Schleiden/Nordeifel: Norbert Scheuer: Wie ein Erfolgsautor seine Bücher schreibt

Schleiden/Nordeifel: Norbert Scheuer: Wie ein Erfolgsautor seine Bücher schreibt

Kall hat ein „Literaturcafé“. Es befindet sich in einem Supermarkt, und dort ist regelmäßig Norbert Scheuer, Erfolgsautor aus Kall-Keldenich, anzutreffen. Den Hinweis gab der Autor jetzt selber preis, schließlich schreibe er dort sein Tagebuch „und dafür brauche ich einen öffentlichen Ort“.

Scheuer, einer der wichtigsten zeitgenössischen deutschsprachigen Erzähler, erzählte diese und andere Anekdoten bei der Eröffnung der 3. Lit.Eifel im Pädagogischen Zentrum des Bischöflichen Clara-Fey-Gymnasiums in Schleiden. Bis Ende November bietet das Literaturfestival Lesungen, Schreibworkshops, ein Jugendprogramm und auch eine kleine Buchmesse. 30 Veranstaltungen finden in 15 Kommunen der drei beteiligten Landkreise in der Eifel sowie in der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens statt.

Norbert Scheuer las zum Auftakt aus seiner neuesten Erzählung „Die Sprache der Vögel“. Genauso wichtig wie die gelesenen Passagen mit Tagebucheinträgen des Protagonisten Paul Arimond aus Kall, Sanitätsgefreiter in Afghanistan, waren dem Publikum Einblicke in Scheuers Schriftstellerleben.

Norbert Scheuer, geboren 1951 in Prüm, lebt in Kall-Keldenich, einen zweiten Wohnsitz hat die Familie im rheinland-pfälzischen Kyllburg gefunden. Dass Kall in allen seinen Büchern vorkommt, ist bekannt, auch in dem neuesten Werk spielt es eine Rolle. Aber eher als Erinnerungsort und im übertragenen Sinne als Verortung von Heimat.

„Denn Scheuer schreibt ja keine Regionalliteratur“, sagte Christoph Leisten, Deutsch- und Literaturkundelehrer am Clara-Fey-Gymnasium, der im Anschluss an die Lesung den Autor zum Gespräch bat und Fragen aus dem Publikum moderierte.

Doch in Kall wiederum und dem besagten Supermarkt-Café hatte Norbert Scheuer einen Afghanistan-Veteranen getroffen, „der sich als Ausgleich zum Kriegseinsatz für die Vogelwelt des Landes interessierte“, erzählte der Autor. Er fand die Kombination ungewöhnlich genug für eine Erzählidee, und dann habe die Buchrecherche begonnen.

„Ich schreibe pro Buch immer zwei bis drei Jahre“, erläuterte Scheuer. Er studierte Fachliteratur zum Thema Vogelwelt am Hindukusch, interviewte den „Vogelpapst“ Frank Josten, der sich mit den rund 500 Vogelarten, die es in Afghanistan gibt, auskenne. Das Kriegsgeschehen am Hindukusch verfolgte der Autor über die Medien. Dann folgte wie gewohnt die „Phase der Niederschrift, dann die der Montage der Handlungsebenen. Das müssen Sie sich wie das Knüpfen eines Seiles aus verschiedenen Strängen vorstellen. Da ist viel Handwerk dabei.“

Die reine Erzählebene ist in Norbert Scheuers Büchern nie alles, wie zahlreiche Fragesteller aus dem Publikum zu Recht vermuteten. Es gebe durchaus religiöse, philosophische Bezüge, das wollte Scheuer nicht abstreiten. Es sei auch eine Frage der Interpretation des Geschriebenen. Grundsätzlich weise Literatur, wie jede Kunst, über das rein Faktische des Textes hinaus. Biographische Bezüge gab Scheuer hingegen unumwunden zu: „Das ist in allen meinen Büchern so, zumindest am Rande. Mein Protagonist heißt Arimond. Und das ist auch der Geburtsname meiner Mutter.“

Mit „Die Sprache der Vögel“ gelangte Norbert Scheuer sofort auf die Shortlist für den Leipziger Buchpreis. Die Erzählung gilt damit als eine der wichtigsten Neuerscheinungen der ersten Jahreshälfte 2015.

Die Kombination aus vermeintlich leicht daherkommender Sprache, Tiefgang und Verrätselung kommt offenbar auch bei den Lesern in der Eifelheimat des Autors an: Im Anschluss an die Veranstaltung musste Norbert Scheuer zahlreiche seiner Werke signieren.

(pp)
Mehr von Aachener Zeitung