörloser dem karnevalistischen Geschehen auf akustischer Distanz begegnet, so möchte er seinen Untertanen in der fünften Jahreszeit aber dennoch möglichst viel von seinen Empfindungen mitteilen. Deshalb war auch schon bei der Proklamation im Nationalparksaal Rollesbroich Dolmetscherin Christel Straaten vom Hörgeschädigtenzentrum Aachen mit auf Bühne, um die Botschaft von Marcel I. ans närrische Volk in Worte zu fassen.

Die Gebärdensprachdolmetscherin gehört in den ersten sechs Wochen des neuen Jahres praktisch zum Gefolge des neuen Prinzen, denn bei wichtigen Termin wird sie an seiner Seite sein, wenn es schunkelnd durch die Säle geht. 50 bis 60 Termine wird die KG ab dem 5. Januar abwickeln, vom Besuch im Kindergarten bis zum Auftritt im Altenheim.

Da versteht es sich von selbst, dass die Dolmetscherin nur bei den bedeutenden Veranstaltungen, das sind knapp zehn an der Zahl, wie beispielsweise bei der Schlüsselübergabe in Rollesbroich oder beim großen Empfang der Städteregion Aachen, mit auf der Bühne stehen wird. Ansonsten wird die Prinzenrede bei Auftritten durch Vertreter der KG vorgetragen.

Christel Straaten freut sich auf die nicht alltägliche Aufgabe, erst recht nach der gelungenen Proklamation. „Da hat das Publikum toll mit gemacht“, erzählt sie. Eine sehr gute Idee sei es gewesen, dass Fähnchen zum Winken an das Publikum verteilt worden seien. „Das war ein toller visueller Eindruck für den Prinz.“ Auch die Dolmetscherin ist glücklich darüber, dass Marcel Breuer sich einen Lebenstraum erfüllen konnte. „Ich wünsche mir jetzt nur noch, dass er eine Vorreiterrolle spielt und andere diesem Beispiel folgen.“

Dem Veilchendienstagszug in Rollesbroich fiebert der neue Prinz bereits entgegen, aber auch dem Kinderkarneval in Strauch, denn Marcel Breuer stammt aus Strauch, und damit regiert die 2001 gegründete KG aus Rollesbroich erstmals ein „Strüücher“.

„Die Proklamation von Marcel wurde vom Publikum begeistert aufgenommen“, freut sich auch KG-Präsident Marc Topp, der in der Gesellschaft gemeinsam mit Egon Heck die verantwortungsvolle Rolle des Prinzenmachers bekleidet.

„Ich bin dankbar und stolz, dass die Leute unseren neuen Prinzen so offen und herzlich empfangen haben“, sagt er. Seit zehn Jahren gehört Marcel Breuer den „Klev Botze“ an, und fast so alt sei auch sein Wunsch, einmal Prinz zu sein, berichtet der Präsident. Vor zwei Jahren habe man dann das Interesse in konkrete Bahnen gelenkt und im Mai 2017 unter Dach und Fach gebracht. Das Sessionsmotto („Wikinger erobern das Trevvelland, mit Prinz Marcel sind alle außer Rand und Band“) war rasch gefunden, denn die neue Tollität ist ein glühender Island-Fan.

Bis zum Start der heißen Phase des Karnevals gibt es für den Prinzen noch viel zu tun. Das 20-köpfige Gefolge des Prinzen muss zusammengestellt und noch eine Choreografie einstudiert werden.

Ein großer Wunsch des Prinzen ist auch, am Altweiberdonnerstag im Hörgeschädigtenzentrum in Aachen aufzutreten. Diesem Wunsch folgt die KG gerne, und dafür wird sie sogar die traditionelle Rathauserstürmung in Simmerath früher abbrechen.

Die Kooperation mit dem Zentrum ist auch für Präsident Marc Topp ein ganz wichtiger Faktor in dieser etwas anderen Session. Zwar hat Marcel Breuer in einem gewissem Umfang Anspruch auf Unterstützung durch eine Gebärdensprachdolmetscherin, aber für diese Ausnahmesituation, die vieler zusätzlicher Termine bedarf, leistete die Städteregion Aachen zusätzliche finanzielle Hilfe.

„Ein bewegender Moment“

Elf Punkte, so ist es Prinzenbrauch, werden bei der Proklamation verkündet. Das war bei Marcel I. nicht anders, und die Dolmetscherin ließ das Publikum wissen, was ab sofort in Rollesbroich Gesetz ist. So wurde die Dorfbevölkerung mottogetreu aufgefordert, kleine Vulkane in die Gärten zu stellen. „Das war schon ein bewegender Moment“, erzählt Marc Topp, „auch weil uns die Menschen Respekt und Mut für unsere Entscheidung gezollt haben“. Man wisse ja nie genau, welche Reaktionen folgen würden.

Der neue Prinz ist beliebt und bekannt im Ort, und auch bei seinem Arbeitgeber, der Firma SEM in Rollesbroich, wo er seit 17 Jahren als Metallbauer beschäftigt ist, teilte man die Freude. „Wir freuen uns nun auf eine tolle Session, und für uns ist inzwischen schon wieder alles ganz normal“, lacht der Präsident, „und der Alaaf-Ruf funktioniert schon ganz prima“, fügt er hinzu.

Auch Marcel Breuers Schwester Nicole steht noch ganz unter dem Eindruck des Geschehens: „Es wird oft von Integration geredet, aber hier findet sie statt. Viele Menschen haben vor Freude geweint, als sie hörten, dass es Marcel ermöglicht worden ist, seinen Lebenstraum zu erfüllen, einmal Prinz zu sein“, sagt sie.

Ein ganz wichtiger außerkarnevalistischer Termin steht für Marcel Breuer bereits am kommenden Montag, 18. Dezember, an. Dann wird er 44 Jahre alt — oder wie er karnevalistisch korrekt zu verstehen gibt: 4 x 11 Jahre.