Nordeifel: Neue Epoche: Referenten in Vogelsang unterwegs

Nordeifel: Neue Epoche: Referenten in Vogelsang unterwegs

Schon die Anfahrt auf der schnurgeraden 1,5 Kilometer langen vierspurigen Zufahrtsstraße lässt erahnen, dass sich hier, mitten im Wald, bald etwas Großes auftun muss. Vogelsang hat sich gut versteckt. Das 100 Hektar große, vom Nationalpark Eifel umschlossene Areal hat schon immer eine besondere Faszination ausgeübt, auf das NS-Regime und später auf das Militär verschiedener europäischer Nationen.

Die Mischung aus Gigantismus, monumentaler Architektur und faszierender Landschaft ist seit 80 Jahren gleich geblieben, auch wenn Vogelsang seit zehn Jahren ein internationaler Platz ist und bis auf die Parkgebühren frei zugänglich ist.

Architektonische Details in Verbindung mit traditionellen Bruchsteinmauerwerk: Bei den Umbauarbeiten soll auch die Einbindung Vogelsangs in die Landschaft betont werden.

Menschen in Shorts und Sandalen durchstreifen das Gelände, und ab 10. September kann auch das Zentrum des Komplexes, der sogenannte Adlerhof, wieder betreten werden, denn an diesem Samstag öffnet das neue Forum Vogelsang als Ausstellungs- und Bildungszentrum mit einem neuen Besucherzentrum.

Vogelsang-Referenten mit Engagement und Hintergrundwissen: Peter Meffert (li.) und Jean-Marie Malaise.

Wenige Wochen vor der Eröffnung hatten jetzt die Leser der Lokalzeitung noch einmal exklusiv die Gelegenheit, im Rahmen einer Geländeführung einen Blick auf die eigentlich für Besucher schon nicht mehr zugängliche Baustelle zu werfen. Rund 45 Leser aus der Region nutzten die Chance, in zwei Gruppen Informationen aus erster Hand zu erhalten und Vogelsangs wechselvolle Geschichte zu erspüren.

Der Kontrast zwischen traditioneller Bruchsteinbauweise und punktuellen architektonischen Blickfängen am historischen Ort Vogelsang ist gewollt.

Bei zwei kompetenten Referenten waren die Teilnehmer in den besten Händen: Seit vier Jahren führt Jean-Marie Malaise Besuchergruppen durch das Gelände — und das in vier Sprachen. Malaise stammt aus Lüttich, lebt aber jetzt in Gemünd, weil ihm die Nordeifel so gut gefällt. 14 Jahre lang war er als Soldat des belgischen Militärs in Vogelsang tätig, ehe dann ab 2004 mit der Gründung des Nationalparks Eifel schrittweise der Rückzug des Militärs vom Truppenübungsplatz erfolgte.

In seiner Zeit als Offizier war Jean-Marie Malaise für Schießstände und die Geländebetreuung zuständig. Seit dem 1. Januar 2006 ist das Gelände für die Öffentlichkeit zugänglich. Seine Führungen lassen den Geist der belgischen Militärverwaltung noch einmal aufleben, er ist aber auch detailliert über jede Phase der Nutzung der ehemaligen Ordensburg im Bilde, und er weiß auch, dass die rund um den Truppenübungsplatz lebenden Menschen sich wohl nie richtig mit dem Gelände angefreundet haben: „Die Menschen kannten bis 2006 nur das Geräusch von Vogelsang.“

Ein Vogelsang-Referent der ersten Stunde ist Peter Meffert. Der evangelische Pfarrer i. R. aus Kall hat seit 2006 nahezu 1000 Gruppen durch das Gelände geführt. Der Rundgang mit unseren Lesern war für den 72-Jährigen übrigens seine vorletzte Besucher-Führung.

„Wie oft war Adolf Hitler hier?“ ist dabei die ihm mit Abstand am häufigsten gestellte Frage. Für Meffert ist diese Frage „historisch irrelevant“, aber beantworten kann er sie trotzdem. Zweimal war der Diktator in Vogelsang, aber übernachtet hat er dort nie. Hitler habe es aus Angst vor einem Attentat vorgezogen, in der Bahn zu nächtigen. Mit Sicherheit aber sei an den Tagen des Besuches die Bahnstrecke zwischen Gemünd und Kall der am besten überwachte Abschnitt in ganz Deutschland gewesen.

Wichtig war es dem Referenten bei seinen Führungen stets, die unterschiedlichen Nutzungsphasen Vogelsangs genau zu unterscheiden. „Da gibt es viele Verwechslungen.“ Wie die Nutzung der Anlage sich in den zurückliegenden 80 Jahren verändert hat, war dann auch ein Schwerpunkt beider Führungen.

Station gemacht wurde auch an der ehemaligen Kaserne van Dooren. Dieses riesige, funktionelle Gebäude wurde 1951 von den Belgiern errichtet. 1000 Soldaten fanden hier Unterkunft und mussten bei den Übungen in kalten Nächten nicht mehr in Zelten leben. Das langgezogene Eckhaus soll aber bald abgerissen werden, da die Bauschäden als Folge des Leerstandes immer deutlicher werden.

Errichtet wurde das Gebäude übrigens auf jenen Fundamenten, die NS-Architekt Clemens Klotz hier bereits 1941 bauen ließ. Entstehen sollte an dieser Stelle das „Haus des Wissens“, ein gigantisches Gebäude von 170 Metern Höhe und einer Grundfläche von 100 x 300 Metern.

Hoch über der Urfttalsperre wurde in den Jahren 1934 bis 1936 die erste Ausbaustufe der Ordensburg Vogelsang errichtet als Stätte der Heranbildung des Nachwuchses für junge Führungsanwärter der NSDAP. Ideologischer Bauherr war die Deutsche Arbeitsfront unter ihrem Leiter Robert Ley, der auch Reichsorganisationsleiter der NSDAP war und im Volksmund aufgrund seiner Alkoholprobleme „Reichstrunkenbold“ genannt wurde.

Spannende Einblicke bot dann der denkmalgeschützte Bereich Vogelsangs. Hier im Umfeld des früheren Adlerhofes entsteht das Forum Vogelsang mit der NS-Dokumentation unter dem Titel „Bestimmung: Herrenmensch — NS-Ordensburgen zwischen Faszination und Verbrechen“.

Auf 800 Quadratmetern und zusätzlich gut 1000 Quadratmetern in den drei Exponaträumen „Ehrenhalle“, „Burgschänke“ und „Kameradschaftshaus“ vermittelt sie aus verschiedenen Perspektiven den historischen Ort Vogelsang.

In sechs Wochen findet die offizielle Eröffnung des Forums nach viereinhalbjähriger Bauzeit statt. 45 Millionen Euro Baukosten schlugen zu Buche, die aus EU-, Bundes-, Landes- und Gesellschaftermitteln bestritten wurden. Vor allem der enorm hohe Sanierungsaufwand, erfuhren die Teilnehmer, hätte eine deutliche Kostensteigerung verursacht. „Die Nazis haben sehr schnell und häufig nachlässig gebaut“, erläutert Jean-Marie Malaise.

Zentraler Blickpunkt auf dem Adlerhof ist die futuristisch wirkende Ausstellungshalle mit ihrem hohem Glasanteil, die einen krassen Gegensatz zum umgebenden Bruchsteinmauerwerk bildet und geradezu zur Diskussion herausfordert.

Fast wie ein Fremdkörper wirkt das ultramoderne Gebäude, das an eine Art Weltraumbahnhof erinnert und inmitten der ideologisch geprägten Bauweise das neue Vogelsang darstellen soll. Die gesamte Burganlage in Vogelsang ist so geplant, dass der Blick der Herrschenden sich vom erhöhten Standpunkt aus auf die Welt herabsenkte. Auch diese Architektur hatte System.

Mit Erstaunen betrachteten die Teilnehmer auch den neugestalteten Gastronomiebereich, der sich in seiner Ausdehnung der Größe der historischen Gebäude angepasst hat. Ein Pächter aus Dreiborn wird diesen Bereich übernehmen.

Bei einem Abstecher zur tief gelegenen Sportanlage, wo die Ordensjunker vorrangig die Disziplinen Reiten, Fechten und Segelfliegen ausübten, wurde deutlich, dass gerade die Auswahl dieser Sportarten, die dem einfachen Volk fremd waren, auch dazu beitragen sollten, die Bestimmung als Herrenmensch zu vertiefen.

In monumentaler Ausprägung wird das Herrenmenschen-Gedankengut in der 6,50 Meter hohen Skulptur des „Fackelträgers“ sichtbar, die einst das Gelände überragte. Malaise: „Es herrschte ein System der Indoktrination und Gehirnwäsche.“

Die meisten Ordensjunker fanden im Krieg den Tod, aber einige hundert von ihnen trugen die Ideologie weiter in ihren Köpfen im so genannten Alteburger Kreis. Regelmäßige Treffen gab es bis zum Jahr 1996. Man habe versucht, berichtete der Referent, später mit zwei der ehemaligen Ordensjunker Kontakt aufzunehmen. Einer sei aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ansprechbar gewesen, der andere habe erklärt, er wolle nicht mehr mit seiner Vergangenheit konfrontiert werden.

Auch wenn fast alle Teilnehmer der Führung das Vogelsang-Areal aus der Anschauung heraus bereits gut kannten, brachte der gut 90-minütige Rundgang Einblicke und Erkenntnisse in die Geschichte der ehemaligen Ordensburg, die deutlich machten, dass es hier noch viele wenig bekannte Seiten zu entdecken gibt und dieser historische Ort eine Facette der Eifel ist, der eine ernsthafte Auseinandersetzung verdient.

(P. St.)
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