Nordeifel: Mit ferngesteuertem Blick: Eine Staumauer wird vermessen

Nordeifel: Mit ferngesteuertem Blick: Eine Staumauer wird vermessen

116 Jahre alt ist die Urftstaumauer. Sie hat zwei Weltkriege überstanden und nach ihrer Fertigstellung im Jahre 1905 mit Kaiser Wilhelm II. hohen Besuch auf ihrer Krone gesehen. Heute ist die von 1900 bis 1905 erbaute Mauer, die das aus Gemünd kommende Flüsschen Urft zu einer Trinkwassertalsperre staut, vom Nationalpark Eifel umschlossen.

Nichts von seiner Standfestigkeit verloren hat bislang das als Gewichtsstaumauer ausgebildete Absperrbauwerk, das nach den Plänen des Aachener Professors Dr. Otto Intze errichtet wurde. Die Mauer mit einer Höhe von 58 Metern, einer Fußbreite von etwa 50 Metern und einer 226 Meter langen Mauerkrone war zum Zeitpunkt der Fertigstellung und Inbetriebnahme im Jahre 1905 die größte Talsperre in Europa.

Auf großes Interesse stößt das aus örtlicher Grauwacke und Tonschiefersteinen erbaute Bauwerk auch heute noch — nicht nur bei den zahlreichen Besuchern des Nationalparks sondern auch bei den Bauingenieuren der Fachhochschule Aachen. Ein Team vom Fachbereich Bauingenieurwesen war in diesem Frühsommer häufig zu Gast auf der Urftstaumauer. Drei schwindelfreie Männer wurden in einer Gondel an der Luftseite der Staumauer heruntergelassen. Mit einer Schlagbohrmaschine rückte man der Mauer zu Leibe, um hier ein trigonometrisches Vermessungssystem zu installieren. Mit anderen Worten: Die Bauingenieure wollten es auf den Millimeter genau wissen, welchen Schwankungen die mächtige Mauer ausgesetzt ist.

Zu diesem Zweck wurden an zwölf Punkten in der Mauer sogenannte Reflexionsprismen montiert. „Die kleinen, geradezu unscheinbaren Sensoren sind in der Lage, Bewegungen bis 0,1 Millimeter zu messen“, erläutert Prof. Dr. Peter Sparla vom Fachbereich Ingenieurwesen der FH Aachen. Diese Messpunkte können dann per Lichtimpuls von einem weiter entfernt stehenden Messinstrument, ein motorisiertes Tachymeter, angepeilt werden.

Am von den Prismen zurückgeworfenen Lichtstrahl können die FH-Experten dann messen, inwieweit sich die Mauer bewegt. Die Daten werden in einer dreidimensionalen Gitterstruktur dargestellt und können am Computer ausgewertet werden. Ziel ist es, ein voll automatisiertes System zu installieren, das dann später von Aachen aus ferngesteuert werden kann. Die FH Aachen hat dafür eine Testphase von zwei Jahren angesetzt.

Sinnvolle Ergänzung

Dass eine Talsperrenmauer in Bewegung ist, ist nichts Ungewöhnliches. „Bei Vollstau bewegt sich das Bauwerk leicht vorne, bei Niedrigwasser ist es umgekehrt“, erläutert Marcus Seiler, Sprecher beim Wasserverband Eifel-Rur (WVER), dem Betreiber der Talsperre. Bis zu 45 Millionen Kubikmeter Wasser können in der Talsperre gespeichert werden. Auch Sonneneinstrahlung und Frost spielten eine Rolle, so dass Mauerschwankungen an der Urfttalsperre im Bereich von einem Zentimeter als akzeptabel gelten.

Auch ohne das jetzt hoch verfeinerte Messsystem hatte der WVER das Bauwerk stets unter Kontrolle. Dank zweier Kontrollgänge im Innern der Mauer ist der WVER immer über den Zustand des Bauwerks informiert. Der zweite Kontrollgang wurde erst vor rund 20 Jahren in das Mauerwerk gesprengt. Hier werden beispielsweise die Sickerwässer erfasst.

Das neue Messsystem versteht der WVER als sinnvolle Ergänzung und zusätzliche Sicherheitsvorkehrung, um Veränderungen an der gesamten Mauer zu erkennen.

Professor Peter Sparla lobt die hohe Kooperationsbereitschaft des Talsperren-Betreibers: „Der WVER erfüllt mehr als sein Pflichtprogramm sondern schaut auch in die Zukunft.“

Dass er nun ausgerechnet die Urftstaumauer als Testobjekt auswählt, bezeichnet Sparla als reinen Zufall. Der Erbauer der Mauer, Professor Intze, habe an der TH Aachen gelehrt und sei in Vaals beerdigt. Das auffällige Grabmal des Ingenieurs habe sein Interesse an der Person Intzes neu belebt und die Urfttalsperre, die seinerzeit auch ein beliebtes touristisches Ziel gewesen sei, wieder ins Bewusstsein gerufen.

(P. St.)
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