Rätseln, staunen und verweilen: Faszinierende Fotoarbeiten des New Yorker Howard Greenberg im KuK

Rätseln, staunen und verweilen : Faszinierende Fotoarbeiten des New Yorker Howard Greenberg im KuK

Was Fotografie alles kann, zeigt das Kunst- und Kulturzentrum der Städteregion Aachen in Monschau: Die neue Schau schöpft aus dem riesigen Archiv des New Yorker Sammlers Howard Greenberg. Faszinierend vielfältig und vielleicht auch ein wenig verwirrend.

Kennen Sie dieses Spiel? Vielleicht vom Kindergeburtstag? Einer beginnt auf einem weißen Blatt Papier einen Satz oder eine Zeichnung, verdeckt das Geschriebene oder Skizzierte durch Umfalten, und ein anderer führt den Satz oder das Bild fort, ohne den Ursprung zu kennen – woraus sich lustvolle, geistreiche, quersinnige oder absurde Verknüpfungen ergeben. Die Surrealisten kultivierten diese Schreib- und Zeichentechnik unter dem etwas morbiden Namen „Cadavre exquis“ (oder auf Englisch „Exquisite Corpse“) zur kollektiven Collage-Kunstform mit Zufallsfaktor. Eine „vorzügliche Leiche“, die keineswegs tot ist, sondern höchst lebendig.

Das offenbart sich jetzt im Kunst- und Kulturzentrum (KuK) der Städteregion Aachen in Monschau. Dort wird die neue Ausstellung nach dem Vorbild des surrealistischen Spiels arrangiert. Daher sitzt die Kuratorin Nina Mika-Helfmeier, Kulturbeauftragte der Städteregion und künstlerische Leiterin des KuK, seit April vor einem Blatt hellbraunem Recyclingpapier und entwirft ein Raumkonzept. Eher gesagt: ein Raumkonzept nach dem anderen.

Also zieht die 55-Jährige immer wieder ein neues Blatt Papier hervor, streicht mit schwarzem Kugelschreiber Inventarnummern der 125 Bilder, die sie aufhängen darf, durch, verschiebt sie und verteilt sie neu auf die zehn Räume, die sich über drei Etagen des weißen Kunsthauses an der Rur erstrecken. „Es ist wie ein Blick in meinen Kopf“, sagt die Kulturmanagerin und schaut auf das Blatt mit der vielleicht achten Version. Eine Art Mind-Map, eine Gedankenlandkarte für einen Spaziergang durch den Bilderstrom.

Wie scharf kann Unschärfe sein? Porträts und Landschaften, Dokumentar-, Mode- und Streetfotografie von rund 60 Künstlern präsentiert die Schau in Monschau. Hier zu sehen „Jean Pearson“ (1948) von Saul Leiter. . Foto: ©Saul Leiter Foundation

Dabei ist die Flut an Fotos, die in Monschau präsentiert wird, nur ein ganz kleiner Tropfen aus einem riesigen Fundus mit mannigfachem Material: Gezeigt wird internationale „Sternstunden-Fotografie“ des 20. Jahrhunderts von rund 60 Künstlern. Für die Deutschland-Premiere hat der New Yorker Sammler und Kunsthändler Howard Greenberg sein Schatzkästchen geöffnet: Sein renommiertes Archiv enthält rund 30.000 Aufnahmen der bedeutendsten Fotokünstler, ob Helen Levitt, Man Ray oder Horst P. Horst.

Angefangen hat Greenberg in den 1970er Jahren als Foto-Journalist für die Zeitung „Woodstock Times“, mittlerweile kann der 71-Jährige auf rund vier Jahrzehnte Erfahrung als Galerist und Sammler zurückblicken. „Es gibt keine größere Foto-Retrospektive weltweit, die nicht auf die Bestände von Howard Greenberg zurückgreift“, erklärt Mika-Helfmeier den Einfluss des Foto-Experten, den sie in Berlin und Paris zum Gespräch treffen konnte. Ein besonderer seiner Schätze wurde bereits in Monschau gezeigt, denn Greenberg ist „der Entdecker von Vivian Maier“ – des Kindermädchens, das insgeheim eine geniale Streetfotografin war und deren Oeuvre 2015 sagenhafte 12.000 Besucher ins KuK lockte.

Perfekt schön in Licht gemeißelt wie eine klassische Statue? „The Mainbocher Corset“ (1939), wohl das bekannteste Bild von Horst P. Horst. Foto: Horst P. Horst_Mainbocher Corset, Paris, 1939_©Horst EstateConde Nast

Nun hat der Sammler aus Manhattan 125 Fotografien ausgewählt, die einen Streifzug durch die Geschichte der Fotografie ermöglichen. Und die Kuratorin muss oder darf sie anordnen. Irgendwie. Dabei kann sich Mika-Helfmeier nicht chronologisch an der Biografie eines Künstlers orientieren wie zuletzt bei der Retrospektive des US-Amerikaners Bruce Davidson, die mehr als 8000 Menschen gesehen haben. Es gibt keinen roten Faden durch eine Epoche, ein Thema oder eine Technik. Nein, diese Ausstellung strotzt vor Vielfalt! „Das kann für manch einen vielleicht zunächst etwas verwirrend sein“, gibt sie zu.

Daher sei es ihre Aufgabe, „Zugänge zu schaffen“. Was auf ihrer Liste mit etwa daumengroßen Abbildungen der Werke von A wie (Berenice) Abbott, bis W wie (Bill) Witt alphabetisch geordnet ist, wird an die Monschauer Wände in naturfarbenen und schwarzen Holzrahmen meist im Format von rund 50 mal 60 Zentimetern gehängt – fokussiert auf fünf verschiedene Genres: Porträts und Landschaften, Dokumentar-, Mode- und Streetfotografie. Das ist eine gewisse Ordnung, eine Dramaturgie. Aber die Kuratorin betont: „Assoziationen sind erwünscht!“ Jeder kann beim Flanieren und Verweilen auf dem Rundgang ohne Anfang und Ende selbst rätseln, puzzeln, kombinieren, Fragen stellen.

Mögen Gorillas Schnee? EIn Selbstporträit (1975) des Japaners Shoji Ueda - mit Schirm und Maske. Foto: zva/Shoji Ueda_Self-portrait with Gorilla mask, 1975_©Shoji Ueda Office

Worin beispielsweise unterscheidet sich die älteste Arbeit aus dem Jahr 1900, eine Pariser Straßenszene von Eugène Atget, von der jüngsten aus dem Jahr 2010, Stühle im Nebel, die Mark Citret abgelichtet hat? Wie werden Prominente inszeniert, etwa der Komponist Igor Strawinsky am Flügel (aufgenommen von Arnold Newman) oder die Schauspielerin Ingrid Bergman am Stromboli (Gordon Parks)?

Man kann Wolkenformationen über der Normandie (Paul Strand) oder Japan (W. Eugene Smith) verfolgen, die Linien vorwiegend weiblicher Körperformen (Martin Munkacsi bis Helmut Newton) oder die Kanten von Architekturobjekten (Berenice Abbott bis Joel Meyerowitz) mit den Augen abtasten, das Verborgene und Nicht-Gezeigte einer Szene erahnen (etwa bei René Groebli) oder wiederkehrende Motive wie Schirme, Masken und Hüte suchen.

In Zeiten digitaler visueller Vermüllung kann man da nur ausrufen: Was für Bildkompositionen, Spiele mit Licht und Schatten, Formen und wenigen Farben (rund 90 Prozent der Bilder sind schwarz-weiß), Unschärfen und Perspektiven, Stimmungen und Botschaften! Die Kuratorin selbst hat eine ganz einfache Botschaft: „Die Menschen sollen mit großen Augen kommen und staunen, was Fotografie alles kann.“ Und dann wird sie doch noch fast philosophisch: „Fotografie lehrt uns, anders zu sehen, achtsam Augenblicke wahrzunehmen. Alltagsgeschichten und Banalitäten werden verewigt. Aber aus diesen Banalitäten besteht letztlich das Leben.“

Was verbergen diese Kleinen? Helen Levitts „New York City“ (1940). Foto: 1940_©Helen Levitt Film Documents LLC. All rights reserved/.1940_©Helen Levitt Film Documents LLC. All rights reserved

Aus diesen Momenten des Lebens hat Nina Mika-Helfmeier nun ihre eigene „vorzügliche Leiche“ geschaffen. Mal sehen, was der New Yorker Star-Sammler von ihrem Patchwork hält. Ein bisschen aufgeregt ist sie schon vor seinem Besuch im August (siehe Kasten). Für sie ist es ein Privileg, einige Kostbarkeiten wie alte Vintage-Prints, also von den Fotografen signierte Originalabzüge, zu beherbergen oder ein Original wie „The Mainbocher Corset“ (1939) in den weißen Handschuhhänden zu halten, einen Klassiker der Modefotografie von Horst P. Horst, der den Rückenakt einer jungen Frau im halb aufgeschnürten Korsett zum stilbildenden sinnlichen Versprechen machte.

Unabhängig davon, wie das Urteil Howard Greenbergs ausfallen wird, ob er hier oder da vielleicht andere Dialoge zwischen seinen Schätzchen entwickelt oder Kontraste vorgezogen hätte – für die Kuratorin hat die Schau neue gedankliche Türen geöffnet. Da schlummern schon viele neue Projekte im Kopf von Nina Mika-Helfmeier. Auch ein weiteres mit dem Star-Sammler aus Manhattan ist bereits angedacht.

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