Chorbiennale Aachen: „Satellitenkonzerte“ im Monschauer Land

Chorbiennale Aachen : „Satellitenkonzerte“ im Monschauer Land

Die „Chorbiennale“ in Aachen, das alle zwei Jahre stattfindende große Festival der Chöre, findet zur Zeit zum sechsten Male statt.

Es ist eine schöne Idee, dieses musikalische Großereignis auch auf die Region ausstrahlen zu lassen: Sechs „Satellitenkonzerte“ – wie man das genannt hat – tragen das musikalische Geschehen über die alte Kaiserstadt hinaus in die Städteregion, ins benachbarte Ausland und sogar bis nach Köln und Bonn. Das Monschauer Land war mit den zwei Konzerten des Wochenendes besonders „gut bedient“.

Die Anwesenheit und die Grußworte der jeweiligen kommunalen Spitzen, Bürgermeisterin Margareta Ritter und Bürgermeister Karl-Heinz Hermanns, bezeugten ein besonderes Interesse. Der nahezu „kosmische“ Anklang des Begriffs „Satellitenkonzert“ wurde in den beiden Konzerten im Monschauer Land vollständige Realität. Gemeint ist dabei weniger die räumliche Entfernung, die die beiden Chöre aus Nordeuropa zu überwinden hatten, welche am Samstag in Monschau und am Sonntag in Lammersdorf gastierten. Es war vor allem die inhaltliche Gestaltung dieser Darbietungen, die die erstaunten und begeisterten Zuhörer nachgerade in eine andere Welt versetzte.

Denn die Programme beider Veranstaltungen boten fast durchweg Neues und Ungewöhnliches. Eben darum war es freilich etwas schade, dass die inhaltliche Information für die Zuhörer allzu knapp ausfiel. Neben einer dürren Aufzählung der einzelnen Chorsätze war den Programmzetteln nichts Näheres zu den Komponisten und den jeweiligen Stücken zu entnehmen. Umso erstaunlicher, dass dies den unmittelbaren und sehr tiefgehenden, ja teilweise aufwühlenden Eindruck der Darbietungen überhaupt nicht beeinträchtigte.

Am Samstag konnte ein zahlreiches Publikum in der Monschauer Aukirche das Konzert des „Festino“-Kammerchors aus St. Petersburg erleben. Unter der Leitung von Alexandra Makarova, die das Ensemble im Jahre 2006 gegründet hatte, boten die jungen Sängerinnen und Sänger überwiegend Chorsätze aus dem russischen Bereich. Schon die beiden Sätze mittelalterlicher russischer Kirchengesänge zu Beginn zeigten eine außerordentlich feinfühlige Gestaltung, ebenso ein Chorsatz von Sergej Rachmaninow und die drei – thematisch etwas aus dem Rahmen fallenden – Chöre des französischen Komponisten Francis Poulenc.

Besondere Höhepunkte waren dann aber die Werke der beiden baltischen Komponisten Arvo Pärt und Peteris Vasks (aus Estland bzw. Lettland), sowie die Werke des St. Petersburger Komponisten Dmitri Smirnow, insbesondere dessen am Schluss erklingendes Werk „Insomnia“ auf Texte der bedeutenden russischen Lyrikerin Marina Tsvetajewa. Für die ganz subtile und die Stille suchende Interpretation all dieser Werke war der Zwischenapplaus der beeindruckten Zuhörer zwar manchmal etwas störend. Aber mit temperamentvollen Zugaben schaffte der Chor dann auch genügend Anlass, um der Dankbarkeit für das Gebotene einen entsprechenden Ausdruck zu geben.

Der Kirchenchor St. Johannes der Täufer Lammersdorf mit seiner rührigen Dirigentin Gabriele Scheidweiler-Pleines war am Freitag selbst Mitwirkender eines Konzerts der Chorbiennale im Aachener Krönungssaal gewesen. Er konnte als Gastgeber am Sonntag einen der besten Chöre Schwedens, das „S:t Jacobs Vokalensemble“ aus Stockholm unter der Leitung von Mikael Wedar in der Lammersdorfer Kirche willkommen heißen. Nachdem der gastgebende Chor mit drei einleitenden Stücken sowohl das Publikum wie auch die schwedischen Gäste begrüßt hatte, wurde gleich mit dem ersten Stück des Gastchores deutlich, dass der ihm vorausgehende Ruf vollauf berechtigt war.

Das schwedische Volkslied „Trilo“ wurde in einem Arrangement von Bengt Ollén mit nahezu überwältigenden Raumklangwirkungen so intensiv dargeboten, dass der genaue verbale Inhalt des Liedes nicht vermisst wurde. Ähnlich ging es wohl den meisten der Zuhörer in der bis auf den letzten Platz gefüllten Kirche mit vielen anderen Werken von hierzulande kaum oder gar nicht bekannten Komponisten aus der skandinavischen und baltischen Welt. Die Tendenz, dass es auf den Text eines Stücks eigentlich nicht so sehr ankommt, wurde mit dem erstaunlichsten Werk des Abends auf die Spitze getrieben.

Die „Traumtänze“ von Hans Schanderl bestehen aus einer energisch rhythmisierten Folge von eines verbalen Sinnes entbehrenden Lauten und Geräuschen, die aber in der überaus exakten und temperamentvollen Darbietung des schwedischen Chores beim Publikum in der Lammersdorfer Kirche einen Jubelsturm auslösten, den das ehrwürdige Gebäude sicher zuvor noch nicht erlebt hatte.

Die beiden „Satellitenkonzerte“ der Aachener Chorbiennale im Monschauer Land dürften – das darf man sicher behaupten – für alle, die dabei waren, denkwürdig bleiben. Auf weitere Ereignisse dieser Art würde man sehr gern hoffen.

Mehr von Aachener Zeitung