Neues Buch: Zwangsarbeit im Kreis Monschau im Zweiten Weltkrieg

Monschau im Zweiten Weltkrieg : Beklemmendes Zeugnis der Zwangsarbeit

„Unser Pole, unsere Ukrainerin, hat es bei uns gut gehabt.“ Mit dieser unverbindlichen Floskel wird auch heute noch häufig eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema Zwangsarbeit umgangen. Zwangsarbeit in der Zeit des Dritten Reiches spielte eine große Rolle.

Die Geschichtsschreibung prägte für die Tatsache, dass Millionen von Zwangsarbeitern während des Zweiten Weltkrieges ins Deutsche Reich verschleppt und zur Sklavenarbeit gezwungen wurden, den Begriff „Arbeit als Beute“. Auch im Altkreis Monschau gehörte die Zwangsarbeit in den Kriegsjahren zum Alltag.

Von Einzelschicksalen und Arbeitslagern im Monschauer Land ist in verschiedenen Veröffentlichungen schon häufiger die Rede gewesen, nunmehr aber liegt erstmals eine umfassende und gründlich recherchierte Arbeit in Buchform zur Erfassung und Aufarbeitung der Zwangsarbeit in den Kriegsjahren 1939 bis 1945 vor. Verfasser des Buches ist Dr. Dieter Lenzen aus Kesternich, der sich innerhalb der Arbeitsgemeinschaft der Heimatvereine des Monschauer Landes seit dem Jahr 2014 intensiv mit der Thematik beschäftigt und dabei auf eine beachtliche Menge von bisher unveröffentlichtem Material stieß. Herausgegeben wurde das Buch vom Geschichtsverein des Monschauer Landes; der Öffentlichkeit präsentiert wird es am Sonntag, 27. Januar, in Monschau (s. Box).

In den zurückliegenden Jahren war Dieter Lenzen (69), der drei Jahrzehnte als Landarzt in Kesternich tätig war, in zahlreichen Archiven zwischen Monschau, Freiburg und Dresden unterwegs, um konkretes und belastbares Material über das oft verdrängte Thema Zwangsarbeit im Kreis Monschau zu sichten; Schilderungen von über 30 Zeitzeugen vervollständigten die Recherchen.

„Das Spannende an dieser Arbeit war für mich vor allem der Blick auf die Einzelschicksale“, sagt der Autor, dem es vorrangig auch darum geht, „den Zwangsarbeitern ein Gesicht zu geben“. Mit dem Blick auf die Opfer mahnt Lenzen aber auch das Verblassen und Verschwinden einer angemessenen Erinnerungskultur an das Verbrechen Zwangsarbeit an. Ein öffentlich sichtbares Gedenken an das Schicksal der Zwangsarbeiter in der Region sei bislang noch nicht in angemessener Weise erfolgt.

Die Recherchen des Autors belegen, dass während des Zweiten Weltkrieges etwa 2200 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in den Altkreis Monschau verschleppt wurden. Damals lebten im Kreisgebiet mit Zweifall, Vossenack und Schmidt rund 32.000 Einwohner. Es handelte sich überwiegend um zivile Zwangsarbeiter sowie sowjetische, polnische und französische Kriegsgefangene. Von der Gesamtzahl der Zwangsarbeiter sind namentlich 1155 im Kreis Monschau erfasst worden. Mindestens 800 Kriegsgefangene waren gleichzeitig in über einem Dutzend Arbeitslager untergebracht. Insgesamt verweist Lenzen auf mindestens 32 Lager und Massenunterkünfte.

Ein umfassendes Buch zum Thema „Zwangsarbeit im Kreis Monschau, 1939 – 1945“ hat Dr. Lenzen aus Kesternich verfasst. Darin geht es ihm auch um eine kritische Auseinandersetzung mit der Erinnerungskultur. Was das aktuelle Geschichtsverständnis betrifft, sieht er unter anderem auch auf dem „Russenfriedhof“ Rurberg (Foto) trotz kürzlich errichteter Steinstelen mit den Namen der Toten noch Ergänzungsbedarf. Foto: Peter Stollenwerk

Das größte Lager befand sich in Rurberg In den Brüchen, wo in fünf großen Holzbaracken bis zu 350 Zwangsarbeiter untergebracht waren. Trotz dieser Größe sucht man heute am ehemaligen Standort vergeblich nach Überresten oder Hinweisen. Gleiches gilt für das große Lager an der Gartenstraße in Strauch, wo in sechs Holzbaracken, mitten im Dorf gelegen und in direkter Nachbarschaft zum Kirchengebäude, bis zu 200 Zwangsarbeiter untergebracht waren. Im Lager an der Florabrücke Monschau ist von bis zu 210 Personen die Rede. Hunderte Männer und Frauen waren in wenigstens fünf Lagern auf oder nahe des Betriebsgeländes Junker in Lammersdorf bis hin zum heutigen Wohngebiet Kämpchen untergebracht. Fotos aus den Lagern sind nicht auffindbar; sie waren strengstens untersagt. Luftaufklärungsaufnahmen der Alliierten aber dokumentierten unzweifelhaft die Existenz der Lager.

Eingesetzt wurden die Zwangsarbeiter in landwirtschaftlichen und gewerblichen Betrieben, im Straßenbau, im Forst oder in Haushalten. Dokumentiert ist, dass in den Kriegsjahren im Kreis Monschau 214 verschleppte Zwangsarbeiter ums Leben kamen. Dieter Lenzen: „Sie starben durch Hunger, fehlende medizinische Versorgung oder wurden aktiv getötet.“ Die Dunkelziffer sei nicht seriös abzuschätzen. Zahlreiche Tabellen, Listen und behördliche Schreiben dokumentieren ein beklemmendes Zeugnis von der Ausbeutung und Demütigung der Zwangsarbeiter. Weitere Themen des Buches sind die sexuelle Ausbeutung der Zwangsarbeiter, die Rolle von Polizei und Justiz, aber auch Zeichen von Mitmenschlichkeit, wenn die Bevölkerung das „Umgangsverbot“ ignorierte, finden sich.

Dem Autor ist es wichtig, weder Schuldzuweisungen noch moralische Belehrungen vorzunehmen, stattdessen möchte er lieber Gewissensforschung betreiben, denn in der Rückbetrachtung stelle sich für jeden die schwierige Frage: „Wie hätte ich mich verhalten, und in welcher Familie meines Dorfes wäre ich als Zwangsarbeiter menschenwürdig behandelt worden?“

Aufmarsch mit Hakenkreuzflaggen in Rurberg. Der Zeitpunkt dieses überörtlichen Treffens ist nicht bekannt. Die NSDAP mit ihren Gliederungen war jedenfalls auch in der Eifel angekommen. Foto: Archiv/Georg Güttsches

Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges war das Thema Zwangsarbeit aber noch nicht aus der Welt. Dieter Lenzen berichtet auch über die besondere Tragik russischer Zwangsarbeiter, die nach ihrer Heimkehr der Kollaboration beschuldigt und nach Sibirien deportiert wurden, um dort fortan Zwangsarbeit zu leisten. Ein vergleichbares Schicksal erlebten auch belgische Staatsangehörige, die überprüft wurden, ob sie möglicherweise der deutschen Wehrmacht dienten, da Hitler zu Kriegsbeginn die deutschsprachigen Gebiet annektiert hatte.

8700 Belgier waren als „Volksdeutsche“ eingezogen worden, 3400 überlebten den Krieg nicht. Auch im Monschauer Grenzgebiet gab es Betroffene, die erhebliche Schwierigkeiten mit der Anerkennung von Kriegsrenten und Witwenversorgung hatten. Bis zum Jahr 1999 zogen sich die Auseinandersetzungen hin. Für die Betroffenen war also erst 54 Jahre nach Kriegsende der Krieg tatsächlich vorbei.

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