Nordeifel/Eupen: Lit.Eifel-Leseabend: Schriftsteller Feridun Zaimoglu zu Gast

Nordeifel/Eupen: Lit.Eifel-Leseabend: Schriftsteller Feridun Zaimoglu zu Gast

Am Ende wusste man nicht mehr was faszinierender gewesen war: die rund einstündige, ungemein spannende, beinahe szenische Lit.Eifel-Lesung selbst, bei der die sanft-raunende, Wort für Wort wohl akzentuierende, vielseitige Stimme von Feridun Zaimoglu binnen Sekunden einen mitreißenden Sog entwickelt hatte.

Oder das sich anschließende Gespräch mit dem Publikum, für das sich der vielfach preisgekrönte Schriftsteller sehr viel Zeit nahm.

Hier wie dort hingen die Literaturfreunde im Eupener Jünglingshaus gebannt an den Lippen des Kieler Autors mit türkischen Wurzeln, der ein anderer wird, wenn er schreibt, wie er seinen Zuhörern an diesem Abend verriet. „Schreiben kann ich nur, wenn ich mich selbst vernichte. Nur so funktioniert es. Erst wenn ich mich den Figuren auf dem Papier Schritt für Schritt anverwandle. Erst dann perlen die Worte. Dann finde ich zum Klang. Dann kommt die Musik.“

Bis er ein Werk beginnt, ist es ein harter, körperlich zehrender, von unzähligen Zweifeln geprägter, gleichsam aber auch „rauschhafter Weg“. Vier Jahre lang hat Feridun Zaimoglu an seinem Roman „Siebentürmeviertel“ gearbeitet. 800 Seiten, 99 Kapitel, ein Prolog und ein gewaltiges Inventar von rund 80 Figuren. An der Wand hängt ein riesiger „Schlachtplan“, der illustriert, wie die Figuren interagieren. Ein Plan, der „da sein muss, damit ich die Figuren auf der Strecke nicht verliere, damit die Geschichte nicht irgendwann explodiert.“ Mehr als eineinhalb Jahre lang hat er recherchiert für die Geschichte des sechsjährigen, mit seinem Vater vor dem NS-Regime nach Istanbul geflohenen Jungen namens Wolf.

Voller Sprachgewalt zeichnet Zaimoglu hier ein Bild aus sich kaleidoskopisch gegeneinander verschiebenden Kapiteln, die allesamt und bewusst mit den „schönen Namen Gottes“ überschrieben sind und die dadurch auf eine alte Gebetsketten-Tradition verweisen. So wird auch Wolfs Geschichte zu einem komplexen archaischen Gefüge aus Aberglauben, weihevollen Mythen, Bildern und Gleichnissen, Freund- und Feindschaften.

Aus den Erzählungen seines Vaters, der in den 1960er-Jahren während der Gastarbeiter-Welle nach Deutschland gekommen war, hat Zaimoglu seinen Plot gewoben, der 1939 im Roman seinen Anfang nimmt. Denn recht schnell war klar geworden, dass er nicht die Geschichte seines Vaters erzählen wollte, sondern — umgekehrt — die „Geschichte eines deutschen Buben“ in der Türkei. Rekonstruiert hat Zaimoglu sie nicht nur durch die archivierten Tonbandaufnahmen der Berichte seines Vaters, sondern auch durch Recherchen vor Ort.

Von dem Viertel ist zu Zaimoglus großen Bedauern heute nur noch wenig übrig, unter anderem weil „Erdogan und seine frömmelnden Technokraten“ das ehemalige „Zigeunerviertel“ dem Erdboden gleichgemacht haben. Und doch wehe in einige Sträßchen und Gassen noch der „Hauch der alten Zeit“, der es dem Autor später ermöglichte, eine „andere Welt einzufangen“ und die Sprache seiner Figuren zu finden.

Letztere ist im Roman nicht nur poetisch, sondern mitunter sogar recht deftig. Ist es ein historischer Roman? Auch darüber hatten sich die Literaturkritiker vortrefflich gestritten. „Oder ist es vielleicht doch eher eine emotionale Autobiografie?“, wollte eine Zuhörerin wissen. Zaimoglu beantwortete beide Fragen in einem Schwung: „Alles, was sie in diesem Roman lesen, ist erstunken und erlogen. Und wenn ich bei diesen oder ähnlichen Gelegenheiten erzähle, dass das Buch nichts mit mir zu tun hätte, dann ist das vielleicht die schönste Lüge“, schmunzelte er.

Großes Vergnügen hatten die Gäste bei Zaimoglus Antwort auf die Frage, wie er die Entscheidung der Nobelpreiskommission beurteile, den diesjährigen Preis für Literatur an Bob Dylan zu vergeben. An die „krächzende Hupfdohle“, wie Zaimoglu ihn gerne nennt. „Als ich das gehört habe, hab‘ ich echt gelacht und gedacht: Greise Männer krönen ihren greisen Helden.“ Dabei gehe es gar nicht um Bob Dylan selbst. „Denn, was bleibt, wenn man der Musik die Musik nimmt? Nichts!“

(pp)