Flucht aus der DDR nach Monschau: Mit etwas Wehmut, aber ohne „Ostalgie“

Flucht aus der DDR nach Monschau : Mit etwas Wehmut, aber ohne „Ostalgie“

Andreas Wenzel floh 1989 aus der DDR in der Eifel. An zwei Liederabenden im Pfarrheim Imgenbroich will er von der Wendezeit, sein Leben in der DDR und der Fluchtgeschichte der Familie berichten.

Über das Schicksal hat Andreas Wenzel in den vergangenen 30 Jahren oft nachgedacht. Wohin hätte es ihn geführt, wäre er mit seiner jungen Familie am 3. November 1989 am Prager Hauptbahnhof nicht in den Sonderzug mit der Nummer 4 gestiegen? Lebte er jetzt hier in Monschau, hätte er nicht in Remagen jenen Autofahrer getroffen, der ihm spontan eine Wohnung in Rohren anbot? Wohl kaum.

Sein Lebensweg schien im Jahr 1989 bereits vorgezeichnet: Andreas Wenzel war 26 Jahre alt, lebte mit seiner Frau Andrea  und seinem Sohn Marcus in Leipzig und arbeitete nach der Ausbildung zum Elektriker in einem Chemieanlagenbau in Leipzig. Nebenher absolvierte er ein Fernstudium und hatte nach dem Abschluss im Simmer 1989 beste Chancen, später Chef der Elektro-Sparte des Betriebs zu werden, in dem sein Vater als technischer Direktor einen hohen Posten bekleidete. „Obwohl es nichts gab, hatten wir alles“, sagt Wenzel heute. Die Unzufriedenheit wuchs dennoch. Und gipfelte in dem Entschluss, die DDR zu verlassen und das alte Leben hinter sich zu lassen.

Die treibende Kraft

Schon als Kind wurde der Nährboden für die Entscheidung, am 2. Juni 1989 einen Ausreiseantrag zu stellen, gelegt. Der junge Andreas musste miterleben, wie seine Mutter nicht einmal zur Beerdigung ihres Vaters nach Niederbayern reisen durfte. Er hörte später jeden Abend „Pop nach acht“ mit Thomas Gottschalk auf Bayern 3. „Wir hatten in Leipzig das große Glück, dass wir noch Radio und Fernsehen aus dem Westen empfangen konnten“, erinnert er sich heute.

Seine Jugendzeit in der DDR war trotz mancher Entbehrung keinesfalls unglücklich. „Zu meinem 15. Geburtstag schenkte mir mein Vater einen Haufen Schrott, aus dem ich mir mein erstes Moped zusammengeschraubt habe.“ Und mit 18 war Wenzel stolzer Besitzer eines alten Wartburgs mit Hardtop, den er im Sommer zum Cabrio umbauen konnte. „Ich war ebenso wie mein Vater immer ein ‚Tu-Mensch’. Wir haben stets etwas gemacht und organisiert.“ Auch Andrea Wenzel bekräftigt, es sei mitnichten alles schlecht gewesen in der DDR. Ohne ihren Mann als treibende Kraft hätte sie den Osten nicht verlassen.

Der entwickelt sich in der zweiten Hälfte des Jahres 1989 tatsächlich zum Revoluzzer. Es reichte schon, einen Ausreiseantrag zu stellen – damit war man als Systemgegner gebrandmarkt. Wenzel begann, Fragen zu stellen: Warum stank es in Leipzig immer, „egal, woher der Wind kam?“ Wie sollte sein Sohn in dieser von Umweltverschmutzung heimgesuchten Stadt großwerden?  Warum brachten die Verwandten aus dem Westen all die schönen Sachen mit – „und nicht wir ihnen?“ Warum musste seine Oma in Bayern eine Gitarre aus ostdeutscher Manufaktur mit Westmark bezahlen, um sie ihm zu schenken? Warum konnte man solche Produkte nicht direkt in der DDR kaufen? Warum durfte er seine eigene Zukunft nicht aktiv gestalten, sondern wurde vom System immer wieder „an die Hand genommen“?

Wenzel begann, Montagsgebete in der Leipziger Nicolaikirche zu besuchen, um Gleichgesinnte zu treffen. „Ich ging schon in die Nicolaikirche, als man dort noch einen Sitzplatz bekommen hat“, sagt er. Woche für Woche wuchs der stille Protest binnen kürzester Zeit zu einer nicht mehr zu übersehenden Bewegung an. Der 2. und 9. Oktober waren dann für Wenzel „die entscheidenden Tage der Revolution“. Am 2. Oktober versuchte die Stasi gewaltsam die Demonstranten einzuschüchtern – weitgehend erfolgreich. Bereits eine Woche später wuchs der Widerstand jedoch noch einmal um ein Vielfaches an. Und völlig überraschend ließ die Staatsmacht die Demonstranten gewähren.

Vor ziemlich genau 30 Jahren packten die Wenzels dann am 3. November die Koffer. Die „Tagesthemen“ hatten am Abend berichtet, die Tschechoslowakei habe ihre Grenze nach Deutschland geöffnet. Frühmorgens reiste die junge Familie vom Leipziger Hauptbahnhof über Dresden Richtung Prag. „Es war mucksmäuschenstill im Abteil. Jeder ahnte vom anderen, dass er nicht wirklich Urlaub machen wollte.“

Es folgten jene schicksalhaften Episoden, über die Andreas Wenzel in den vergangenen Jahrzehnten schon so oft erzählt hat: das Chaos in Prag, die Fahrt mit dem Zug nach Remagen und schließlich die rein zufällige Begegnung mit einem Monschauer, der ihnen spontan eine Wohnung anbot.

Heute blickt das Paar mit gemischten Gefühlen auf die Jahre in der DDR. Sie haben ihr Glück in der Eifel gemacht, haben ein Zuhause und viele Freunde gefunden. Dennoch verbinden die Wenzels auch viele schöne Erinnerungen mit ihrem „ersten Leben im Osten“.

Anmelden zum Konzert am Freitag

Relativ spontan hat sich Andreas Wenzel deshalb dazu entschlossen, seine schönsten DDR-Lieder zum Wende-Jahrestag einem größeren Kreis von Zuhörern nahezubringen. „Musik war immer schon eine große Leidenschaft und meine Teilnahme am jüngsten Vielklang-Festival hat mich nun ermutigt, noch einmal aufzutreten.“ Es gibt unvergessene Songs von Bettina Wegner, Karat oder den Puhdys zu hören. Gleichzeitig will Wenzel noch einmal über das Leben in der DDR und die Fluchtgeschichte der Familie erzählen. Mit etwas Wehmut, aber ohne „Ostalgie“.

Die Veranstaltung findet am Freitag, 8. November, und am Samstag, 9. November, jeweils um 19 Uhr im Pfarrheim Imgenbroich (Schulstr. 6) statt. Dauer etwa zwei bis drei Stunden. Der Eintritt ist frei, eine „Hutspende“ willkommen. Voranmeldung wird erbeten unter Rufnummer 0163/8042557 oder per mail: clw@lichtgestalter.de