Monschauer Tafel: "Es gibt keinen Grund, sich zu genieren"

Monschauer Tafel : Scham überwinden, um Entlastung zu schaffen

„Es gibt keinen Grund sich zu genieren“, sagt Ariane Müller. Seit ein paar Jahren besucht sie die Monschauer Tafel. Anfangs viel ihr dieser Schritt schwer, mittlerweile geht sie offen damit um. Viele Menschen sind auf das Angebot der Tafel angewiesen: Rund 600 Personen aus Monschau, Roetgen und Simmerath werden von dem Verein unterstützt. Eine logistische Herausforderung.

Um 13.30 Uhr sind die Regale noch voll: Gemüse, Obst, Marmeladen und Kaffee stehen hier zum Verkauf. Daneben sind Kisten mit Mandarinen gestapelt, in den Kühlschränken lagern Milch, Joghurt und Wurst. Zwei Stunden später wird das kleine Geschäft im Handwerker-Innovationszentrum in Imgenbroich (Himo) deutlich leerer aussehen.

Die Monschauer Tafel ist aber kein Geschäft, wie es jeder kennt. Der Verein ermöglicht es Bürgern mit wenig Einkommen, für kleines Geld Lebensmittel des alltäglichen Bedarfs einzukaufen. Nicht jeder ist berechtigt, dieses Angebot in Anspruch zu nehmen. Um zur Tafel kommen zu dürfen, muss man entweder einen Sozialhilfebescheid, einen Nachweis der Arge, der Rente oder eine Lohnbescheinigung vorzeigen.

Die Kundschaft ist gemischt: Familien, alleinerziehende Mütter, Ausländer und Rentner kommen hierher – aber auch alleinstehende Personen. Eine von ihnen ist Ariane Müller. Vor ein paar Jahren hat sie ihr Restaurant schließen müssen und ist in die Arbeitslosigkeit gerutscht. „Ich bin wirklich froh, dass es die Tafel gibt“, sagt Müller. „Sie tun hier alles, was sie tun können. Und das ist nicht selbstverständlich.“

Das Angebot der Tafel sei eine echte Entlastung. Denn die Kosten für Miete, Strom und ihre Hunde könne sie ohne das Angebot nicht stemmen. „Dann müsste ich die Hunde abgeben“, erklärt Müller, als ihr eine Mitarbeiterin einen Beutel mit Hundefutter in die Hand gibt – eine Spende von Privatleuten.

Das meiste hier stammt aber aus Supermärkten. Etwa wenn etwas kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums steht, landet es bei der Tafel. Denn der ursprüngliche Sinn der gemeinnützigen Einrichtung ist es, Lebensmittel vor dem Müll zu bewahren. Mittlerweile ist die Tafel aber für viele Menschen zum Grundversorger geworden. In ganz Deutschland unterstützen die Tafeln rund 1,5 Millionen Personen.

Dass Armut in der Bundesrepublik keine Seltenheit ist, zeigen Zahlen, die der Paritätische Wohlfahrtsverband am Donnerstag veröffentlichte. Demnach leben rund 13,7 Millionen Menschen in relativer Armut. Ein Drittel davon sind Erwerbstätige und knapp 25 Prozent Rentner. Auch bei der Tafel ist das Thema Altersarmut kein unbekanntes. Viele Rentner trauen sich allerdings nicht, das Angebot wahrzunehmen, weiß Georg Kaulen: „Die Schwelle ist für sie sehr hoch. Aus Scham versuchen sie, den Weg zur Tafel zu umgehen“, so der Vorsitzende der Monschauer Tafel. Schon oft habe er versucht, Rentner von dem Angebot für ein Stück mehr Lebensqualität zu überzeugen.

Auch Ariane Müller ist der Weg zur Tafel zunächst sehr schwer gefallen. „Es brauchte sehr viel Überwindung. Ich wollte es nicht zugeben“, sagt sie heute. Mittlerweile spricht sie offen darüber und will andere ermutigen: „Es gibt keinen Grund, sich zu genieren.“ Am liebsten würde sie selbst gerne bei der Tafel mithelfen, aber das sei als Kundin nicht möglich.

Rund 70 ehrenamtliche Mitarbeiter bei der Monschauer Tafel

Momentan ist das Team der Monschauer Tafel mit 71 ehrenamtlichen Mitarbeitern gut aufgestellt. Doch ihre Arbeitskraft wird auch benötigt, um insgesamt 600 Kunden aus Monschau, Simmerath und Roetgen unterstützen zu können. Schließlich stecken ein hoher logistischer Aufwand und viel Organisation im Betrieb der Tafel.

Alles ist durchgeplant und wohl überlegt: Ein Fahrdienst steuert jeden Morgen die Geschäfte in der Umgebung an, um Lebensmittel, die nicht mehr verkauft werden, abzuholen. Sind die Waren einmal bei der Tafel, werden sie sortiert, zum Teil gewaschen und eingeräumt. Haltbare Lebensmittel wie Konserven, Nudeln und Putzmittel landen im Lager direkt neben dem Verkaufsraum. Eine Kühl- und eine Gefrierzelle ermöglichen es, zum Beispiel auch mal Tiefkühlpizzen aufzubewahren.

Hin und wieder erreichen die Monschauer Tafel besondere Spenden. So befinden sich momentan etwa jede Menge Schokoladen-Adventskalender und palettenweise Marzipan aus Aachen in den Räumen des Vereins. „Wir tauschen uns auch schon mal mit anderen Tafeln aus“, erklärt Doris Helzle, die Koordinatorin des Fahrdienstes. Auch mit jeder Menge Mandarinen und Orangen kann die Tafel momentan dienen. Das bedeutet für die Mitarbeiter aber auch viel Schlepperei, erklärt Georg Kaulen: „So eine große Kiste wiegt schon etwas. Pro Tour kommen gut 1,5 Tonnen Lebensmittel zusammen, die man einsammelt.“ Da ein Großteil der Mitarbeiter sich im Pensionsalter befindet, sei die Freude über junge Helfer, die noch „etwas rüstiger“ sind, besonders groß, sagt Kaulen.

„Unsere Kunden wissen unsere Arbeit sehr zu schätzen. Wir bekommen viel zurück“, wirbt Ladenleiterin Brigitte Flesch. Auch untereinander sei der Zusammenhalt im Team groß. Die Tafel sei Treffpunkt für die Mitarbeiter und Kunden. „Viele bleiben die ganzen zwei Stunden über hier und unterhalten sich im Warteraum. Im Sommer setzen sie sich auch mal draußen zusammen hin“, erzählt Flesch.

Der Großteil der Kunden, etwa 70 Prozent, seien Ausländer, erläutert Kaulen. „Zu Beginn der Flüchtlingskrise sind viele der damaligen Stammkunden weggeblieben. Es war ihnen einfach zu voll“, sagt der Vorsitzende. Rund 80 Menschen kamen jedes Mal zur Ausgabe, erinnert er sich. Richtige Probleme habe es aber nie gegeben.

Mittlerweile habe sich alles eingependelt. Die Ausgabe ist klar geregelt. Pro Familie sollte nur eine Person kommen, jeder bekommt einen festen Tag. Dienstag, Donnerstag und Samstag findet der Verkauf statt. Damit nicht alle gleichzeitig hereinströmen, wird zudem die Reihenfolge zu Beginn per Los festgelegt. Bei der Ausgabe müssen die Verkäufer dann gut kalkulieren, damit auch jeder das Gleiche bekommt. „Bisher mussten wir noch niemanden mit leeren Händen nach Hause schicken“, sagt Flesch. „Darauf sind wir stolz.“