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Nach der Flut: Ein neuer Naturkostladen in der Heimat

Nach der Flut : Ein neuer Naturkostladen in der Heimat

Das Jahrhunderthochwasser im Schleidener Tal hat auch den kleinen Bioladen von Alexandra Görgen in Schleiden völlig zerstört. Nun plant die 28-Jährige den Neuanfang in Monschau.

Der Blick geht nach vorne, er muss nach vorne gehen. Denn so, wie es vor einer Woche war, wird es nie mehr sein. Dieser Satz trifft sicherlich auf viele Menschen zu, die vergangene Woche unbeschreibliches Leid durch die Hochwasserkatastrophe im Rheinland erfahren haben. „Wir haben Glück gehabt, dass wir unser Leben und unser Zuhause hier in Mützenich noch haben“, sagt Georg Görgen leise. Das ist dann aber auch schon das einzig Positive, was er mit seiner Frau Alexandra diesen denkwürdigen Juli-Tagen abgewinnen kann. Denn das Hochwasser hat auch die komplette berufliche Existenz hinweggespült, die sich die junge Frau mit ihrem Mann im Schleidener Tal aufgebaut hatte.

Rückblende. 2019 gibt Alexandra Görgen (28) ihre Arbeit als Krankenpflegerin im Aachener Klinikum auf, um sich einen Lebenstraum zu erfüllen: einen eigenen Naturkostladen in der Eifel. Rasch wird sie bei der Suche nach einem geeigneten Ladenlokal zwar nicht, wie zunächst geplant, im heimischen Monschauer Land fündig, dafür aber in der beschaulichen Schleidener Innenstadt, genau an der Reidtmeisterstraße 14, nicht weit von der Bundesstraße 265 entfernt gelegen und sozusagen „eingerahmt“ vom Flüsschen Dieffenbach, gleich hinter dem Laden, und der Olef.

Stattlicher Kundenstamm

Obwohl schon drei Monate nach der Eröffnung die Pandemie ihren Lauf nimmt, erfüllt, nein, übertrifft der liebevoll sortierte Laden alle Erwartungen der jungen Existenzgründerin. „Wir lagen über allen Umsatzberechnungen und konnten uns schnell einen stattlichen Kundenstamm aufbauen“, blickt Alexandra Görgen zurück. Selbst Corona konnte dem Verlangen der Kunden nach gesunder Ernährung und natürlicher Hygiene nichts anhaben, im Gegenteil: „Da wir überwiegend Lebensmittel im Sortiment hatten, durften wir die ganze Zeit über offen bleiben“, berichtet Georg Görgen. Die Folge waren gute Umsätze und neue Ideen, das Geschäftsmodell auszubauen, beispielsweise mit einem Online-Handel samt Auslieferung.

 Ein paar Lebensmittel hatte Alexandra Görgen bei den Aufräumarbeiten noch retten können, doch selbst vakuumverpackte Lebensmittel haben einen undefinierbaren bitteren Nachgeschmack behalten.
Ein paar Lebensmittel hatte Alexandra Görgen bei den Aufräumarbeiten noch retten können, doch selbst vakuumverpackte Lebensmittel haben einen undefinierbaren bitteren Nachgeschmack behalten. Foto: Heiner Schepp

Dieser nächste, große Schritt stand für die Görgens kurz bevor, als das Unheil dann am Mittwoch vergangener Woche seinen Lauf nahm. „Der Laden war noch ganz normal bis halb sieben geöffnet“, erzählt Georg Görgen. Natürlich habe man auch im Radio und im Netz die Wettervorhersagen vernommen, die vor Dauer- und Starkregen gewarnt hätten. „Aber diese Dimension war wohl für Laien kaum vorherzusehen, schon gar nicht so punktgenau vor unserer Haustür“, glaubt der 42-Jährige. Gleichwohl hätten er und seine Frau sich gewünscht, dass jemand von Tür zu Tür gegangen wäre und mit mehr Nachdruck auf die Lage hingewiesen hätte – so wie bei der Einhaltung der Corona-Schutzmaßnahmen.

„Dann hätten wir wenigstens einen Teil der Ware vorher in Sicherheit bringen können; wir waren ja da“, sagt Alexandra Görgen. Und dann hätte man vielleicht auch nicht ausgerechnet am Mittwoch das neue Kühlhaus für rund 3500 Euro im Lagerbereich des Ladens aufgebaut. Die hochwertigen Geräte haben jetzt, ebenso wie viele andere Elektrogeräte, wohl nur noch Schrottwert. „Wir haben die Sachen mit nach Mützenich genommen und lassen sie hier mal eine Woche durchtrocknen, ehe wir versuchen, sie an Strom anzuschließen“, schildert Georg Görgen die Pläne der Ladenbesitzer.

Sollte vor allem die weiße Ware tatsächlich noch ohne größere Reparatur funktionieren, steht das nächste Problem an, nämlich die Reinigung. „Mit dem Wasser und Geröll wurden alle Gebäude hier mit Unmengen an Öl und Benzin kontaminiert, das von der Tankstelle gegenüber und aus Öltanks in den Kellern stammt“, so Görgen. Aus diesem Grund sind auch alle Holzregale und selbst fest verschlossene Lebensmittel, die in der braunen Brühe gelegen oder gestanden haben, nicht mehr zu gebrauchen. Alexandra Görgen: „Wir haben eine Nudelsauce und eine fest verschlossene Flasche abends ausprobiert. Aber obwohl beide beim Öffnen ploppten, also noch vakuumdicht waren, hatte der Inhalt einen undefinierbar bitteren Nachgeschmack.“ Mit den Waren in den obersten Regalen, die keinen Kontakt mit der Flutbrühe hatten, möchte die Ladeninhaberin in den kommenden Tagen eine Art Spendenbasar veranstalten, der vielleicht ein paar Euro für den Neuaufbau bringen wird.

Dieser Neuaufbau wird aber definitiv nicht am liebgewonnenen Platz in Schleiden erfolgen. „Das kann und will ich nicht wiederholen“, sagt die junge Frau, „da würde jeden Morgen die Angst die Ladentür mit aufschließen“, sagt Alexandra Görgen. Da man mittelfristig ohnehin vorhatte, in der Monschauer Heimat zumindest eine Filiale einzurichten, wird der Weg des kleinen, aber feinen Bioladens nun in die nördlichere Eifel führen, „am liebsten nach Imgenbroich, Konzen oder Simmerath“, wünscht sich die 28-Jährige. Das aber gestaltet sich nicht so einfach.

Suche nach einem Ladenlokal

In Imgenbroich und Konzen scheinen derzeit keine geeigneten Leerstände verfügbar, in Simmerath ist die junge Geschäftsfrau auf nicht stemmbare Mietvorstellungen getroffen. „Vielleicht klappt es fürs Erste mit dem kleinen Laden am Konsum hier in Mützenich“, hofft Alexandra Görgen. Wichtig seien eine nicht zu kleine und verschachtelte Ladenfläche, genügend Lagerkapazitäten mit Anliefermöglichkeit und ein paar nahe Parkplätze“, denn auch unsere Kundschaft würde am liebsten in den Laden hineinfahren“, hat die 28-Jährige ihren Humor noch nicht verloren. In ihren Träumen würde sie den Laden genau so wie in Schleiden wieder in der Heimat einrichten, „gerne würde ich noch Unverpacktes mit ins Sortiment nehmen“, überlegt sie.

Bis es so weit ist, lagern die einigermaßen erhaltene Einrichtung und ein kleiner Rest an Warenbeständen am und im Wohnhaus in Mützenich, einem wunderschönen alten Eifeler Bauernhaus mit angebauten Stallungen. „Den Anbau wollten wir jetzt zu einer kleinen Ferienwohnung umbauen. Aber das gibt wohl jetzt erst mal nichts“, sagt Georg Görgen, der gelernter Bäcker ist und eigentlich in der kleinen Bäckerei Hensch am Monschauer Markt arbeitet, zuletzt aber wegen Corona in Kurzarbeit und auch längere Zeit erkrankt war.

Doch bei aller Niedergeschlagenheit kehren er und seine Frau rasch wieder zum Optimismus und zur Entschlossenheit zurück. „Wir werden wieder aufstehen, schon allein für die lieben Menschen, die uns in dieser Not so unwahrscheinlich beigestanden haben“, sagen beide und erwähnen besonders die Mützenicher Familien Koch und Sommer, die „unfassbar schnelle und effektive Hilfe geleistet“ hätten. „Solche Nachbarn sind mit keinem Geld der Welt zu bezahlen und kann man jedem nur wünschen“, sagt Alexandra Görgen. Aber auch andere Menschen aus dem Dorf und auch die Nachbarn in Schleiden hätten wertvolle Hilfe geleistet, die Familien der beiden sowieso.

Alexandra und Georg Görgen wollen nun keine Zeit verlieren und sich so schnell wie möglich mit einem neuen Bioladen im Monschauer Land eine neue Existenz aufbauen. Und auch dabei sind sie für jede Hilfe dankbar.