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Ortsvorsteher : Das Dorf ist kein Selbstläufer

Ortsvorsteher : Das Dorf ist kein Selbstläufer

Nach 18 Jahren gibt Norbert Rader das Amt des Ortsvorstehers in Kalterherberg an Bernd Jakobs ab. Das ist Anlass, zurück und voraus zu blicken.

Die Bruchsteinmauer an der alten Schule in Kalterherberg ist marode. Über 50.000 Euro kalkuliert die Stadt für eine Erneuerung, eine Summe, die das Projekt auf die lange Bank schieben würde. Da bekommt Norbert Rader von Fachleuten das Angebot, das Mauerwerk in Eigenleistung zu sanieren.

Über Wochen packt der Ortsvorsteher mit Martin Krings, Ewald Blumensath sowie Franz-Josef Kreutz und Helmut Seidel die Arbeit an. Alte Fugen werden gekappt, Steine herausgenommen, bearbeitet und wieder eingesetzt. Es ist eine Schweiß treibende Arbeit vor allem für die Helfer. Aber auch zehn Jahre später ist Norbert Rader stolz auf dieses Projekt.

Es ist nur eines von vielen Projekten, aber ein beispielhaftes, das der Ortsvorsteher in Kooperation mit den Menschen aus Kalterherberg in seiner Amtszeit realisieren konnte. Nach 18 Jahren ist der heute 75-Jährige aus dem Amt und nach 26 Jahren im Stadtrat ausgeschieden. Bernd Jakobs ist verpflichtet als neuer Ortsvorsteher in Kalterherberg.

15 Lebensjahre trennen die beiden Vertreter des Dorfes, aber der Weg in die Aufgabe des Ortsvorstehers ist durchaus vergleichbar. Sie wird ihnen angetragen – nach jahrelangem Engagement in Vereinen des Ortes.

Norbert Rader arbeitet als technischer Angestellter im ehemaligen Horchposten des Geheimdienstes in Höfen. Seine Freizeit gehört dem Fußball, er engagiert sich beim SV Kalterherberg, wird über lange Jahre den Club als Vorsitzender anführen. Die CDU spricht ihn an. Rader kandidiert 1994 nur auf der Reserveliste der Partei – und rückt in den Stadtrat ein. Dort versteht er sich immer als Sprachrohr der Menschen aus Kalterherberg.

Im Ort macht er „Klimmzüge für das Dorf“, wie Rader selbst sagt. Es sind immer wieder große und kleine Vorhaben, die er mit Rückendeckung der Stadt, aber vor allem mit dem Engagement der Kalterherberger anpacken und realisieren kann. Was „heute undenkbar“ erscheint, hat er als SV-Chef mit vielen weiteren Händen realisieren können. Über vier Jahre hat Rader nahezu alltäglich für den Bau des Kunstrasenplatzes mitangepackt. 1998 kann er eingeweiht werden.

 Die jüngst erfolgte Verlagerung des Spielplatzes zwischen Kirche und Friedhof ist eines der vielen Projekte, die Norbert Rader (r.) in 18 Jahren als Ortsvorsteher von Kalterherberg gestemmt hat. Bernd Jakobs ist sein Nachfolger.
Die jüngst erfolgte Verlagerung des Spielplatzes zwischen Kirche und Friedhof ist eines der vielen Projekte, die Norbert Rader (r.) in 18 Jahren als Ortsvorsteher von Kalterherberg gestemmt hat. Bernd Jakobs ist sein Nachfolger. Foto: Jürgen Lange

Was im Verein funktioniert, soll auch Erfolg im Dorf haben. Als Rader 2002 mit Verweis auf die „etwas angeschlagenen Knochen“ den Vereinsvorsitz abgibt, wird ihm das Ehrenamt des Ortsvorstehers angetragen. Deutlich ist das Wahlergebnis, und die Aufgabe soll ihm 18 Jahre lang eine Ehre sein.

Wobei Norbert Rader die Aufgabe mit Selbstbewusstsein meistert: „Man muss Charakter beweisen und auch nicht auf jeden Pups reagieren“, gibt er seinem Nachfolgern – neben einem großen Stapel Akten – mit auf den Weg. „Ich habe mit immer erst alles mit eigenen Augen angeschaut und dann erst reagiert“, sagt Rader. Denn herausragend sei es, nicht der Steigbügelhalter für Interessen Einzelner zu sein, sondern stets das Wohl des gesamten Ortes im Blick zu haben.

„Ich bin kein gebürtiger Politiker, aber als gebürtiger Kalterherberger habe ich viel für den Ort erreicht“, bringt Norbert Rader seiner Ära auf den Punkt. 2014 habe er noch einmal bewusst für seine letzte Amtsperiode kandidiert. Die Entscheidung bestätigt er heute als richtig. „Im vergangenen Jahr war ich nicht mehr so mit Gesundheit gesegnet“, sagt er heute. Motiviert hat Norbert Rader stets der Erfolg. „Wenn etwas fluppt, ist es ein Anreiz weiter zu machen.“ Gefluppt hat vieles. Die mehrfache Verlegung des Spielplatzes, Parkplätze am Sportplatz und immer wieder Sanierungen von Straßen sind nur wenige Stichworte.

Nur ein Vorhaben ist gefloppt. „Ein zusammenhängendes Neubaugebiet in Kalterherberg ließ sich nicht realisieren“, gesteht Rader ein. Es ist – neben der Schließung der Schule im Ort – ein Wermutstropfen in den fast zwei Jahrzehnten – für ihn wie für Kalterherberg. „Wir brauchen ein Neubaugebiet“, sagen Rader und Bernd Jakobs heute unisono und blicken ein wenig neidisch auf andere Orte im Stadtgebiet.

Denn ein Neubaugebiet ist gleich zu setzen mit einer Investition in die Zukunft und in die Prosperität eines Dorfes. Sicherlich gebe es viele Baulücken im größten Monschauer Stadtteil. Aber sie könnten aus diversen Gründen die Nachfrage nach den eigenen vier Wänden im Heimatort nicht befriedigen.

Die Schaffung von Bauland in Kalterherberg steht für Bernd Jakobs somit an erster Stelle. „Wir müssen jetzt eruieren, wo und wie wir das angehen können“, kündigt der neue Ortsvorsteher viele und intensive Gespräche an. „Vor Jahren setzte die Landflucht ein, die Dörfer verödeten“, analysiert der 60-Jährige. „Mittlerweile wissen immer mehr Menschen die Landschaft und die Vorzüge der Dörfer zu schätzen.“ Gerade in Kalterherberg erkennt Jakobs unter vielen jungen Menschen den Wunsch, im Heimatort sesshaft zu bleiben und sich den Traum vom Eigenheim zu erfüllen. „Das darf nicht daran scheitern, dass kein Bauland zu finden ist“, betont Jakobs.

Dass Bernd Jakobs Kalterherberg liebt und seinen Geburtsort in den Mittelpunkt seines Handelns stellen will, kann man dem Ministerialbeamten nur abnehmen: Täglich pendelt er gute drei Stunden zwischen dem Arbeitsplatz in Bonn und dem Heimatort. Nach der Schule wird Jakobs Zollbeamter, bewirbt sich kurz nach dem 1985 getroffenen Schengener Abkommen, wechselt zum Hauptzollamt nach Köln und von dort ins Bundesministerium der Finanzen und nach der Wiedervereinigung ins Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft.

Zum Dienstsitz in Bonn geht’s täglich um 5.30 Uhr mit dem Auto. Erst nach einem halben Tag ist er wieder in Kalterberg. Muss er nach Berlin, zieht er mittlerweile ab Köln den ICE dem Flieger vor. Aber aus Kalterherberg wegzuziehen? Daran ist kein Denken.

Hier engagiert sich der leidenschaftliche Trompeter im Musikverein, ist 25 Jahre dessen Vorsitzender und wird zum Ehrenvorsitzenden ernannt. Auch im Musikverein erlebt Bernd Jakobs die Entwicklung des Dorfes in der ersten Reihe mit, sieht wie die Mitglieder geschwunden sind, und nun langsam wieder steigen.

„Auch wenn Kalterherberg topographisch nicht so optimal liegen mag, so ist doch das Potenzial des Ortes riesig“, sagt Jakobs und will das Potenzial des Golddorfes vermehrt in Szene setzen. Basis ist die bestehende Infrastruktur mit Nahversorgung, Bäcker, Geldinstitut, Kindergarten, Seniorenheim, Gastronomie, Hotel, Ferienwohnungen und vielem mehr.

Jakobs setzt – neben Bauland – auf den Tourismus. „Auf den sanften“, wie er betont. Der Tourismus soll gefördert werden. Aber nicht so, dass Kalterherberg zu einem Hotsport wird, an dem sich die Touristen gegenseitig auf die Füße treten. Aber in einem Maße, dass die Infrastruktur des Dorfes gestärkt und vielleicht sogar weiter ausgebaut werden kann. Sanft halt, mit der Natur und dem Dorf im Einklang, so dass Kalterherberg ein Ort bleiben kann, der attraktiv und lebenswert ist.

In welchem Maße der Ort bereits touristisch im Aufschwung ist, kann Bernd Jakobs abmessen, wenn er sonntags die Frühstücksbrötchen holt: an der Schlange vor der Bäckerei auch ohne Corona-Zeiten. Der Ort am Kreuzungspunkt von Ravel-Route, Eifel-Höhen-Weg und Rurufer-Radweg steht vor einer weiteren Stärkung mit dem Ausbau des Pumptracks nebst Infopunkt, eine Art Trainingsgelände für Mountainbiker.

„Wir können gut leben in Kalterherberg“, sagt Bernd Jakobs und mahnt zugleich: „Aber ein Dort ist kein Selbstläufer, die Infrastruktur ist existentiell.“ Und daran gilt es für ihn zu arbeiten. Und ähnlich wie bislang Norbert Rader will der neue Ortsvorsteher die Interessen und Meinungen bündeln – über alle Parteigrenzen hinaus. „Ich möchte mit jedem im Ort zusammenarbeiten“, kündigt Jakobs an, sich an den Wünschen der Mehrheit der Menschen in Kalterherberg orientieren zu wollen. Immerhin stellt Kalterherberg mit insgesamt sechs Ratsmitgliedern wohl die stärkste Interessenvertretung im Monschauer Stadtrat.