Simmerath/Lammersdorf: Lammersdorf blickt auf wechselvolle Geschichte zurück

Simmerath/Lammersdorf: Lammersdorf blickt auf wechselvolle Geschichte zurück

Die Vennbahntrasse, heute viel genutzter und mehrfach prämierter Premium-Radweg, feierte am 1. Juli ein fast vergessenes Jubiläum. Vor 130 Jahren wurde die Bahnstrecke von Aachen nach Monschau eröffnet.

In ihrer wechselvollen Geschichte wurde die Bahntrasse nach dem Ersten Weltkrieg (1920) Belgien zugeschlagen, kam 1940 wieder zum Deutschen Reich und ging nach dem Zweiten Weltkrieg wieder an Belgien. Für die Bewohner der anliegenden Orte oft ein Nervenspiel, da sie mit der Angst der Enteignung und oft auch Repressalien leben mussten.

So wurden die Bewohner von Lammersdorf vor 70 Jahren plötzlich mit der Tatsache konfrontiert, dass sich durch ihr Dorf ein langgezogener Stacheldrahtverhau zog und der Ort damit zweigeteilt war. Der spektakuläre Vorfall ereignete sich Anfang September 1945, als auch das Dorf der Bessemsbenger unter der Verwaltung belgischer Besatzungskräfte stand.

Diese hatten sich kurz nach Kriegsende auch in Lammersdorf teilweise in Privathäusern einquartiert, was bei der Bevölkerung nicht immer gut ankam. Als sich dann auch noch von einem auf den anderen Tag ein undurchdringlicher Vorhang aus Stacheldrahtrollen durch das Dorf zog, war die Stimmung auf das Äußerste angespannt. Kurz vor dem sonntäglichen Kirchgang hatten belgische Soldaten ohne Ankündigung am Bahnübergang an der Hoscheiter Straße einen hohen Stacheldrahtwall errichtet, womit das Dorf quasi in zwei Teile getrennt war.

Dank dem Lammersdorfer Heimatforscher H. Jürgen Siebertz, der in seinem Buch „Schwellmänn, Trevvel und Makkei“ viele Zeitzeugen zu Wort kommen lässt, kann man sich die explosive Lage vor 70 Jahren noch einmal vor Augen führen. Zeitzeuge Herbert Läufer, damals an der Hoscheiter Straße wohnhaft, in Erinnerung zu dem Vorfall: „Als wir zum Hochamt gehen wollten, trauten wir unseren Augen nicht. Direkt vor dem Bahnübergang waren belgische Soldaten dabei, einen mehrere Meter hohen Stacheldrahtwall zu errichten.“

Fragen hätten die Soldaten, die mit Karabinern und Maschinenpistolen bewaffnet waren, nur mit einem Grinsen beantwortet. „Der undurchdringliche Vorhang aus Stacheldrahtrollen wurde immer höher und breiter. Schließlich hatte er eine Höhe von circa drei Metern erreicht.“

Die Lammersdorfer waren erbost zumal man ihnen erklärte, dass nun hier die deutsch-belgische Grenze verlaufen würde und alles was hinter der Bahn in Richtung Fringshaus liege, nun zum belgischen Staat gehöre. Das musste erst einmal verdaut werden. Obendrauf bekam man dann auch noch mitgeteilt, man müsse ab nun eben in Raeren einkaufen und die Kinder auch dorthin zur Schule schicken.

Hildegard Lux aus der Lammersdorfer Hoscheiter Straße, gerade 80 Jahre geworden, kann sich daran noch genau erinnern, mit welcher Schreckensnachricht die damals Zehnjährige in der Volksschule konfrontiert wurde. „Wir erhielten früher als sonst unsere Zeugnisse und wurden in der Schule verabschiedet, weil wir im neuen Schuljahr nach Belgien in Raeren zur Schule gehen sollten. Dazu ist es dann aber Gott sei Dank nie gekommen.“

Das Problem mit dem Kirchgang, der durch die Stacheldrahtrollen scheinbar unmöglich war, lösten die Lammersdorfer im Übrigen mit der bekannten Eifeler Bauernschläue. Man ging einfach durch das sogenannte „Bahnehaus“, das sich direkt am Bahnübergang befand und das an selber Stelle dort auch noch heute steht, auf die deutsche Seite der Grenze und konnte so doch noch an der Messe in der Lammersdorfer Kirche teilnehmen.

Nach einigen Tagen war der Grenzkonflikt dann zur allgemeinen Erleichterung vorbei. Der Stacheldrahtverhau wurde kommentarlos abgebaut. Die eventuellen Gebietsansprüche Belgiens sorgten dann noch bis zur Klärung im April 1947 für Unruhe und Besorgnis in der Bevölkerung. Viele Betroffene aus Lammersdorf hatten ihren Hausrat damals vorsorglich zu Freunden und Bekannten im „Unterdorf“ geschafft.