Fotografen erinnern sich an den Fall der Mauer

Fotoausstellung im KuK Monschau : „Mir war klar, dass etwas Großes passiert“

9. November 1989 die Mauer fiel, war Städteregionsrat Tim Grüttemeier erst neun Jahre alt. Nun hat er im Kunst- und Kulturzentrum die Ausstellung „Bilder aus einem vergangenen Land. Der Fall der Berliner Mauer“ eröffnet.

Der 9. November 1989: ein Schicksalstag der Deutschen. Städteregionsrat Tim Grüttemeier ist zu diesem Zeitpunkt erst neun Jahre alt und darf mit seinen Eltern bis in die Nacht vor dem Fernseher sitzen. Die Mauer fällt, und die ganze Welt hält den Atem an. Wird das gut gehen? „Bilder aus einem vergangenen Land. Der Fall der Berliner Mauer“, heißt die Ausstellung im Kunst- und Kulturzentrum der Städteregion, die der junge Städteregionsrat am vergangenen Sonntag eröffnet hat.

Harald Hauswald, Mitbegründer der Berliner Fotoagentur Ostkreuz, dessen Bilder aus der DDR die Ausstellung maßgeblich prägen, ist an jenem 9. November 35 Jahre alt, wie er im Gespräch mit unserem Redakteur Christian Rein erzählt. Er hat bis dahin den Rändern der Gesellschaft dieser sozialistischen Republik ein Gesicht gegeben, seine Stasi-Akte füllt mehr als 1500 Seiten. Die Kamera aber lässt er an diesem denkwürdigen Abend zuhause, als er nach längerem Warten die Grenze passieren kann und dabei sofort einem alten Freund in die Arme läuft, der 13 Jahre zuvor nach West-Berlin ausgereist war.

„Mir ging das alles einfach zu nahe. Ich habe die erste Zeit nach dem Mauer­fall nichts fotografiert. Ich wusste: Da sind tausende Fotografen aus aller Welt unterwegs auf der Suche nach spektakulären Motiven.“ Er habe einfach die Stille mit Freunden genossen, sagt Hauswald in Monschau. „Für mich war das ein ganz intimer Moment. Ich konnte einfach nicht fotografieren.“

Fotograf Andreas Magdanz im KuK. Foto: Marco Rose

Das Erfolgsgeheimnis

Für Barbara Klemm (79), langjährige Fotografin der FAZ, unvorstellbar: „Dass du keine Kamera dabei hattest, wäre für mich unmöglich gewesen. Ich habe sie immer dabei gehabt. Das Gefühl, etwas zu sehen und nicht festhalten zu können, wäre für mich unerträglich gewesen“, sagt Klemm, die ebenfalls am 9. November in Berlin unterwegs war. Ihren Namen verbindet man mit vielen, heute schon ikonischen Fotografien, wichtigen Dokumenten der Zeitgeschichte wie das des Bruderkusses von Erich Honecker und Leonid Breschnew. Klemm war schon zur Großkundgebung am 4. November nach Berlin gereist, „weil mir klar war, dass da etwas Großes passieren würde“. Was ist ihr Erfolgsgeheimnis? „Glück. Alle Fotografen sind vom Glück abhängig“, sagt Klemm in Monschau bescheiden. Und ergänzt dann doch: „Dem Glück kann man auch etwas nachhelfen. Man muss dort stehen, wo das Entscheidende passiert. Man muss in Bewegung bleiben, offen und neugierig sein – und Ruhe bewahren.“ In ihren langen Jahren als Pressefotografin habe sie gelernt, sich zurückzuhalten und genau zu beobachten. „Ich bin nicht in der Euphorie mitgeschwommen, sondern habe Distanz gewahrt.“

Den Besuchern der Vernissage erzählt sie die Entstehungsgeschichte eines berühmten Fotos, das Willy Brandt gemeinsam mit dem damaligen Regierenden Bürgermeister von Berlin, Walter Momper, beim Besuch der Mauer am 10. November zeigt. Wie sie das gemacht hat? „Nun, das kann ich ihnen sagen! Ich bin einfach auf die Mauer ge­klettert“, sagt Klemm. „Ich wollte eigentlich sehen, was im Osten passiert und habe mich daher in die Schlange derer gereiht, die über eine Leiter auf die Mauer klettern wollten. Das hatte ich gerade geschafft, als Brandt und Momper auf die Mauer zusteuerten. Ich konnte nicht herunterspringen, also habe ich aus der Not eine Tugend gemacht.“

Es sind die spektakulären, ebenso wie die auf den ersten Blick unscheinbaren Fotos, die diese Ausstellung im KuK auszeichnen. So verraten vor allem die vor 1989 aufgenommen Werke viel über den Alltag im real existierenden Sozialismus. Eine Tristesse, in der sich immer wieder ein Funken Hoffnung einnistet. So wie auf den Fotos von Hauswald, der unter anderem mit seinen Porträts aus der Ostberliner Punkszene bekannt wurde. In Monschau gibt er einen kurzen Einblick in seine Arbeit und erzählt, wie er das Vertrauen der Szene gewann. „Die Gefahr bestand immer, dass man als jemand von Horch und Guck verdächtigt wurde. Die Punks haben mir aber hinterher erzählt, dass sie intern die Devise herausgegeben hatten: Wer mit langen Haaren kommt, der darf fotografieren.“

Andere Fotografen seien bisweilen übel verdroschen worden. So konnte der Fotograf dokumentieren, was es offiziell in der DDR nicht gab und geben durfte: eine dem Westen zugewandte Subkultur. Warum ist Hauswald das Risiko eingegangen, mit solchen Fotos ins Visier der Staatsmacht zu geraten? „Für mich war es eine innere Befreiung, diese Fotos zu machen.“

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