Nordeifel: Pilger hatten nicht nur Rosenkranz dabei

Nordeifel: Pilger hatten nicht nur Rosenkranz dabei

„60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges sitzen Belgier und Deutsche, die militärischen Feinde von einst, friedlich, ja freundschaftlich vereint in einem Bus.

Sie suchen per Exkursion Spuren der mutigen Männer, die ab Ende der 1940er Jahre ihr Leben riskierten und unter unvorstellbaren Strapazen Kaffee aus dem Königreich über die grüne Grenze in die noch junge Bundesrepublik schmuggelten. Damit linderten sie in ihren Familien die oft blanke Hungersnot und schufen peu à peu einen bescheidenen Wohlstand in ihren Dörfern. So manches in Kampfhandlungen zerstörte Eifelhaus wäre ohne die extrem hohen Gewinne aus dem Verkauf der begehrten braunen Bohnen nie wieder errichtet worden.”

Mit diesen Worten gab die Mützenicher Ortsvorsteherin Jacqueline Huppertz den Startschuss zu einer spannenden Tour kreuz und quer durch die Wälder des Hohen Venns und die deutsch-belgische Eifel, immer auf der Fährte der legendären und häufig glorifizierten Träger mit der duftenden Last auf dem Buckel.

Fahrt in die Vergangenheit

Mit dem Bus ging eine knapp 50- köpfige Delegation aus Bürgern der Deutschsprachigen Gemeinschaft Ostbelgiens wie Bewohnern der Nordeifelorte Mützenich, Lammersdorf und Simmerath auf eine Reise in die gemeinsame Vergangenheit, geprägt von erschütternd tragischen wie zugleich unglaublich situationskomischen Taten und schicksalhaften Ereignissen.

Zum Start dieser speziellen Fahrt der Erinnerung und wider das Vergessen verwies Jacqueline Huppertz in Eupen auf „die gut nachbarlichen Beziehungen, die heute zwischen Ostbelgiern und Eifelern herrschen. Die teils sogar verwandtschaftlich geknüpften Bande waren traditionell schon seit Generationen intakt, abgesehen von unseligen militärischen Interventionen. Nun dient unser dauerhaft gedeihliches Miteinander Gesamt-Europa”.

Bedeutende Stationen auf dem Hochspannungstrip, dem laut Ortsvorsteherin weitere gemeinsame heimathistorische Veranstaltungen folgen sollen - so ist an eine Tagung auf Burg Vogelsang gedacht - ,waren alte deutsch-belgische Zollämter und Grenzpassagen samt ihrer denkwürdigen Vergangenheit, stets dem Schmuggel auf den Fersen, dem „zweitältesten Gewerbe der Welt”. So formulierte es der aus Deutschland stammende Dr. Herbert Ruland, der schon seit vielen Jahren in Ostbelgien lebt.

Der renommierte Historiker und Sozialwissenschaftler konnte als kundiger Kenner der Materie und Führer der Ganztages-Unternehmung gewonnen werden. Ruland öffnete seinen Zuhörern auf fesselnde Art sein „Fass voller Wissen”.

Er erläuterte mit beeindruckenden Worten die bewegenden Schmuggelgeschichten markanter Ziele und Begriffe im „Land ohne Grenzen”, wie Haus Ternell, Kloster Reichenstein, Kreuz im Venn, Fringshaus, Dreiländerpunkt in Vaals, Wallfahrtsort Moresnet oder Zollamt Lichtenbusch.

Die Gruppe ließ die gewonnene Eindrucksfülle im Mützenicher Kunst- und Kulturzentrum „Weisses Pferdchen” bei lebhaften Dialogen in erbaulicher Atmosphäre Revue passieren. Ruland, dessen Ausführungen harmonisch, humorvoll und wissenswert von Georg Kremer (Stadt Eupen) ergänzt wurden, skizzierte mit einem Blick in eine düstere Statistik das Drama der Epoche von eisernen Krähenfüßen, sie wurden von Flüchtenden reifenschlitzend vor das verfolgende Zollauto geworfen, und Kaffee: „Man rechnet zwischen 1947 bis 1953 mit bis zu 50 erschossenen, nicht selten noch kindlichen Schmugglern. Ganz genau lässt sich das nicht mehr sagen. Sicher ist: Der letzte Getötete hatte anderthalb Pfund Mokka, ein Päckchen Tee und 20 Eier bei sich!”

Spielball regierender Mächte

Den Teilnehmern wurde auf beeindruckende Art und anhand historischer Daten und Fakten belegt, dass das Land zwischen Lüttich, Aachen und Maastricht jahrhundertelang und im Wechsel ein Spielball regierender Mächte und der von ihnen eingesetzten Besatzern und Militärs war, welche die ortsansässige Bevölkerung oft übel drangsalierten.

Der Schmuggel blühte schon zur Zeit des Ersten Weltkriegs. Im „geheimen Grenzverkehr” wechselten alle Güter, die „der Mensch zum (Über-)Leben braucht”, vom Salz bis zum Petroleum, vom Speck bis zum Puddingpulver, die Seiten.

Sogar mancher fromme Moresnet-Pilger führte nachweislich in bei der Prozession nicht nur das Gebetbuch und den Rosenkranz mit sich.

Fazit der Aufarbeitung und Dokumentierung einer unter die Haut gehenden Epoche gemeinsam erlebt und erlittener euregionaler Geschichte: Auf fremde Besatzer, Kontrolleure und Soldateska, die die einheimische Bevölkerung schikanieren, ausbeuten und wegen Lappalien und notgedrungenen Mundraubs gar mit dem Tode bedrohen, kann Europa gern verzichten.

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