Roetgen: Präventionsprogramm stärkt Grundschüler gegen sexuelle Gewalt

Roetgen : Präventionsprogramm stärkt Grundschüler gegen sexuelle Gewalt

„Es war schon ein bisschen ekelhaft“, sagt Mia ganz offen. „Aber wir wissen jetzt, wie wir uns verhalten sollen, wenn uns soetwas einmal passieren sollte“, sagt die Neunjährige. Mia gehört zur Klasse 3c der Gemeinschaftsgrundschule Roetgen, die in den vergangenen drei Wochen mit allen Klassen des dritten und vierten Schuljahrs erneut ein bemerkenswertes und preisgekürtes Projekt durchlaufen hat.

„Mein Körper gehört mir“, heißt das interaktive Präventionsprogramm der Theaterpädagogischen Werkstatt Osnabrück (TPW), das Kinder im Grundschulalter gegen sexuelle Gewalt stark machen möchte.

Seit 1994 ist die TPW mit ihrem Präventionsprogramm gegen sexuelle Gewalt an Schulen im gesamten Bundesgebiet zu Gast. Mittlerweile sind in Deutschland mehr als 70 Spielerpaare in den 3. und 4. Klassen im mobilen Einsatz. Dort zeigen sie die interaktiven Spielszenen an drei Vormittagen für jeweils eine Schulstunde.

Das Thema sexueller Missbrauch wird den Schülerinnen und Schülern dabei kindgerecht nahe gebracht. Die einzelnen Teile des Programms widmen sich den Themen Ja- und Nein-Gefühle, sexueller Missbrauch durch Fremde und durch Täter aus dem Nahbereich der Kinder. Trotz der ernsthaften Inhalte wird viel gelacht, gesungen und über die von den beiden Darstellern gespielten Szenen diskutiert. Den Kindern wird erklärt, was sexueller Missbrauch ist. Sie werden aufgefordert, ihren Gefühlen zu trauen, und sie erfahren, dass jeder das Recht hat, „Nein!“ zu sagen, wenn eine Berührung unangenehm ist, oder wenn ein anderer meine persönlichen Grenzen überschreitet.

Drei verschiedene Theaterszenen wurden den dritten und vierten Schuljahren an den vergangenen Montagen klassenweise gezeigt. Ob es um die Massage mit einem Massageroller geht oder um den Nachbarn, der einen an den Po fasst — in unterschiedlicher Problemhärte konfrontieren die beiden Schauspieler Anja und Hansi ihr junges Publikum mit den Fragen: Wann kippt eine Situation vom Angenehmen ins Unangenehme, wann werden Grenzen überschritten, wann muss es aufhören? So sensibilisieren sie die Wahrnehmung der Kinder und stärken ihr Vertrauen in die eigenen Gefühle.

Offener Ausgang

Die Spielszenen verdeutlichen außerdem, wie wichtig es ist, mit anderen über Nein-Gefühle zu sprechen und sich helfen zu lassen. Vor allem, wenn Kinder aufgefordert werden, das Erlebte und Erlittene als Geheimnis zu hüten. Viele Szenen haben dabei einen offenen Ausgang, der die Gefahr ahnen lässt. Wenn es zu brenzlig wird, frieren die Darsteller die Szene ein und entwickeln erst im anschließenden Gespräch gemeinsam Ideen, wie Kinder reagieren können, um den dargestellten Konflikt zu lösen.

Noch immer spürbar beeindruckt vom Erlebten, berichten die Kinder lebhaft von den drei Szenen. „Die erste Geschichte handelte von einem Mädchen, das in der Schulpause aus Versehen einen Ball gegen ein Auto schießt. Der Fahrer steigt aus, reißt seine Jacke auf und zeigt dem Mädchen seinen Penis“, berichtet Maisha, und natürlich wird bei diesem Wort in der Klasse gekichert. Maisha erzählt weiter: „Sie läuft sofort zurück zur Schule und erzählt es dem Hausmeister, dem sie als Erstes begegenet.

Der Hausmeister ruft die Polizei“, sagt die Drittklässlerin, und ihre Klassenkameradin Eileen stellt fest: „Sie hatte ein Nein-Gefühl und hat richtig reagiert.“ Johanna erzählt von der zweiten Szene, in der ein Mädchen sich im Chat mit einem Jungen namens Urs nett unterhält. Schließlich vereinbaren sie ein Treffen, doch aus dem Bus steigt kein Junge, sondern ein erwachsener Mann... Die Szene friert sofort ein und die Schauspieler rufen: „Stop!“

„Die Schauspieler haben das echt gut gespielt“, stellt Emilia anerkennend fest, und auch Ella fand es „schön, aber ein auch bisschen eklig“. Und Anja und Hansi hätten „das mit den drei Fragen echt gut erklärt. Das hilft uns sicher weiter, wenn uns mal so etwas passiert“, ergänzt Maisha.

Eine Woche vor den Kindern hatten übrigens auch die Eltern bei einer eigenen Vorführung die Szenen und das Projekt kennengelernt. Im Bürgersaal wurden die Eltren der Dritt- und Viertklässler über die Inhalte informiert und konnten alle Fragen zum Präventionsprojekt stellen.

Komplett von Verein finanziert

Schulleiterin Susanne Bortot zeigte sich froh darüber, „dieses wirklich schöne Projekt zum zweiten Mal an unserer Schule“ zu haben. Da die Kosten des Projekts im vierstelligen Bereich liegen, sei man auf Sponsoren angewiesen. Bortot: „Der Verein ,Menschen gegen Kindesmissbrauch e.V.‘, den wir gefunden haben, hat das Projekt vollständig finanziert.“

(hes)