Politologe Richard Gebhardt lobt „Nestbeschmutzer“ Hubert vom Venn

„Demokratie braucht solche Anstöße“ : Politikwissenschaftler untersucht Hitlerbild-Posse

Es kommt nicht oft vor, dass sich die Politikwissenschaft eingehend mit Querelen in einem kleinen Eifelörtchen befasst. Die maßgeblich von dem Kabarettisten Hubert vom Venn angestoßene Debatte über die Erinnerungskultur im Ort aber hat im Juli so weite Kreise gezogen, dass auch Richard Gebhardt auf das Thema aufmerksam geworden ist.

Gebhardt hat lange Zeit als Dozent am RWTH-Institut für Politische Wissenschaft gelehrt und arbeitet inzwischen als Publizist und Referent mit dem Schwerpunkt extreme, populistische und Neue Rechte in Köln und Aachen.

Die Kontroverse nach der Veröffentlichung eines Hitlerfotos unter der Rubrik „Das schöne Bild“ durch den Roetgener Heimat- und Geschichtsverein (HeuGeVe) ist für den Forscher nahezu exemplarisch für den Umgang der Deutschen mit der Vergangenheit.

Gebhardt hat daher nicht nur die Veröffentlichungen des Vereins unter die Lupe genommen, sondern auch Leserbriefe, die von unserer Zeitung und auch dem HeuGeVe veröffentlicht wurden. „Wenn man den Ursprung des Streits betrachtet, stellt man fest, dass der Text zu dem Hitlerfoto mit einer Polemik gegen die politische Korrektheit beginnt. Das ist ein klassisch rechtspopulistischer Topos.“ Gebhardt spricht von einer Diskrepanz zwischend der Geschichtswissenschaft und der auf Zeitzeugenberichte fixierten Heimatkunde. Diese schwelge allzu oft in Erlebnisgeschichte, die etwa der HeuGeVe als „packende Augenzeugenberichte“ verkaufe. „Die Roetgener Heimatforscher beanspruchen ein Deutungsmonopol und kanzeln Kritiker als Pseudohistoriker“ ab, zitieren selbst aber nach Wikipedia“, wundert sich Gebhardt.

Insgesamt entstehe ein deutliches Missverhältnis zwischen staatstragendem Ritual und der Rhetorik vor Ort. „Aus manchen Veröffentlichungen spricht tatsächlich noch das Geschichtsbild der 40er Jahre“, kritisiert der Politologe. „Sollen wir dieses Bild etwa einfrieren?“ Auch der elegische Tonfall mancher Leserbriefschreiber, die „über die Schuld, die man uns immer wieder vorhält“ klagten, weise in der Argumentation deutliche Ähnlichkeiten zu der der Neuen Rechten auf.

„Der Umgang ist bezeichnend“

Positiv festzustellen sei, dass in solchen Fällen mittlerweile häufiger und fundierter widersprochen werde. „Wichtige Impulse gehen dabei oft von kritischen Geistern wie Hubert vom Venn aus, die daraufhin gerne als Nestbeschmutzer gebrandmarkt werden.“ Die Demokratie brauche solche Anstöße aber dringend. Bezeichnend sei der Umgang mit Hubert vom Venn, zuletzt etwa durch den Vorsitzenden der Roetgener Grünen, Bernhard Müller. Der habe in einer Parteiveröffentlichung unlängst noch einmal kräftig in Richtung des Kabarettisten nachgetreten. „Dabei können die Roetgener froh sein, dass sie mit dieser Provinzposse nicht in den überregionalen Medien gelandet sind“, meint Gebhardt.