Nordeifel: Nicht nur niedlich: Waschbären erobern die Nordeifel

Nordeifel: Nicht nur niedlich: Waschbären erobern die Nordeifel

Mit ihren Zorro-Masken wirken sie äußerst niedlich. Deshalb sitzt ein Stoffexemplar auch bei Jean-Louis Glineur aus Dedenborn im Wohnzimmer auf der Couch. Da sein Nachbar weiß, dass er Tiere mag und gerne fotografiert, klingelte er vor Kurzem an seiner Tür und teilte ihm mit, dass draußen im Garten zwei waschechte Waschbären durch die Bäume turnen und Brombeeren naschen.

Also schnappte er sich seine Kamera und hielt die beiden Waschbären auf Fotos fest. Von seiner der Terrasse seiner Wohnung bietet sich ein fantastischer Ausblick auf das Rurtal. Hier hat Glineur schon viele Tiere beobachtet: Füchse, Rehe, Eichhörnchen und im Frühjahr auch zwei brummende Dachse.

... durch die Bäume und naschen Brombeeren. Foto: Jean-Louis Glineur

Wahrscheinlich handelt es sich bei den beiden Waschbären um die Eltern einer ganzen Familie. Glineurs Nachbarn haben nämlich mindestens fünf Exemplare in unmittelbarer Nähe beobachtet — zwei graue Erwachsene, einen braunen Waschbären und zwei kleine Bären.

Sie ist inzwischen auch oft am Rursee zu beobachten: die Nilgans. Foto: imago/ xblickwinkel/S.xZiesex

In Häuser eingedrungen

Es ist auch nicht das erste Mal, dass die Tiere in der Eifel beobachtet wurden. Im Bereich Hürtgen wurden sie zum Beispiel schon öfter gesehen. Im Jahr 2010 waren Waschbären in Vossenack in mindestens zwei Häuser eingedrungen. Die betroffenen Familien berichteten von aggressivem Verhalten der Tiere und von Schwierigkeiten, sie aus den Häusern zu verjagen.

„Junge Waschbären sind unternehmenslustig und nicht so scheu“, sagt Konrad Hecker, der Leiter des Regionalforstamtes Rureifel-Jülicher Börde. Die Allesfresser hätten keine Angst vor der Bebauung und würden dort viel zu fressen finden. Mit ihren Gebiss und ihren scharfen Krallen, wüssten sie sich auch zu wehren. „Sie können durchaus unangenehme Zeitgenossen sein, die man nicht mehr so schnell los wird“, sagt Hecker.

Ausbreitung wird bekämpft

Der Anblick dieser Tiere mag entzückend sein, doch in Europa sind sie nicht gerne gesehen. Im vergangenen Jahr hat die EU-Kommission diese Vierbeiner auf eine Liste unerwünschter Tier- und Pflanzenarten gesetzt. Insgesamt umfasst diese Liste sogenannter invasiver fremder Arten 37 verschiedene Pflanzen und Tiere, deren Ausbreitung in Europa bekämpft werden soll.

Für Menschen sind die Waschbären zwar nicht grundsätzlich gefährlich, aber sehr wohl für die heimischen Tier- und Pflanzenarten. Denn sie verwüsten nicht nur Wohnungen oder plündern Mülltonnen, sondern sie dezimieren auch die Bestände von seltenen heimischen Vogelarten und Reptilien. Die anspruchslosen Tiere werden zur Gefahr für die erheblich weniger flexiblen heimischen Tierarten wie die Wildkatze.

„Unsere Mülltonnen haben sie noch nicht entdeckt. Wahrscheinlich ist das aber nur eine Frage der Zeit“, sagt Glineur. Und eins ist für den Tierfreund auch klar: „Wir füttern die Tiere nicht, auch wenn es manchmal verlockend ist.“

Die deutschen Waschbären gehen zum Teil wohl auf ein Pärchen zurück, das 1934 am hessischen Edersee ausgesetzt wurde. Andere sollen die Nachkommen einiger Waschbären sein, die 1945 entwischten, als eine Pelztierfarm in der Nähe von Berlin von einer Fliegerbombe getroffen wurde. Inzwischen gibt es wohl Hunderttausende Exemplare in Deutschland.

Für die Nordeifel könnten keine seriösen Zahlen genannt werden, sagt Hecker. Es sei aber davon auszugehen, dass die Population auch hier wachse. Einen Hinweis darauf geben auch die Zahlen der Unteren Jagdbehörde der Städteregion. Während in der Jagdsaison 2011/2012 (1. April bis 31. März) drei Waschbären erlegt und drei weitere tot aufgefunden wurden, waren es in der Saison 2016/2017 schon 40 geschossene und sechs tot aufgefundene Waschbären.

Andere gebietsfremde Arten, die eingeschleppt oder ausgesetzt wurden und die mittlerweile auch in der Eifel zu finden sind, sind der Marderhund und die Nilgans, die am Rursee häufig anzutreffen ist. „Junge Marderhunde müssen weichen, wenn sie erwachsen werden, und wandern immer weiter“, sagt Hecker. Im Gegensatz zu den Waschbären würden sie aber eher versteckt im Wald leben. In der Statistik der Unteren Jagdbehörde wird aber im Jahr 2016/2017 nur ein erlegtes Exemplar aufgeführt.

Bei den Nilgänsen hingegen werden 86 Abschüsse gezählt, im Jahr 2011/2012 waren es noch 58. Die Vögel hätten zunächst nicht bejagt werden dürfen und hätten sich in den vergangenen 20 Jahren hier stark ausgebreitet. Mittlerweile sei die Population durch die Jagd nicht mehr in den Griff zu bekommen, sagt Hecker. Im Gegensatz zu anderen Wasservögeln würden sie die Nähe zu Menschen suchen und heimische Arten aggressiv verdängen. „Das sind kluge Vögel, die sich behaupten können“, sagt Hecker.

Neben den Tieren gibt es auch eine Reihe von Pflanzen, die den Weg in hiesige Gefilde gefunden. Dazu zählen zum Beispiel der Riesenbärenklau, das Indische Springkraut und der Sachalin-Knöterich. „Sie überwuchern heimische Pflanzen durch ihre Wuchskraft und ihre Größe“, erklärt Hecker.

Dass das Problem noch in den Griff zu bekommen ist, glaubt der Forstamtsleiter nicht. „Gegen all diese Tiere und Pflanzen haben wir keine Karte. Die Jagd kann das Ausmaß nur begrenzen. Im Endeffekt müssen wir damit leben“, sagt er.