„Die Kamera hat mir Manieren beigebracht“: Legendäre Aufnahmen des amerikanischen Fotografen Bruce Davidson im KuK

„Die Kamera hat mir Manieren beigebracht“ : Legendäre Aufnahmen des amerikanischen Fotografen Bruce Davidson im KuK

New York, 1962: Eine weiße und eine schwarze Frau sitzen in einem Diner am Tresen, beide haben das gleiche Gefäß – vermutlich mit einem Milchshake – vor sich. Die schwarze Frau blickt etwas angespannt in die Kamera, die weiße mürrisch in ihren Becher.

Es könnte sein, dass ihr das Getränk nicht schmeckt oder dass sie einfach schlechte Laune hat, wahrscheinlicher aber ist, – zumindest interpretiert der Betrachter es automatisch so, dass der weißen Frau die schwarze Gesellschaft, in der sie sich befindet, nicht schmeckt. Auch wenn sie beiden Frauen an einem Tisch sitzen, scheint es doch eine imaginäre Wand zwischen ihnen zu geben.

Zu der Zeit der Aufnahme war die amerikanische Bürgerrechtsbewegung in vollem Gang, 1962 wurde das bestehende Gerichtsurteil, das die Rassentrennung auf zwischenstaatlichen Busfahrten verbot, durchgesetzt. Obwohl es eine völlig alltägliche Szene ist, die der amerikanische Fotograf Bruce Davidson aufgenommen hat, ist es ein Bild, das viel erzählt, über die amerikanische Geschichte und über das individuelle Gefühl, schwarz oder weiß zu sein.

Darüber hinaus erzählt es auch schon viel über die Arbeitsweise von Bruce Davidson, jenem heute 85-Jährigen, der die Dokumentarfotografie in den 50er Jahren revolutionierte und bis heute zu den Stars zählt. 200 seiner Arbeiten sind in einer Retrospektive ab morgen im Kunst- und Kulturzentrum (KuK) der Städteregion Aachen in Monschau zu sehen; nach Wien, Bilbao und Rotterdam ist es die vierte Station in Europa und die einzige in Deutschland. Danach geht die Ausstellung zurück in die USA.

USA. Alabama. 1965.Eine Gruppe von Demonstranten bei ihrem Marsch für Bürgerrechte von Selma nach Montgomery. Ein junger Afroamerikaner hat das Wort „Wählt“ auf der Stirn stehen. Foto: ©Bruce Davidson / Magnum Photos/Bruce Davidson

Bruce Davidson hat mit zehn Jahren angefangen zu fotografieren, er machte Bilder von seiner Heimatstadt in der Nähe von Chicago. Intuitiv hat er als Kind nach dem Medium gegriffen, mit dem er sich und anderen die Welt erschloss, durch das er aber auch in Kontakt mit seiner Umgebung trat. Denn Bruce Davidson ist bekennender Einzelgänger – erst heute im hohen Alter hat er ein Team dabei, wenn er auf seine Streifzüge geht, es passt auf, dass er nicht hinfällt.

Auch wenn Bruce Davidson gern allein unterwegs ist, ist es vor allem sein Interesse an anderen Menschen, das ihn antreibt. Es ist seine Motivation für Fotografie, Menschen, Geschichten, Lebensumstände zu entdecken, auf den richtigen Moment zu warten und festzuhalten.

Das erste Bild, auf das er bewusst stolz war, war das einer Frau mit Turban. Er schoss es als Teenie in seiner Heimatstadt. Und auch heute noch, rund 70 Jahre später, sagt er in einem Interview, dass man der Aufnahme ansieht, was ihn gereizt hat. Davidsons Bilder sind von Beginn an von einer eindrücklichen Intensität. Das ist schon so, als er Ende der 50er Jahre eine Serie über rebellische Jugendliche macht.

USA. New York City. 1959. „Coney Island Beach“: Ein Bild aus der Serie „Brooklyn Gang“, in der Davidson rebellische Jugendliche ablichtete. Foto: ©Bruce Davidson / Magnum Photos/Bruce Davidson

In „Brooklyn Gang“ aus dem Jahr 1959 wird das ebenso deutlich wie in der Serie über kleinwüchsige Zirkusleute („The Dwarf“ – Der Zwerg), später in den Aufnahmen zur Bürgerrechtsbewegung („Freedom Rides“ – Freiheitsfahrten) oder in dem Projekt „East 100th Street“ aus den 60er Jahren, als er sozial benachteiligte Menschen in Harlem porträtiert. Zwei Jahre hat er für diese Serie selbst in dem Block in East Harlem gelebt. Die Bewohner dort vertrauten ihrem „Picture Man“, wie sie ihn nannten. Diese Arbeiten wurden 1970 im Museum of Modern Art in New York gezeigt. Es war bereits seine zweite Einzelausstellung dort, 1963 waren seine Bilder zur Bürgerrechtsbewegung dort gezeigt worden.

Was genau die Eindrücklichkeit seiner Aufnahmen ausmacht, ist sichtbar: „Viele seiner Bilder sind inzwischen ikonografisch und üben einen Sog aus, weil er, der Einzelgänger, die besondere Gabe hatte und hat, sich Menschen zu nähern, sie für sich einzunehmen, zu öffnen, und diesen Moment der Offenheit festzuhalten“, erklärt Nina Mika-Helfmeier, Kuratorin der Ausstellung und KuK-Leiterin.

USA. California. Los Angeles. 1964. „Woman with Toulouse-Lautrec painting in her shopping cart“. Eine Frau mit einem Toulouse-Lautrec-Bild in ihrem Einkaufswagen. Foto: ©Bruce Davidson / Magnum Photos/Bruce Davidson

In den Augen der rebellischen, harten Jungs sieht man Weichheit, in den Bildern der Zirkusleute, Kraft, aber auch Melancholie, Entschlossenheit in den Gesichtern der Bürgerrechtsbewegung. Als Bruce Davidson 2017 in einem Interview mit dem Fotomagazin gefragt wird, was er beim Umgang mit der Kamera gelernt hat, antwortete er: „Ich lernte mit ihr, wie man sich jemandem nähert, wie man sich respektvoll benimmt. Die Kamera hat mir Manieren beigebracht.“

Respekt ist in seinem Werk ein großes Wort, keine Floskel. Respekt bedeutet für ihn auch, niemals auf den Auslöser zu drücken, bevor er nicht die zu porträtierende Person um Erlaubnis gebeten hat. So kommt der intensive, offene Blick zustande, der den Fotografen miteinschließt. Er ist anwesend und abwesend zugleich, der Betrachter sieht Bruce Davidson zwar nicht, aber etwas von ihm spiegelt sich im Porträtierten wider.

Seine Bilder sind deshalb Ausdruck einer Beziehung, einer Beziehung auf Zeit und auf Distanz. Voyeuristisch sind sie nie. Zu Davidsons Arbeitsethik gehört auch, dass er sich Zeit nimmt, um in eine Situation einzutauchen. Er wartet, bis sich jener magische Moment einstellt, der auch Jahrzehnte später noch sichtbar ist: „Ich bin einfach immer länger geblieben als die anderen. Die meisten machten einen schnellen Schnappschuss und gingen weiter – insbesondere die jungen Fotografen. Ich blieb solange, bis ich das Gefühl hatte, dort etwas gelernt zu haben. Ich versuchte den wahren Grund meiner Anwesenheit zu finden“, sagt Davidson ebenfalls in dem Interview 2017

In den 90er machte Davidson Bilder aus dem Central Park: USA. New York City. 1992. „Lola in Central Park with birds and snow“ (Lola im Central Park mit Vögeln und Schnee). Foto: ©Bruce Davidson / Magnum Photos/Bruce Davidson

Auf die Art hat er viele Auszeichnungen erhalten, es wurden Monografien über ihn verfasst, seine Bilder hängen in der ganzen Welt,  Tausende Fotos sind entstanden, erst in Schwarz-Weiß, später in Farbe. Er hat Menschen in der Metro (Subway, 1986) abgelichtet, Familien, Geschäftsleute, Obdachlose, Touristen, in den Straßen der Stadt Taxi-Fahrer, alleinerziehende Mütter, Junkies, Studenten. In den 90ern hat er Landschaften und Besucher des Central Parks aufgenommen.

Jetzt, im hohen Alter, hat sich Bruce Davidson ein neues Thema gesucht. Mit über 80 Jahren beschäftigt er sich mit dem Tod und dem Sterben – vielleicht, damit es dem menschlichen Verfall nicht zu nahe geht, indem er Bilder von ausgestopften Tieren macht. Obwohl er eigentlich nicht mit Stativ und Blitz fotografieren durfte, hat er sich im Naturhistorischen Museum in New York he­rumgeschlichen und tote Tiere aufgenommen. Das Ziel dieser Arbeit: „Ich möchte diese Ausstellungsstücke zum Leben erwecken. Sie hatten ihren Leben und ihren Tod. Und ich will sie reanimieren.“

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