Monschau: „Kulturelle Nischenveranstaltung“ im Monschauer Stadtarchiv

Monschau: „Kulturelle Nischenveranstaltung“ im Monschauer Stadtarchiv

Unter dem Thema „Lebensräume“ versammelt der neue Kurzgeschichtenband aus der Monschauer „Haller“-Reihe auf 90 Seiten Texte deutschsprachiger Autoren, von denen fünf den Weg in das Eifelstädtchen gefunden hatten, um ihre Texte einem interessierten und konzentrierten Publikum zu präsentieren.

Die Räumlichkeiten des Stadtarchivs am Holzmarkt waren bis auf den letzten Platz gefüllt. „Haller“-Herausgeberin Corinna Griesbach freute sich, neben den Künstlern auch Gäste von nah und fern begrüßen zu dürfen.

Georges Hausemer hatte es nicht allzu weit, lebt er doch zu einem großen Teil im benachbarten Mützenich; Anna Oldenburg aus Nürnberg hatte sicher die längste Anreise. Sie alle einte das Leitthema „Lebensräume“ — und doch wiesen ihre Texte in ganz unterschiedliche Richtungen.

Frauke Buchholz aus Eynatten führte ihre Zuhörer in die dunklen Abgründe indianischer Lebenswelten der Gegenwart; ihre eigenen Erfahrungen in einem kanadischen Indianerreservat waren Grundlagen eines authentischen Textes, der die Zuhörer fesselte. Christine Graf aus Köln erzählte eine unglaubliche Geschichte vom Leben auf Friedhöfen und der nie sterbenden Hoffnung auf Wiedergeburt.

Und auch die melodramatisch-komische Fortsetzungswelt der Daily Soaps aus dem Fernsehen kann zum Lebensraum werden — das demonstrierte Axel Bölling aus Aachen, der sehr unterhaltsam im Duett mit Daniel Fleuster las. Diese Welt endet so abrupt, wie sie eingesetzt hat — streng orientiert an dem Programm der TV-Sender.

In der Pause konnten sich die Besucher den Werken von Tina Reitze widmen: Sie illustrieren die neueste Ausgabe der Literatursammlung. „Das gehört zum festen Konzept dieser Anthologie“, erklärt Corinna Griesbach, die mit der Buchreihe ins sechste Jahr geht: „Jeder Band enthält neben Prosatexten immer auch Bilder von einem oder mehreren Künstlern.“

Tina Reitze aus Nordhessen erarbeitet Papierkollagen mit ungewöhnlichen Materialien und malt in Öl; hierbei wechseln sich kräftige und strahlende Farben mit manchmal fast monochromen düsteren Bildern ab. Zu ihrer ersten Vernissage hatte die Künstlerin eine repräsentative Auswahl ihrer Werke mitgebracht.

Der geborene Luxemburger Georges Hausemer, der nicht zuletzt durch seine Reisereportagen von sich reden gemacht hatte, verdeutlichte nach der Pause die Gefahren, die ein Verlassen der eigenen gewohnten Lebenswelt und das Betreten einer anderen fremden mit sich bringen kann. Sein Text faszinierte durch atmosphärische Dichte und Konsequenz.

Den Abschluss machte Anna Oldenburg. Ihre Geschichte „Nach Hause ist weit weg“ erzählt von Obdachlosigkeit und dem ständigen Kreislauf von Hoffnungslosigkeit und Gewalt. Das Publikum hatte von den Autoren und der Künstlerin zahlreiche Varianten und Spielarten rund um das Leitthema dargeboten bekommen. Angetan waren sie aber auch von der Location, dem historischen Gebäude des Stadtarchivs. „Holzmarkt 5“ eigne sich hervorragend für „kulturelle Nischenveranstaltungen“, so ein beeindruckter Besucher: „So etwas dürfte es in der Monschauer Altstadt gerne öfter geben!“ An Corinna Griesbach soll es nicht liegen: „Zwar hatte die letzte Lesung in einem Aachener Kunstatelier stattgefunden, dennoch bleibt der Haller ein Monschauer Produkt.“ Und damit fühle sie sich der Stadt auch in besonderer Weise verpflichtet. Nun aber gelte es erst einmal die nächste Ausgabe zu stemmen, die im Herbst erscheinen soll.

Über 200 Autoren haben sich dafür um eine Veröffentlichung beworben. „Das bedeutet erst einmal eine Menge Lesearbeit“, so die Herausgeberin. „An eine Lesungsveranstaltung denkt man da erst einmal nicht.“

(Egl)
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