Kritiker: Kiesgärten haben in der Eifel keine Tradition

Kritik am Trend zu Schottergärten : „Gärten des Grauens“ auch in der Eifel?

Eine Lastwagenladung voller Kies, drei Buchsbäumchen, dazu für selbst ernannte Individualisten noch ein paar leuchtende Glaskugeln – und fertig ist der moderne deutsche Vorgarten, wie man ihn in Neubausiedlungen in ganz Deutschland immer häufiger findet. Auch in der Nordeifel setzen viele Bauherren auf diese vermeintlich pflegeleichte Vorgartengestaltung.

Für Josef Mangold, den Leiter des Freilichtmuseums in Kommern, ist das ein Unding: „Ein solcher Schotter­garten ist einfach tote Fläche, das ist eine Wüstenei“, schimpft der studierte Volkskundler, dessen Museum sich der Dorfkultur und -geschichte im Rheinland verschrieben hat. Dies sei schlicht das glatte Gegenteil dessen, was man sich unter einem schönen Vorgarten vorstelle. „Gerade in der ländlichen Eifel hat das keine Tradition. Das ist ein furchtbarer Anblick.“

Trend begann in den 90er Jahren

Populär geworden ist die Kritik am Siegeszug der Kiesgärten nicht zuletzt durch eine Gruppe in dem Sozialen Netzwerk Facebook. Sie trägt den schönen Namen „Gärten des Grauens“ und hat inzwischen sogar ein gleichnamiges Buch herausgebracht. Ihr Gründer Ulf Soltau sagt, dass ihm mit Abstand die meisten Fotos besonders abschreckender Beispiele aus Nordrhein-Westfalen zugespielt würden. „Mir persönlich sind diese Gärten schon in den 90er Jahren aufgefallen. Damals habe ich sie noch als europäisierte Persiflage buddhistischer Zen-Gärten verstanden“, erzählt der 49-jährige Diplombiologe. Tatsächlich meinen es die Steingärtner aber durchaus ernst.

Josef Mangold, Leiter des LVR-Freilichtmuseums in Kommern, macht sich für den klassischen Vorgarten mit viel Platz für Blumen und Kräuter stark. Foto: Marco Rose

Mehr Pflegeaufwand als gedacht

„Ich registriere seit weit über zehn Jahren eine höhere Nachfrage nach Steingärten oder grauen Hofanlagen“, berichtet Raphael Jansen, Garten- und Landschaftsbauer aus Kalterherberg („Raphaels Art“). Die Steingärten würden oft von Bauherren oder Architekten geplant, weil die Meinung vorherrsche, dass damit der Pflegeaufwand sowie die Entsorgungskosten für Grünschnitt dauerhaft entfallen.  „Ich weise aber jeden Auftraggeber darauf hin, dass zwischen den schönen grauen Steinen sich spätestens im Herbst herabfallendes Laub fängt und penibel entfernt werden sollte“, sagt Jansen. Sonst bilde sich nach einigen Jahren eine Humusschicht zwischen den Steinen, welche wiederum Nährboden für herumfliegenden Samen verschiedenster Pflanzen biete. „Wer dann einige Jahre mit einem Laubsauger mehrmals im Herbst hinter dem Laub hergesaust ist, der wird einen solch zeitintensiven Steingarten nicht mehr weiterempfehlen.“  Im übrigen würde ein Laubbläser das Laub nur noch tiefer zwischen die Steine blasen, warnt der Experte. „Wer diesen Arbeitsaufwand scheut, wird sich dann einige Jahre später in einem farbenfrohen blühenden Vorgarten wiederfinden. Unsere typische Buchenheckenlandschaft sehe ich durch die Kiesgärten jedenfalls nicht gefährdet.“

Aufmerksam, aber ohne größere Sorgen beobachtet derzeit die Politik die aktuellen Gartentrends in der Eifel. Während die Grünen in der Stadt Aachen bereits wegen der Ausbreitung von Kies- und Geröllwüsten Alarm schlagen, suchen die Parteifreunde in Simmerath, Roetgen und Monschau den Dialog zu Bauherren. „Wir wollen keine Verbote“, sagt Gisela Kampshoff-Enderle, grünes Vorstandsmitglied in Simmerath. Allerdings werbe man durchaus für Gebote, also Vorgaben in den Bebauungsplänen künftiger Neubaugebiete – in Simmerath betrifft das vor allem die geplante Bebauung in Lammersdorf sowie das Gebiet „Am Meisenbruch“. Dort könne man Bauherren zum Beispiel dazu verpflichten, zu 50 Prozent heimische Gehölze sowie Hecken anzupflanzen oder auch den Boden nicht übermäßig zu versiegeln. „Wir müssen den Spagat schaffen: Einerseits unser dörfliches Ambiente bewahren und gleichzeitig mehr Flächen für Wohnraum und darunter auch für Mehrfamilienhäuser schaffen“, sagt Kampshoff-Enderle.

Kein schöner Anblick: verdorrte Pflanzen im Schottervorgarten. Foto: Marco Rose

In der Gemeinde Roetgen will die Verwaltung ähnlich vorgehen. „Grundsätzlich haben wir wenig Handhabe, zu verhindern, dass jemand statt eines Rasens oder Vorgartens eine Steinwüste anlegt“, gibt Bauamtsleiter Dirk Meyer zu bedenken. Daher müssten die Kommunen rechtliche Lösungen finden, die auch vor den Verwaltungsgerichten Bestand hätten. Dies geschehe etwa über besagte Pflanzgebote, wie man sie auch bei dem Neubaugebiet „Greppstraße 2“ in Roetgen vorsehen werde.

„Bislang sind solche Schotter­gärten ja zum Glück Einzelfälle in der Eifel“, meint Franz-Josef Hammelstein (SPD), Ortsvorsteher von Lammersdorf. „Sollte das überhandnehmen, würden wir sicher reagieren.“

Sein Parteifreund Gregor Mathar, Fraktionsvorsitzender in Monschau, mutmaßt, dass in einer älter werdenden Gesellschaft auch der Wunsch nach möglichst pflegeleichten Gärten zunehme. Dass dies auf Kiesgärten nicht unbedingt zutreffe, wüssten wohl nur die wenigsten.

„Es fehlt am Wissen über Gärten“

Für Museumschef Josef Mangold manifestiert sich in den Kiesgärten vieles, was in der Gesellschaft schief läuft: „Die Menschen haben keine Zeit mehr, sind gestresst – und oftmals fehlt es am Wissen um die Pflanzen.“ Das Schlimmste sei, dass viele am Ende zur chemischen Keule griffen, um das „schöne Grau“ im Vorgarten längere Zeit zu erhalten. „Da pflegen die Leute mit einem Wahnsinnsaufwand am Ende bloß eine Wüste – unbegreiflich.“ Verbote hält auch Mangold nicht für zielführend. Er setzt vor allem auf Aufklärung und Förderung. Genau zu diesem Zweck ist sein Museum seit zwei Jahren Kooperationspartner bei dem Projekt „DorfBioTop“, an dem Kommunen der Städteregion Aachen sowie der Kreise Düren und Euskirchen teilnehmen. „Wir registrieren einen Verlust des Wissens um die traditionelle Arbeit im Garten“, sagt Mangold. Umso wichtiger sei es, das Wissen weiterzugeben.

Wer sich dafür interessiert, kann sich in Kommern ansehen, wie Dorfgärten nach traditionellem Vorbild gepflegt werden. „Wichtig ist übrigens auch, dass die Kommunen mit gutem Beispiel vorangehen und öffentliche Flächen am Straßenrand und auf Verkehrsinseln zum Beispiel mit Wildkräutern bepflanzen. Das sieht gut aus und bietet Bienen Lebensraum.“

Raphael Jansen sieht angesichts solcher Initiativen „dem grauen Trend sehr gelassen entgegen“. Es mehrten sich in letzter Zeit auch wieder die Stimmen jener, die einen individuellen und durchaus bunten Garten haben wollten. „Andere Ideen sind gefragt. Wir haben in den vergangenen Jahren immer mehr Pflanz- und auch Hochbeete für Kräuter und Gemüse hergestellt.“ Sein Fazit: Die Eifel bleibt bunt.